• Suizid, psychiatrische Klinik, Suizidprävention, Methodenrestriktion, Schweiz

     

Suizide während psychiatrischen Hospitalisationen

Eine Studie hat 436 Suizide stationärer Patienten in der Schweiz innerhalb und außerhalb ihrer psychiatrischen Kliniken im Zeitraum 2000 - 2010 im Detail analysiert.

Suizide während psychiatrischen Hospitalisationen stellen in der Regel ein traumatisches Ereignis für Mitpatienten, Angehörige und Personal dar. Je nach Studie reicht die Rate von Kliniksuiziden von 0,5 – 4 Suiziden pro 1000 Aufnahmen. Ein Grund für diese unterschiedlichen Angaben könnte darin liegen, dass sich die Rate von Kliniksuiziden über die Zeit veränderte. Während diese in den 70er- und 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts stark anstieg, sank sie insbesondere im Verlauf der letzten beiden Dekaden. Jeder vierte in eine psychiatrische Klinik eingewiesene Patient hat einen Suizidversuch durchgeführt. Stationär behandelte Patienten sind somit insgesamt eine Risikopopulation für einen späteren Suizid und erfordern nicht selten eine intensive Betreuung.

Bezüglich der Diagnosen der Suizidenten finden sich unterschiedliche Angaben in der Literatur. Wenige Studien zeigen ein hohes Risiko für Persönlichkeitsstörungen, deutlich häufiger finden sich Diagnosen aus dem schizophrenen Formenkreis und für affektive Störungen. Zur Häufigkeit von Abhängigkeitserkrankungen bei Kliniksuiziden existieren nur wenige wissenschaftliche Publikationen. Nichtkontrollierte Studien nennen eine komorbide Alkoholabhängigkeit als Risikofaktor für einen Kliniksuizid. Auch bezüglich der Diagnosen lässt sich eine Dynamik über die Zeit feststellen: In der letzten Dekade nahm das Risiko für Kliniksuizide bei affektiven Störungen tendenziell zu, bei Schizophrenien eher ab.

Suizide während psychiatrischer Hospitalisationen ereignen sich häufiger außerhalb des Klinikgeländes. Die außerhalb und innerhalb der Klinik angewendeten Methoden unterscheiden sich: Sprung und Zug sind die häufigsten Methoden außerhalb, Erhängen gilt als die häufigste Methode innerhalb der Klinik. Daten zur Häufigkeit von Sprungsuiziden innerhalb der Klinik sind rar, insgesamt scheint der Sprung eine Suizidmethode zu sein, die häufiger bei psychotischen Patienten zu finden ist.

Trotz verschiedener bekannter Prädiktoren für Suizide während einer psychiatrischen Hospitalisation, wie depressive Symptome bei der Aufnahme, Diagnose einer affektiven Störung oder einer Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis und selbstverletzendem Verhalten in der Vorgeschichte, lassen sich gefährdete Patienten anhand dieser Prädiktoren nicht oder nur unsicher identifizieren. Deshalb erscheint eine Suizidprävention für alle Patienten im Sinne von strukturellen Maßnahmen sinnvoll. Neben den vermutlich wesentlichen suizidpräventiven Maßnahmen im Rahmen von Behandlung und Betreuung sind vor allem bauliche Maßnahmen Erfolg versprechend. Die Zugänglichkeit und die Verfügbarkeit von Suizidmethoden spielen hierbei sowohl innerhalb als auch außerhalb der psychiatrischen Klinik eine wesentliche Rolle. Bezüglich der Gesamtpopulation zeigen Studien, dass eine Methodenrestriktion zu erheblicher Suizidreduktion führt. Methodenrestriktive Maßnahmen sind daher auch in psychiatrischen Kliniken Erfolg versprechend. Bisher finden sich nur wenige aus empirischen Daten abgeleitete Informationen darüber, wie restriktive, suizidpräventive Maßnahmen in Kliniken konkret umgesetzt werden sollen. Verschiedene Autoren empfehlen zwar im Bezug auf die Methode Erhängen möglichst tiefe Aufhängepunkte durch bauliche Maßnahmen zu sichern, belegen jedoch nicht, ab welcher Höhe dies sinnvoll ist. Unklar ist des Weiteren, ab welcher Höhe Sprungorte innerhalb und außerhalb einer Klinik gesichert werden sollten.

Mit der vorliegenden Studie sollen Unterschiede zwischen Patienten, die sich innerhalb beziehungsweise außerhalb einer psychiatrischen Klinik suizidierten, herausgearbeitet und geprüft werden. Ferner sollen Suizide innerhalb und außerhalb der Klinik hinsichtlich angewendeter Methode retrospektiv untersucht werden. Aus den Ergebnissen sollen Schlussfolgerungen für die Suizidprävention abgeleitet werden.

Methode

Alle Daten wurden retrospektiv zwischen Januar 2011 und Dezember 2013 erhoben.

Die Daten sind Teil der Untersuchung vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) „Suicide in Switzerland: A detailed national survey of the years 2000 to 2010 (NF 32003b_133070/1)“. In der Studie wurden alle Suizide erfasst, welche in den Jahren 2000 – 2010 in den Schweizerischen Instituten für Rechtsmedizin (IRM) in Zürich, Bern, Basel, Chur, St. Gallen, Lausanne, Genf und Locarno mittels Obduktion oder Leichenschau untersucht worden sind. Fälle, die nicht von IRMs, sondern z. B. von Bezirksärzten erfasst wurden, konnten nicht einbezogen werden. Die Akten der IRMs enthielten zusätzlich die Untersuchungsergebnisse der Polizei und teilweise Berichte von vorbehandelnden Ärzten. In einer Pilotstudie wurde ein Erhebungsbogen mit 68 Items generiert, der ein einheitliches Vorgehen der instruierten Assessoren (Masterstudenten) an den verschiedenen Erhebungsorten gewährleistete. Fälle, die in den Akten als unklarer Suizid deklariert wurden, wurden von den Analysen ausgeschlossen. Aus den vorhandenen IRM-Akten wurden soziodemografische Variablen (z. B. Alter, Geschlecht, Partnerschaft, Staatsbürgerschaft), diverse medizinischen Variablen (z. B. psychiatrische Anamnese, psychiatrische Diagnosen [Mehrfachdiagnosen möglich], frühere Suizidversuche) sowie Details zum Suizid (Suizidmethode, Abschiedshandlung, genauer Sterbeort) extrahiert.

Die Erhebungsbögen wurden mittels Teleform® eingescannt, systematisch kontrolliert und, falls nötig, manuell korrigiert. In der vorliegenden Studie wurden aus der Gesamtstichprobe alle Suizidfälle eingeschlossen, welche sich während einer psychiatrischen Hospitalisation ereigneten.

Die IRM-Akten wiesen eine unterschiedliche Datenqualität auf. Hierdurch ergeben sich für die Analysen teilweise unterschiedlich Fallzahlen.

Folgende methodenspezifische Daten wurden in die vorliegende Studie einbezogen: Bei der Methode Erhängen wurde erfasst, ob es sich um komplettes oder inkomplettes Erhängen handelte (ohne bzw. mit Bodenkontakt der Füße). Ferner wurden die genaue Örtlichkeit und das Strangulationswerkzeug festgehalten. Bei der Methode Sprung in die Tiefe wurde die Art des Sprungorts, die Zugänglichkeit von Gebäuden sowie die Sprunghöhe (Stockwerk oder Distanz in Metern) erfasst.

Die statistischen Analysen erfolgten mittels SPSS ® (Version 21). Es wurden statistische Standardverfahren (Chi2-Tests, T-Tests) verwendet, bei fehlender Normalverteilung (kontrolliert mittels Kolmogorow-Smirnow-Test) wurde der jeweilige nonparametrische Test (Wilcoxon-Mann-Test, Whitney-U-Test) eingesetzt. Bei Reihenanalysen wurden Bonferroni-Korrekturen durchgeführt.

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Suizide während psychiatrischen Hospitalisationen

Aus der Zeitschrift: Psychiatrische Praxis

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