• S3-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Essstörungen

    Kann die Gewichtszunahme durch Medikamente gefördert werden?

     

S3-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Essstörungen

Sollte ich die Patientin, die sich mit einem BMI von 15,2 kg/m² vorstellt, ambulant behandeln? Kann ich die Gewichtszunahme durch Medikamente fördern? Kann die Absicht einer Patientin mit Bulimie, sich in einer angeleiteten Selbsthilfegruppe behandeln zu lassen, unterstützt werden? Kann bei einer Therapie der Binge-Eating-Störung auch erwartet werden, dass sich das Übergewicht reduziert? Bei Essstörungen sind häufig komplexe Indikationsentscheidungen zu treffen. Der Beitrag geht der Frage nach, ob die 2011 erschienenen und bis 2015 gültigen deutschen S3-Leitlinien hier hilfreich sein können.

 

Von der Evidenz zur Empfehlung

Zur Jahreswende 2010/11 wurde die Langfassung der neuen wissenschaftlichen Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der Essstörungen über die Homepage der Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) der Öffentlichkeit zugänglich gemacht (http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/051-026.html ). Etwas später erschien die Leitlinie auch in Buchform ([Herpertz et al. 2011a]). Der Text ist das Ergebnis eines über 5 Jahre währenden Diskussions- und Arbeitsprozesses von über 20 Klinikern und Forschern auf dem Gebiet der Essstörungen, die durch die relevanten Fachgesellschaften entsandt worden waren (siehe „Leitliniengruppe“ am Ende des Beitrags). Die letzte Wegstrecke bildete ein aufwendiger Konsensprozess, im Rahmen dessen nicht nur die Fachgesellschaften, sondern zusätzlich weitere Vertreter von Berufsverbänden zur Konsensdiskussion aufgefordert waren.

 

Was sind Leitlinien?

Leitlinien sollen alle an Diagnostik und Therapie beteiligten Berufsgruppen sowie Patienten und deren Angehörige

  • bei der Entscheidung über angemessene Maßnahmen der Versorgung (Prävention, Diagnostik, Therapie und Nachsorge) unterstützen,
  • die Versorgungsergebnisse verbessern,
  • Risiken minimieren,
  • Therapiesicherheit und Wirtschaftlichkeit erhöhen
  • sowie nicht indizierte Diagnose- und Behandlungsmethoden vermeiden (vgl. [Kopp 2008]).

Dies geschieht in Form von Empfehlungen, die sich von den wissenschaftlichen Evidenzgraden herleiten und gesichertes Wissen aus der Grundlagen- und Versorgungsforschung, aber auch systematisch ge¬sam¬meltes Wissen aus der klinischen -Anwendung explizit einbeziehen sollen.

Nach den Vorgaben der AWMF werden S1-, S2- oder S3-Leitlinien unterschieden, wobei S3-Leitlinien der höchsten Qualitätsstufe und Evidenzbasierung entsprechen. Als Gold-Standard für Empfehlungen gilt das Vorliegen von mehreren, randomisiert-¬kontrollierten Studien (RCTs, [Abb. 1]). Sind Metaanalysen, systematische Reviews und kontrollierte Studien nicht verfügbar, kann auf die klinische Expertise zurückgegriffen werden, die aber im formalen Konsens bestätigt werden muss.

 

Graduierung und Konsensprozess

Die Formulierung von Empfehlungen leitet sich nicht zwingend von einem festgestellten Evidenzgrad ab. So können die Empfehlungen durchaus zurückhaltender ausfallen, obwohl eine hohe Evidenz der Studienlage vorliegt. Vielmehr gehen in eine Behandlungsempfehlung versorgungsrelevante Aspekte ein. Hierzu gehört z. B. die Güte der Studien, das Nutzen-Risiko-Verhältnis oder die Präferenzen von Patienten. [Abb. 1] verdeutlicht die Beziehung zwischen festgestellter Evidenz und Grad der Empfehlung.

 

Lesen Sie hier den ausführlichen Artikel

Aus der Zeitschrift PiD - Psychotherapie im Dialog 2013; 14(04): 16-21