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Substanzbedingte Störungen und Sexualstraftaten

Ausgehend von der Definition, die Kafka im Jahr 2010 vorschlug, ist eine Hypersexuelle Störung dadurch gekennzeichnet, dass intensive und wiederkehrende sexuelle Fantasien, sexuelle Dranghaftigkeit oder sexuelles Verhalten das Alltagserleben massiv beeinträchtigen und zu Leidensdruck führen. Nicht nur die aufgewendete Zeit, sondern auch die Nutzung der sexuellen Verhaltensweisen zur Stressregulation oder bei dysphorischen Stimmungen sind mit dem Leidensdruck assoziiert.

Die Begriffe Sexsucht (sex addiction) und hypersexuelle Störung (hypersexual disorder) sind umstritten und Gegenstand weiterer Forschung. In dem vorliegenden Beitrag wird der Begriff hypersexuelle Störung verwendet. In der ICD-10 (F52.7) existiert die diagnostische Kategorie gesteigertes sexuelles Verlangen (excessive sexual drive), welche dem Unterkapitel der sexuellen Funktionsstörungen zugeordnet wird. Für die ICD-11 wird die diagnostische Kategorie „compulsive sexual behavior disorder“ vorgeschlagen.

Geschätzte Prävalenzraten für hypersexuelle Symptome liegen zwischen 3–6% in der Allgemeinbevölkerung. Zu den Symptomen werden sexuell exzessives Verhalten unter anderem bezogen auf Selbstbefriedigung, Cybersex, Pornografie-Konsum, anonyme Sexualität, Telefonsex und Besuche von Stripclubs gezählt. Es können unterschiedliche sexuelle Symptome sowie somatische Beschwerden und psychiatrische Erkrankungen gleichzeitig bestehen. Die Konsequenzen hypersexueller Störungen ähneln oft denen anderer nicht stoffgebundener Abhängigkeiten. Negative Folgen können beispielsweise Partnerschaftsprobleme, ein erhöhtes Risiko sich mit Geschlechtskrankheiten zu infizieren sowie finanzielle und berufliche Schwierigkeiten sein. Zudem versuchen Betroffene häufig die Symptome zu verheimlichen oder verlieren zunehmend die Kontrolle über das sexuelle Verhalten. Der Versuch die Handlungen zu unterbinden führt meist zu einer Zunahme der subjektiv erlebten Dranghaftigkeit. Auch Scham, Grübeln und Selbstmitleid können nach einer Untersuchung von Reid et al. mit einer hypersexuellen Störung zusammenhängen.

In den letzten Jahren wurde versucht, die hypersexuelle Störung bzw. die Sexsucht mit substanzbedingten Störungen zu vergleichen. Unter anderem versuchten Forscher einen gemeinsamen neurobiologischen Zugang zu finden. Eine neuropsychiatrisch assoziierte hypersexuelle Symptomatik wurde schon früh als Folge von Hirnschädigungen/-läsionen beschrieben (z. B. Tumoren, Klüver-Bucy Syndrom). Durch Kenntnis der beschädigten Region im Gehirn wurde versucht einen Zusammenhang zu der Störung herzuleiten. Dabei blieb unklar ob die Störung mit dem Verhalten selbst oder mit der Motivation zu diesem Verhalten zusammenhängen könnte. Bereits in den 1990er Jahren fand man heraus, dass sexuelle Dysfunktionen häufiger nach rechtshemisphärischer Schädigung auftraten. („We found that the prevalence of major sexual dysfunction was significantly greater after right (9/12) than after left (4/14) hemisphere stroke in 26 men with unilateral stroke“). Zwar wisse man, dass bestimmte neuronale Korrelate auftreten, wie eine erhöhte Aktivität im Sensomotorischen Kortex und cerebellum (motorische Aktivität), Hypothalamus (Oxytocinsekretion und Orgasmus) und der Dopaminbahn (Verstärkung/-Belohnungssystem), trotzdem sei man weit davon entfernt, die einzelnen Prozesse erotischen Erlebens oder sexueller Erregung anhand von Hirnfunktionen zu erklären.

Der Nucleus accumbens (als Teil des Belohnungssystems) beeinflusst die verstärkenden Effekte von Substanzen wie Kokain, Alkohol, Nikotin, Essen, Musik, aber auch von Sexualität. Stark vereinfacht führen alle diese Aktivitäten in sehr unterschiedlichem Ausmaß und unterschiedlicher Geschwindigkeit zu einer Ausschüttung von Dopamin, welches an Rezeptoren des Nucleus accumbens bindet. Dadurch entstehen Erregungspotenziale, die an weitere Gehirnstrukturen ausgesendet werden und positive Affekte wie Freude und Zufriedenheit auslösen. Drogen, wie auch Glücksspiel und Sex stimulieren dabei wahrscheinlich bei manchen Menschen das Belohnungssystem stärker als andere Reize.

 

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Hypersexuelle Störung, Substanzbedingte Störungen und Sexualstraftaten

Aus der Zeitschrift Suchttherapie 04/2016

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