• Somatoforme Störungen

    Was, wenn Schmerzen medizinisch nicht zu erklären sind?

     

Somatoforme Störungen – Wie belastend sind unerklärliche Symptome?

Lassen sich körperliche Symptome auch nach einer gründlichen medizinischen Untersuchung nicht erklären, so handelt es sich um eine "somatoforme Störung". K. Klaus et al. sind der Frage nachgegangen, wie häufig solche Beschwerden auftreten und wie sie sich im Vergleich zu erklärlichen Symptomen auf den Patienten auswirken.

Int J Behav Med 2013; 20: 161–171

 

Schmerzen sind ein Alarmsignal, das die meisten Patienten zum Arzt führt. Zu diesem Ergebnis kam das Forscherteam um K. Klaus in seiner Studie. Die Wissenschaftler befragten 321 Menschen per Telefon, unter welchen Beschwerden sie in den letzten 12 Monaten gelitten haben. Sie nutzten verschiedene Symptomfragebögen wie z. B. den Patient Health Questionnaire 15 (PHQ-15) oder das strukturierte klinische Interview (SKID). Nach einem Jahr erfolgte das Follow-up – hier konnten 244 Teilnehmer erneut interviewt werden. Über 80 % der Teilnehmer besuchten einen Arzt aufgrund von Schmerzen oder pseudoneurologischen Beschwerden (z. B. Müdigkeit), doch nur in weniger als 30 % der Fälle ergab sich der Verdacht einer medizinisch begründeten Erkrankung.

 

Viele Beschwerden gehen von selbst zurück

Sowohl erklärliche als auch unerklärliche Beschwerden beeinträchtigten die Studienteilnehmer in gleichem Maße, wobei Schmerz der beeinträchtigendste Faktor war. Viele Beschwerden gingen innerhalb eines Jahres zurück: 60 % der Symptome, die von den Studienteilnehmern beim Erstinterview angegeben wurden, waren nach 12 Monaten nicht mehr vorhanden. Einige Beschwerden blieben jedoch hartnäckig bestehen, wie z. B. unerklärliche Rückenschmerzen.

Für 20 % der medizinisch unerklärlichen Symptome wurde innerhalb eines Jahres eine medizinische Erklärung gefunden; umgekehrt "wandelten" sich 50 % der medizinisch erklärbaren Beschwerden in dieser Zeit zu unerklärlichen Symptomen. Die meisten Studienteilnehmer litten an verschiedenen Beschwerden. Nur 9 % der 321 Befragten waren völlig symptomfrei. 14 % beschrieben genau ein Symptom, die übrigen Befragten gaben zwischen 2 und 25 Beschwerden an.

 

Bei weniger als einem Drittel ist medizinische Ursache erkennbar

Von den 321 Studienteilnehmern der ersten Befragung litten knapp 52 % (166) an Rückenschmerzen. 80 % dieser Patienten suchten deswegen einen Arzt auf, doch nur bei 11 % (15 von 134) konnte eine medizinische Erklärung gefunden werden. Kopfschmerzen traten bei knapp 29 % der Interviewten auf. 66 % der Betroffenen suchten den Arzt auf, doch nur bei knapp 30 % konnte die medizinische Ursache gefunden werden. Ähnlich sah es für viele weitere Symptome aus, z. B. für gastrointestinale Beschwerden oder Herzrasen. An abdominalen Schmerzen litten knapp 12 % der Befragten. 82 % der Betroffenen führten die Probleme zum Arzt, doch nur bei knapp 23 % fand sich eine erklärbare Ursache.

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die Dichotomisierung der Symptome in "medizinisch erklärbar" und "medizinisch nicht erklärbar" nicht sinnvoll ist. Beispielsweise gelten Beschwerden bereits dann als "medizinisch nicht erklärbar", wenn sie die "erwarteten Symptome" bei einem körperlich manifesten Problem übersteigen. Die Autoren stellten außerdem fest, dass sich die Beschwerden mancher Patienten besserten, sobald eine medizinische Erklärung gefunden wurde.

 

Fazit

Viele Beschwerden lassen sich medizinisch nicht erklären. In der aktuellen Befragung gaben 90 % von 321 Befragten Beschwerden an, doch nur für weniger als ein Drittel der Schmerzsymptome, Gastrointestinalbeschwerden und geschlechtsbezogenen Beschwerden wie z. B. Menstruationsschmerzen fanden sich medizinische Erklärungen. Medizinisch unerklärliche Beschwerden führen allerdings zu einem ebenso großen Leidensdruck wie medizinisch erklärbare Symptome, so die Autoren.

 

Aus der Zeitschrift PPmP Psychotherapie Psychosomatik Medizinische Psychologie 2013; 63(12): 464