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Sucht im Alter

In den meisten Kulturen ist es üblich, gegenüber dem Alter Achtung und Respekt zu zeigen. Aber wie geht das bei einem suchtkranken alten Menschen, der so gar nicht dem Bild der „netten Oma“ oder dem „netten Opa“ entspricht? Die nachfolgenden Ausführungen zu Sucht als neurobiologischer Erkrankung beziehen sich im Wesentlichen auf das Thema Alkohol und den Bereich der Schlaf- und Beruhigungsmittel bei der Altersgruppe ab 65 Jahren.

Sucht als neurobiologische Erkrankung

Sucht im Alter ist ein unangenehmes Thema – für Betroffene, für ihre Angehörigen und für medizinische Berufe. Suchterkrankung haftet immer der Makel des Selbstverschuldeten an. Auch Begrifflichkeiten wie „Lügen“, „Aggressivität“ und „wenn der Betroffene nicht will, kann man eh nichts machen“ sind häufig. Häufig besteht auch die Vorstellung, dass es allein von der Motivation des Betroffenen abhängt, ob dieser von der Sucht wieder loskommt. Die Umformulierung macht die Unsinnigkeit dieses Ansatzes deutlich: Betroffene haben im Vorfeld der Erkrankung sich entschieden, abhängig zu werden und wollen krank bleiben.

Die Forschung hat gezeigt, dass Suchterkrankungen komplizierte neurobiologische Veränderungen im Gehirn mit Beteiligung verschiedener Neurotransmittersysteme zugrunde liegen. Am besten nachvollziehbar wird die Neurobiologie der Sucht anhand der Studien zu Anticraving-Mitteln, also Medikamenten, die den Suchtdruck reduzieren. Studien haben gezeigt, dass bei Alkoholabhängigen die Wirkstoffe Acamprosat und Naltrexon jeweils die Abstinenzquote verdoppeln, die Kombination beider Präparate sogar noch höhere Abstinenzquoten ermöglichen. Dabei haben diese Mittel keine psychotrope Wirkung im engeren Sinne, machen also nicht ruhiger, entspannter oder zufriedener, sondern wirken „nur“ auf den Suchtdruck.

 

MERKE

Ein wesentlicher Schlüssel für den Umgang ist, das Krankheitsbild „Sucht“ als eine neurobiologische Erkrankung zu verstehen und moralisierende Wertungen zu unterlassen.

Beim Thema Motivation für die Bedeutung der Behandlung muss zunächst festgehalten werden, dass ein Symptomkomplex der Suchterkrankung eine Verleugnung bzw. Bagatellisierung im Sinne einer verzerrten Selbstwahrnehmung bezüglich Konsummenge und Konsumfolgen ist. Dadurch wird der Leidensdruck, der bei jeder Erkrankung der Motor zum Aufsuchen von Hilfe ist, deutlich reduziert.

Auch das Rückfallgeschehen unterliegt nicht der freien Willenssteuerung. Bei einem depressiven Patienten würde nur ein unbedarfter Laie sagen: „Stell dich nicht so an, die Welt und dein Leben sind doch schön, warum traurig sein“. Auch bei einer Schizophrenie würde der Ansatz, es liegt an dem Betroffenen selbst, ob er Stimmen oder Wahnvorstellungen zulassen möchte oder nicht, nur Kopfschütteln auslösen. Bei Suchtkranken wird aber erwartet, dass sie allein über ihren Willen die Erkrankung in den Griff bekommen.

Die alten Versuche von Pawlow zur Konditionierung zeigen in Analogie, dass die zu Rückfall führenden Prozesse nicht einfach dem Willen unterliegen (freie Entscheidung nach Neigung und Motivation). Der pawlowsche Hund kann nicht frei entscheiden, ob er beim Läuten der Glocke Speichel produziert oder nicht. Konditionierte Reize führen zu entsprechenden, dem Willen nicht unterliegenden körperlichen Veränderungen.

Genauso ist es mit der Anpassungsleistung des Körpers an Alkohol (sogenannte Gewöhnung). Der Körper von Alkoholabhängigen hat gelernt, die akute Wirkung von Alkohol durch Gegenregulationsmaßnahmen auszugleichen, sodass mehr Alkohol vertragen wird bzw. eine größere Menge Alkohol benötigt wird, um die gleiche Wirkung zu erzielen. Diese Gegenregulationsmechanismen werden aber bereits aktiviert, wenn in Analogie zu der pawlowschen Glocke Trigger auftreten, die mit dem Suchtmittelkonsum zusammenhängen. Dies können Orte (Stammkneipe), Situationen (mit Freunden auf dem Weg ins Stadion) oder Stimmungen (Freude genauso wie negative Gefühle) sein. Der Körper hat gelernt, dass in diesen Situationen Alkohol kommt und stellt sich entsprechend mit der Gegenregulation darauf ein. Wird nun in dieser Situation nicht getrunken, so führt diese Gegenregulation, die jetzt nicht von Alkohol gebremst wird, zu den gleichen Symptomen, die im Entzug auftreten. Sind die Symptome leicht oder bestehen größere Hindernisse Alkohol zu konsumieren (z. B. Anwesenheit von Menschen, die von der Abhängigkeit wissen), so können Betroffene eventuell mit den Symptomen umgehen. Je schwerer und ausgeprägter die körperlichen Entzugssymptome im Entzug waren, umso schwerer wird es in der abstinenten Zeit sein, in solchen konditionierten Situationen nicht rückfällig zu werden, so meine klinische Beobachtung. Entscheidend hierfür ist dann die Motivation des Betroffenen, sich Hilfe zu holen und zu lernen mit der Erkrankung umzugehen.

 

MERKE

Suchtkranke können genauso wenig wie andere psychisch Kranke mit dem Willen steuern, ob sie krank sind oder nicht. Sie können aber entscheiden, wie viel Hilfe sie zulassen.

Lesen Sie hier den ganzen Beitrag: Sucht im Alter
aus der Zeitschrift PSYCH up2date 15(01) / 2021

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