• Radikalismus – wie Menschen zu Extremisten werden

     

Radikalismus – wie Menschen zu Extremisten werden

Die Taten radikaler Menschen und Gruppen haben in diesem Jahr viele Opfer gefordert und die Öffentlichkeit schockiert. Doch die komplexen Mechanismen, die hinter der Radikalisierung stehen, sind bisher wenig erforscht. Ein Thema beim diesjährigen DGPPN-Kongress in Berlin war deshalb die Frage, wie Menschen in den Extremismus entgleiten.

Radikalisierung ist ein Phänomen, bei dem Einzelpersonen, Gruppen oder Massen zu einer Extremüberzeugung gelangen, die auch extreme Taten – zum Beispiel Attentate oder Terrorakte – nach sich ziehen können. Meist ist Radikalismus im politischen und religiösen Kontext zu beobachten, wie etwa bei der Pegida-Bewegung in Deutschland oder dem Islamischen Staat in Syrien. Radikale Taten können aber auch ohne ideologische Motive erfolgen, wie es bei den verschiedenen Formen des Hooliganismus zu beobachten ist.

Wie Radikalisierung entsteht, hat die Forschung bisher noch nicht ausreichend verstanden. So unterschiedlich wie die Ursachen ist auch der empirische Zugang. „In der Psychiatrie und Psychotherapie beschäftigen wir uns zuerst mit den Folgen radikaler Taten. Unsere Aufmerksamkeit gilt den traumatisierten Opfern und ihren Angehörigen, die nach solch abscheulichen Attentaten wie in Paris jede notwendige medizinische und therapeutische Hilfe erhalten müssen. Doch wenn es uns gelingt, die Entstehungsprozesse zu verstehen, die hinter der Radikalisierung stehen, eröffnen sich dadurch vielleicht auch neue Möglichkeiten der Prävention“, erklärt DGPPN-Präsidentin Dr. Iris Hauth, Berlin.

Die Experten sind sich einig: Radikalisierung hat bei jedem einzelnen Menschen eine andere Ursache: „Es gibt kein psychopathologisches Musterprofil eines Extremisten. Vielmehr verbergen sich dahinter vielschichtige individuelle und soziale Prozesse. Oft fühlen sich radikale Menschen ausgeschlossen. Sie sind verbittert und neigen zur Polarisierung. Radikale Menschen sind in allen Gesellschaftsschichten anzutreffen, sie kommen meist aus der Mitte der Gesellschaft. Einen ganz entscheidenden Einfluss darauf, ob sie extrem werden, hat das psychologische Klima, in dem sie leben“, so Privatdozent Dr. Mazda Adli, Berlin.

Weil ihre Ansichten und Taten so ungeheuerlich sind, werden radikale Menschen oft als psychisch krank bezeichnet. „Radikale Taten sind aber nur in den seltensten Fällen auf eine psychische Erkrankung zurückzuführen. So können Wahnvorstellungen, Drogeneinflüsse und auch hirnorganisch bedingte Störungen zu radikal aggressiven Akten führen. Doch in den meisten Fällen gibt es für extremistische Taten keine klinische Erklärung“, berichtet Professor Dr. Henning Saß, Aachen, Vorsitzender des Beirats der DGPPN.

Das Verhindern von Radikalisierung ist aus Sicht der Experten eine Aufgabe, die die Wissenschaft, Politik, Gesellschaft und Kirche gleichermaßen fordert. So müssen die Einflussfaktoren stärker erforscht werden. Gleichzeitig gelte es, sozialen Ausschluss und Segregation durch Aufklärung, Information, Bildung und Fürsorge zu verhindern.

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