• Suizidalität

    Was bewegt Menschen dazu, sich das Leben nehmen zu wollen?

     

Suizidalität

Obwohl Suizidalität und Depression häufig miteinander verbunden sind, ist doch das eine nicht die zwangsläufige Folge des anderen, sondern besitzt seine eigene Dynamik, die getrennt vom Depressiven dargestellt wird.

In der (alten) Bundesrepublik beendeten jährlich ca. 13-14000 Menschen ihr Leben durch Suizid. Darüber hinaus ist anzunehmen, dass sich hinter einem Teil der „ungeklärten Todesursachen“, der einem Teil der tödlichen Verkehrsunfälle, ebenfalls Suizidhandlungen verbergen. Das Suizidrisiko ist bei Männern doppelt so hoch wie bei Frauen. Die Relation von Suizid zu Suizidversuch beträgt bei jungen Männern 1 : 12, bei älteren Männern 1 : 1,3, bei jungen Frauen 1 : 30, bei älteren Frauen 1 : 1,7. Die Wiederholungsquote eines Suizidversuchs liegt bei 10 %. Neben den alten Menschen tragen psychotisch Kranke, insbesondere solche mit affektiven Psychosen sowie depressive und süchtige, vor allem chronisch alkoholabhängige Patienten, ein hohes Suizidrisiko.

Die kurzen Angaben sollen darauf hinweisen, dass Suizidhandlungen ein relativ häufiges Phänomen darstellen. Noch häufiger ist freilich Suizidalität im weiteren Sinne, d.h. die Tatsache, dass jemand an Suizid denkt, sich dazu gedrängt fühlt, ihn vorbereitet, ohne dass etwas davon nach außen dringt. Einem großen Teil der Psychotherapiesuchenden oder sich in Psychotherapie befindlichen Patienten ist diese Thematik bekannt, und letztlich begegnen ihr die meisten Menschen irgendwann in ihrem Leben.

 

Psychodynamische Faktoren

An dieser Stelle soll aber weniger eine Beschreibung des suizidalen Phänomens vorgenommen werden, vielmehr gilt es, ihre Dynamik zu beleuchten. Die Suizidalität der älteren Menschen ist besonders geeignet, das Thema zu beleuchten, weil hier viele Faktoren zusammenkommen, die einzeln oder weniger massiv ausgeprägt auch die Suizidthematik der jüngeren Menschen bestimmen. Insbesondere finden sich hier plausible Antworten auf die immer wieder zuerst gestellte Frage nach dem Warum: „Er hat es getan, weil er niemanden mehr hatte, weil er sich überflüssig fühlte, weil ihm keine Aufgaben mehr blieben, weil er immer Schmerzen litt, weil er schon lange trank usw.“

Jeder dieser Punkte versucht, verständlich zu machen, warum jemand nicht mehr leben möchte. Die Aufzählung lässt die zentralen Themen der Suizidalität erkennen. Sie lassen sich in fünf Punkten zusammenfasen.

 

Verlust wichtiger Objekte

Im fortgeschrittenen Alter sterben Partner und Altersgenossen, Kinder wenden sich ihrem eigenen Leben zu, Auseinandersetzungen führen aufgrund größerer Kränkbarkeit zu Beziehungsabbrüchen, mit dem Ende der Berufstätigkeit fallen ein Teil der Alltagsstruktur und die darin enthaltenen Befriedigungen weg. Die Folge ist, dass das soziale Netz löcherig wird, die Möglichkeiten des Kontakts, des Austauschs, der wechselseitigen Bestätigung und Unterstützung werden geringer. Im Extremfall geht die Entwicklung in Richtung Vereinsamung und soziale Isolierung. Wie ein Mensch im Einzelnen den Objektverlust verarbeitet, hängt freilich von seiner Vulnerabilität in diesem Bereich ab, d.h. vom Ausmaß seiner depressiven Objektabhängigkeit oder seiner narzisstischen Objektbezogenheit.

 

Labilisierung des Selbstwertgefühls

An die Einbindung in das soziale Gefüge des privaten Alltags und des Berufs ist das Gefühl des eigenen Wertes geknüpft; „etwas wert sein“ heißt: für jemanden etwas bedeuten. Viele Männer verlieren dieses Wertgefühl, wenn sie beruflich nicht mehr gebraucht werden. Bei Frauen wird der Selbstwertzweifel durch den Verlust (z.B. das Erwachsenwerden) der eigenen Kinder geweckt. Wer äußerlich niemanden mehr hat, der ihn braucht, läuft Gefahr, sich für überflüssig und wertlos zu halten, es sei denn, er fühlt sich durch den Kontakt zu seinen inneren wichtigen Objekten gestützt. Auch hier gibt die bis dahin bestehende Verletzlichkeit im Bereich des Selbstwerts den Ausschlag dafür, wie die lebensbedingten Einschränkungen verarbeitet werden können.

 

Kränkung

Die zwangsläufigen Verluste des Alters mobilisieren besonders starke Reaktionen bei Menschen mit einem depressiven Grundkonflikt. Der Verlust der wichtigen Objekte macht sie weniger traurig als hilflos, sie erleben Ohnmacht und Wertlosigkeit, aber auch Enttäuschung; der Verlust erscheint als ein enttäuschendes Verlassenwerden, in der Enttäuschung mischen sich Trauer und ohnmächtige Wut. Dieser Aspekt des Aggressiven verstärkt sich, wenn die Verarbeitung des depressiven Grundkonflikts in die narzisstische Richtung erfolgt war, wenn also das Selbstwertgefühl gerade durch die Bewunderung des zugleich auf Distanz und unter Kontrolle gehaltenen Objekts narzisstisch stabilisiert wurde. So wird das Alleingelassenwerden, das Nicht-mehr-Dazugehören, das Überflüssigsein zur ausgeprägten narzisstischen Kränkung, die mit entsprechendem Groll gegen die enttäuschenden Objekte verbunden ist.

 

Rückzug aus der Realität

Es liegt nicht allein in der Selbstwertlabilisierung ein Risikofaktor, sondern vor allem in deren Folgen. Zum Schutz des Selbstwerts können narzisstische Prozesse in Gang kommen, etwa in Form narzisstischer Idealisierung des eigenen Selbst oder einer wichtigen, vielleicht sogar nur fantasierten Person. Da die funktionierende Realitätsprüfung solche narzisstischen Einstellungen infrage stellen würde, muss zusätzlich Realitätsverleugnung und Realitätsvermeidung betrieben werden. Damit wird zugleich die Fantasie vom Rückzug in eine Idealwelt verstärkt.

 

Krankwerden

Zwangsläufig geht das Älterwerden für die meisten Menschen mit dem Verlust körperlicher Spannkraft und Vitalität einher, kleinere und größere Beschwerden sind an der Tagesordnung. Gleichzeitig wird aber auch der Verlust der wichtigen Objekte und der Zugehörigkeit zu ihnen, die Einbuße von Lebenszielen und Kompetenzen nicht einfach hingenommen, sie bedeuten einen Abschied und damit Trauer. Manche Menschen haben jedoch den Umgang mit Trauer und Schmerz in ihrem Leben nicht geübt, sie verfügen über wenig Möglichkeiten, diese Gefühle bei sich zu erleben oder gar auszudrücken; vielleicht versuchen sie, so zu tun, als wäre nichts geschehen, als ginge das Leben weiter wie bisher. Für sie stellt der unerledigte Abschiedsschmerz ein Risiko dar für ihr psychisches Gleichgewicht und ihr somatisches Wohlbefinden, sie beginnen körperlich zu kränkeln.

Aus ihrer Unfähigkeit zu trauern erwächst eine depressive Gestimmtheit, die häufig somatisiert wird: Schmerzhafte Körperbeschwerden und Einschränkungen vegetativer Funktionen (Appetitmangel, Schlafstörungen, Verdauungsstörungen) sind ihr Ausdruck. Arztbesuche und medizinische Maßnahmen gewinnen größere Bedeutung, insbesondere auch die Einnahme von Schmerz-, Schlaf- und Beruhigungsmitteln. Das Krankwerden oder Kränkeln, der Verlust verlässlicher Gesundheit bringt freilich eine erhebliche Einschränkung des Lebensgefühls und Lebenswillens mit sich. Das verstärkt die Tendenz aufzugeben, sich aus dem sozialen Kontakt zurückzuziehen und lässt unterschwellig die Hoffnung anwachsen, endlich zur Ruhe zu kommen, und sei es im Tode.

Aus dem Buch: Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik

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