• Substanzbezogene Störungen und traumatische Erfahrungen in der Kindheit

     

Substanzbezogene Störungen und traumatische Erfahrungen in der Kindheit

Anhand zahlreicher epidemiologischer und klinischer Untersuchungen lässt sich zeigen, dass substanzbezogene Störungen und familiäre Gewalt und Vernachlässigung weit verbreitet sind und in einem systematischen Zusammenhang stehen. Problematischer Substanzkonsum bzw. die Entwicklung von Alkohol- und Drogenabhängigkeit können sowohl als Ursache als auch Folge von traumatischen Erfahrungen in der Kindheit gelten. Der vorliegende Artikel gibt einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand, zeigt mögliche Erklärungsansätze und neue integrative Therapiekonzepte auf und beleuchtet die Suchterkrankung als einen der wichtigsten Risikofaktoren für elterliche Gewaltausübung und Vernachlässigung gegenüber ihren Kindern.

Gewalterfahrungen in der Familie, die zu Traumatisierungen führen können, sind nach epidemiologischen Untersuchungen weit verbreitet. Dazu zählen sowohl das kindliche Erfahren von körperlicher, sexueller und psychischer Gewalt sowie körperlicher und emotionaler Vernachlässigung als auch das Beobachten von Gewalt gegen andere Familienmitglieder. Dabei scheinen das eigene Gewalterfahren und das Beobachten von Gewalt gegen andere, meist des Vaters gegenüber der Mutter, häufig zusammen aufzutreten.

Es ist inzwischen gut belegt, dass das frühe Erleben von interpersoneller Gewalt und Vernachlässigung das spätere Auftreten von psychischen Störungen und problematischen Verhaltensweisen begünstigt. Bisweilen scheinen beide Phänomene eng zusammenzugehören. Die Schwere und Art der Beeinträchtigungen sind dabei abhängig vom kumulierten Zusammenwirken verschiedener Faktoren, darunter die ‚Art‘ und das Ausmaß der traumatischen Ereignisse inkl. Dauer und Häufigkeit der Exposition, deren zeitliche Aufeinanderfolge, genetische und epigenetische Einflüsse, das subjektive Erleben und Bewerten der traumatischen Erfahrung vor dem Hintergrund der eigenen psychischen Ressourcen sowie erlebte soziale Unterstützung, Geschlecht, Alter und kognitive Fähigkeiten der Betroffenen. Vulnerabilitäten, welche konsistente Risikofaktoren für die Ausübung familiärer Gewalt gegen Kinder darstellen, betreffen elterliche Sucht, andere elterliche psychische Erkrankungen, eigene elterliche Gewalterfahrungen, geringe Bildung und schlechte sozioökonomische Bedingungen inkl. Beschäftigungs- und Bildungsstatus sowie junges Alter.

Suchtstörungen zählen sowohl zu den bedeutsamsten Risikofaktoren für die Ausübung von Gewalt an und/oder Vernachlässigung von Kindern als auch zu den häufigsten Folgen früher Vernachlässigung und Gewalt. Mehrere Implikationen ergeben sich hieraus: Erstens muss die Suchtbehandlung und -prävention die häufig bestehenden Traumatisierungserfahrungen der Betroffenen berücksichtigen. Zweitens sollten suchterkrankte Eltern nicht nur hinsichtlich ihrer eigenen Suchtprobleme (und traumatischen Erfahrungen) behandelt werden, sondern auch in ihren Erziehungskompetenzen für ihre Kinder gestärkt werden. Drittens müssen Kinder aus suchtbelasteten Familien, die einem großen Risiko für Traumatisierungen innerhalb der Familie ausgesetzt sind, stärker als Zielgruppe für präventive und frühinterventive Programme und Hilfen in den Blick genommen werden.

Traumatische Erfahrungen als Risikofaktor für substanzbezogene Störungen

Eine 2013 veröffentlichte Studie, welche eine repräsentative deutsche Stichprobe untersuchte, legt nahe, dass ein Drittel der in Deutschland aufwachsenden Kinder von früher Gewalt bzw. Vernachlässigung betroffen sind: 13,9% berichteten von emotionaler Vernachlässigung, 10,2% von emotionaler Misshandlung, 48,4% von körperlicher Vernachlässigung, 12% von körperlicher Gewalt und 6,2% von sexuellem Missbrauch. Von sexuellem Missbrauch waren wesentlich mehr Mädchen (8,6%) als Jungen (2,8%) betroffen, während es für die restlichen Misshandlungs- oder Vernachlässigungsformen keinerlei Geschlechterunterschiede gab. Während etwa ein Drittel der Betroffenen keine konsekutiven Psychopathologien im Erwachsenenalter aufweisen, sich also als resilient gegenüber traumatischen Erfahrungen erweist, trifft dies auf die überwiegende Mehrheit der Betroffenen nicht zu. Dass ein starker Zusammenhang zwischen kindlicher Traumatisierung und substanzbezogenen Störungen im Erwachsenenalter besteht, ist inzwischen anhand einer Vielzahl von Studien dokumentiert und kann als gesichert gelten.


Zusammenhang zwischen traumatischen Erfahrungen in der Kindheit und Substanzkonsum in Jugend und jungem Erwachsenalter

Immer mehr groß angelegte Befragungen Jugendlicher belegen inzwischen auch den Zusammenhang zwischen frühen Traumatisierungserfahrungen und problematischem bzw. frühem Substanzkonsum in Jugend und jungem Erwachsenenalter – dem typischen Einstiegsalter für Nikotin, Alkohol und Drogen. Substanzkonsum im Jugendalter gilt als starker Prädiktor für die Entwicklung einer späteren substanzbezogenen Störung im Erwachsenenalter. Jugendliche, die vor ihrem zehnten Lebensjahr körperlich oder sexuell misshandelt wurden oder Zeugen familiärer Gewalt waren, zeigten einen früheren Einstieg in den Alkoholkonsum als Kinder ohne diese Erfahrungen. In einer großen amerikanischen Studie mit einer repräsentativen Stichprobe von ca. 12 700 Jugendlichen wiesen in der Kindheit vernachlässigte oder misshandelte Jugendliche mehr binge-drinking auf als Jugendliche ohne diese Erfahrungen (12,4% vs. 9,9%). LeTendre und Reed schlossen die Daten einer späteren Befragungswelle ein und stellten fest, dass das Risiko für einen Substanzmissbrauch bzw. eine –abhängigkeit im jungen Erwachsenenalter mit Zunahme der berichteten Fälle von emotionaler, körperlicher und sexueller Gewalt stieg. In einer aktuellen Studie von Cohen et al. wurden 580 junge Erwachsene in einer Längsschnittstudie in 3 aufeinanderfolgenden Jahren befragt. Es ergab sich ein starker Zusammenhang zwischen emotionaler bzw. körperlicher Vernachlässigung und dem Konsum von illegalen Drogen sowie erhöhten Werten für Depression und Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS).

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Substanzbezogene Störungen und traumatische Erfahrungen in der Kindheit

Aus der Zeitschrift: Suchttherapie 02/2018

Call to Action Icon
Suchttherapie Jetzt kostenlos testen!

Thieme Newsletter

Quelle

Suchttherapie
Suchttherapie

Prävention, Behandlung, wissenschaftlich Grundlagen

EUR [D] 112,00Zur ProduktseiteInkl. gesetzl. MwSt.

Buchtipps

Psychotherapie im Dialog - Sucht
Bettina Wilms, Hans Lieb, Michael BrodaPsychotherapie im Dialog - Sucht

EUR [D] 39,00Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.

Praxisbuch Sucht
Anil Batra, Oliver Bilke-Hentsch, Anil Batra, Oliver Bilke-HentschPraxisbuch Sucht

Therapie der Suchterkrankungen im Jugend- und Erwachsenenalter

EUR [D] 59,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.