• Stimmen haben es befohlen

    Was, wenn sich herausstellt, dass Mörder psychisch krank – schizophren - sind?

     

„Stimmen haben es befohlen“

Schlitz, 2011: Mit einem Kissen erdrosselt ein 46-jähriger Täter seinen 79 Jahre alten Vater, um in den Besitz von Bargeld und an das Erbe zu gelangen. Leider kein Einzelfall:

 

Bad Homburg, 2010: Beamte der Spurensicherung untersuchen in Bad Homburg einen Tatort. Ein junger Mann ersticht im Zuge eines Gewaltausbruchs eine hilflose 79-jährige Dame.

 

Berlin, 2012: Eine 37-jährige Frau wird zunächst enthauptet, anschließend mehrgeteilt. Der Täter: der eigene Ehemann.

 

Neu-Isenburg, 1995: Ein 24-Jähriger zieht mit einem Schraubenzieher los und sticht an einer Straßenbahnhaltestelle auf einen 56 Jahre alten Geschäftsmann ein. Stimmen hatten ihm gesagt, er solle töten.

 

Der Zusammenhang? Alle Täter sind psychisch krank – schizophren. Doch sind sie aufgrund der Schizophrenie direkt schuldunfähig? Das wohl spektakulärste Beispiel grausamer Straftaten in vergangener Zeit fasst Alan Posener (Die Welt) zusammen:

 

Am 24. August 2012, wurde das Urteil gegen den norwegischen Terroristen Anders Behring Breivik verkündet. Das Amtsgericht Oslo sprach den selbst ernannten Tempelritter des Mordes in 77 Fällen schuldig und verurteilte ihn zur Höchststrafe von 21 Jahren Gefängnis mit anschließender Sicherungsverwahrung.

Zwar plädierte Breiviks Verteidiger Lippestad auf nicht schuldig; sein Mandant hatte darauf bestanden, weil er den Prozess als Tribüne für seine islamfeindlichen Überzeugungen benutzen wollte. Aber während Lippestad zunächst auf Nichtzurechnungsfähigkeit plädieren wollte, betonte Breivik, er sei nicht verrückt, sondern habe rational gehandelt, um ein kommendes Blutbad islamischer Dschihadisten zu verhindern.

Die Staatsanwaltschaft hingegen argumentierte, Breivik habe seine Morde im Zustand einer Psychose begangen und müsse in eine geschlossene psychiatrische Anstalt eingewiesen werden. So ergab sich die paradoxe und wohl auch einmalige Situation, dass die Staatsanwaltschaft auf Nichtzurechnungsfähigkeit, die Verteidigung aber auf die Zurechnungs- und Schuldfähigkeit des Angeklagten plädierte.

Doch ließ es die Vorsitzende Richterin Wenche Arntzen nicht gelten: "Das Gericht kann schwer nachvollziehen, wie die Durchsetzung eines strafrechtlichen Systems abhängig gemacht werden soll von den Wünschen des Angeklagten" hinsichtlich der Bewertungsgründe, bemerkte sie trocken. Die Gleichheit vor dem Gesetz bedeute, dass sich das Gericht selbst ein Urteil über die Zurechnungsfähigkeit des Angeklagten bilden müsse.
Dazu lagen den 5 Richtern 2 rechtspsychiatrische Gutachten vor, die zu entgegengesetzten Schlussfolgerungen gelangten. Im ersten Gutachten kamen die Psychiater Torgeir Husby und Synne Sørheim zum Ergebnis, Breivik leide an paranoider Schizophrenie. Dafür spreche seine Wahnvorstellung, Norwegen – und ganz Europa – werde von einer islamischen Eroberung bedroht, und dass "Multikulturalisten" und "Kulturmarxisten" die Christen und Arier an den Islam ausliefern würden; dafür spreche auch der von ihm erfundene Orden der Tempelritter mit geheimen "Zellen" in ganz Europa; dafür spreche schließlich Breiviks "Selbstermächtigung, darüber zu entscheiden, wer leben und wer sterben soll".

Im zweiten Gutachten führten Terje Toerrissen und Agnar Aspaas aus, dass eine schizoide Wahnvorstellung nach gängiger Expertenmeinung nur dann vorliege, wenn sie jenseits der in der jeweiligen Kultur akzeptierten Realitätsmöglichkeit liege: wenn etwa jemand glaube, er sei von Aliens entführt worden und werde von ihnen kontrolliert.

In seinem Schlussplädoyer sagte Lippestad: "Wenn wir berücksichtigen, dass der Angeklagte ein politisches Projekt verfolgt, dann bedeutet die Einschätzung seiner Taten als Ausdruck einer Krankheit, dass man ihn eines grundlegenden Menschenrechts beraubt: des Rechts, Verantwortung für die eigenen Handlungen zu übernehmen." Das ist ein starkes, wenn auch eher moralisches oder gar religiöses als juristisches Argument.

Kann man tatsächlich 77 Menschen hinrichten, sich selbst als nicht verrückt, sondern rational handelnd beschreiben und trotzdem für nichtzurechnungsfähig befunden werden? Dürfen psychisch kranke Patienten zwangsbehandelt bzw. einer Zwangsmedikation unterzogen werden?

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