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    Unterscheiden sich Frauen mit Bordeline-Symptomatik in ihren Motiven für Körpermodifikationen von Personen ohne Symptombelastung?

     

Tattoos und Piercings: Motive für Körpermodifikationen bei Frauen mit Borderline-Symptomatik

Zusammenfassung

 

Fragestellung:

Unterscheiden sich Frauen mit Bordeline-Symptomatik in ihren Motiven für Körpermodifikationen von Personen ohne Symptombelastung?

 

Methode:

289 tätowierte/gepiercte Frauen wurden zu Körpermodifikationen, Motiven und Borderline-Symptomen befragt. Frauen mit Borderline-Symptomatik wurden hinsichtlich Ausmaß von Körpermodifikationen und Motivdomänen mit Frauen ohne Borderline-Symptomatik verglichen.

 

Ergebnisse:

Frauen mit Borderline-Symptomatik sind nicht stärker modifiziert als Frauen ohne Borderline-Symptomatik. Gruppenunterschiede zeigten sich darin, dass die Motive Individualität, Coping und Verarbeitung negativer Lebensereignisse für die Frauen mit Borderline-Symptomen von größerer Relevanz waren als für die Vergleichsgruppe.

 

Diskussion:

Das Ausmaß an Körpermodifika­tionen scheint kein Indikator psychopathologischer Belastung zu sein. Frauen mit Borderline-Tendenz messen Körpermodifikationen jedoch eine größere Funktionalität bei.

 

Einleitung

Die schmückende Veränderung des menschlichen Körpers durch mehr oder weniger invasive Methoden ist Jahrtausende alt und aktuell beliebter denn je. Piercings und Tattoos sind heute die häufigste Form dieser sog. Körpermodifikationen (oder englisch: Body-Modification) und besonders bei jüngeren Personen weit verbreitet: In einer repräsentativen deutschen Bevölkerungsstichprobe (n=2 512) aus dem Jahr 2012 gaben in der Gruppe der 14- bis 54-jährigen 17,9% an tätowiert zu sein und 10,6% berichten Piercings zu haben. Zu vergleichbaren Angaben kommen Stirn, Hinz und Brähler: 15% der 14–44 Jährigen gaben in dieser Untersuchung an tätowiert zu sein und 14% hatten Piercings. In beiden Untersuchungen wurden Piercings häufiger von Frauen und Tätowierungen häufiger von Männern berichtet. Die Häufigkeit, mit der Tätowierungen und Piercings vorgenommen werden, hat in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich zugenommen – entsprechend sind Körpermodifikationen heutzutage nicht mehr auf einzelne Subgruppen beschränkt, sondern vielmehr ein Massenphänomen.

Mit der zunehmenden Beliebtheit von Tätowierungen und Piercings stellte sich die Frage, welche Faktoren möglicherweise mit Body-Modification assoziiert sind: In verschiedenen Untersuchungen an nicht-klinischen Stichproben konnte gezeigt werden, dass es keine oder nur geringe Unterschiede zwischen modifizierten und nicht modifizierten Individuen hinsichtlich Depressivität und Ängstlichkeit gibt; auch Persönlichkeitseigenschaften im Sinne der Big Five scheinen nicht wesentlich zwischen den Gruppen zu differieren. Wiederholt zeigte sich gleichwohl, dass „Sensation Seeking“ – also das habituelle Streben nach neuartiger und intensiver Stimulation – bei Modifizierten signifikant stärker ausgeprägt vorliegt als bei Nicht-Modifizierten. In Untersuchungen an klinisch auffälligen und/oder devianten Stichproben finden sich schließlich Zusammenhänge zwischen Tätowierungen und/oder Piercings und verschiedenen Markern psychopathologischer Belastung: Birmingham und Mason fanden hinsichtlich auffälliger (Gesichts- oder Hals-) Tattoos von Gefangenen Zusammenhänge mit Substanzmissbrauch, Selbstverletzung, gewalttätigem Verhalten und Psychiatrieerfahrung. Auf der Basis einer Literatur­übersicht konstatieren Bui und Kollegen deutliche positive Zusammenhänge zwischen Piercings und „risk-taking beha­vior“, wie Drogenkonsum, risikoreichen Sexualkontakten, problematischem Spielverhalten und riskanten Verhaltensweisen im Zusammenhang mit Alkohol. Auffällig ist insbesondere die gehäufte Koinzidenz von selbstverletzendem Verhalten und Körpermodifikationen: So berichtet Kälin, dass 33% der modifizierten Teilnehmer einer Schweizer Umfrage angaben sich selbst zu verletzen. In einer amerikanischen Studenten-Stichprobe zeigte sich eine Prävalenz von 44% und Stirn und Hinz berichten für eine deutsche Stichprobe, dass 27% der modifizierten Personen selbstverletzendes Verhalten aufwiesen. Zusammenhänge zwischen Body-Modification und vermehrten Suizidgedanken und -versuchen konnten ebenfalls gefunden werden: Von 4 700 tätowierten und/oder gepiercten Personen, die über die amerikanische Bodymod-Website iam.bmezine.com befragt wurden, gaben 27,3% an, schon mindestens einmal versucht zu haben sich zu töten, während 38,6% von Suizidgedanken berichteten. Dhossche, Snell und Lader konnten im Rahmen einer Autopsiestudie schließlich zeigen, dass Suizidanten signifikant häufiger eine Tätowierung aufwiesen als Verkehrsopfer (57% vs. 29%).

Inwieweit sich klinische und nicht-klinische Gruppen in ihren Motiven für Piercings und Tattoos unterscheiden, ist bislang nur selten untersucht worden. Es ist somit unklar, ob Körpermodifikationen im Kontext psychopathologischer Symptombelastung eine andere Funktion und Bedeutung zukommt als im nicht-klinischen Kontext. Im Allgemeinen werden verschiedene Motivationsbereiche für Körpermodifikationen angenommen. Als zentrale Motive gelten dabei:

  • Attraktivitätssteigerung, ästhetische Gründe,
  • Unterstreichen der eigenen Individualität,
  • Konformität: Nachahmung von (medialen) Vorbildern, Betonen der persönlichen Zugehörigkeit zu Gruppen- und/oder Subkulturen,
  • Provokation und Protest,
  • Markieren von Lebensabschnitten (vgl. Initiationsriten in Stammeskulturen),
  • Liebesbeweise (z. B. Partnertattoos),
  • Körperkontrolle: Aushalten von Schmerzen beim Anbringen von Körpermodifikationen und
  • Sexuelle Gründe (z. B. Steigerung der sexuellen Empfindung, Instrumente sexueller Devianz).

Im Rahmen einer ersten Studie, in der modifizierte Personen mit selbstverletzendem Verhalten (SVV) verglichen wurden mit modifizierten Personen, die kein selbstverletzendes Verhalten zeigen, fanden Stirn und Hinz, dass Personen mit SVV eine signifikant schlechtere Beziehung zu ihrem Körper hatten, bevor sie mit Körpermodifikationen anfingen, dass sie den Akt der Körpermodifikation stärker genießen und sich nach einem Tattoo/Piercing in stärkerem Ausmaß „geheilt“ und „selbstverwirklicht“ vorkommen als die Personen ohne SVV. Schließlich waren die Motive „Verarbeitung von persönlichen Erfahrungen“, „Erleben von Schmerz“ und „gefühlter Zwang zur Modifikation“ für Personen mit SVV von besonderer Relevanz. Vor diesem Hintergrund mutmaßen Stirn und Hinz, dass Körpermodifikationen diesen Personen als Ersatz für autoaggressives Verhalten dienen können bzw. der Modifikation eine quasi-therapeutische Bedeutung beigemessen werde. In eine vergleichbare Richtung verweisen qualitative Einzelfallberichte und eine qualitative Untersuchung, in der stationär behandelte Borderline-Patienten hinsichtlich ihrer Motive für Bodymodifications befragt wurden. In einem dieser Interviews schilderte beispielsweise eine 23-jährige Patientin, dass sie sich habe tätowieren lassen, um weiteren Selbstverletzungen vorzubeugen: „Ich würde meine Bilder niemals zerschneiden”. Eine quantitative Untersuchung von Motiven für Piercings und Tätowierungen bei Personen, die an einer Borderline-Symptomatik leiden, steht bislang jedoch aus. Vor dem Hintergrund, dass die verschiedenen Marker psychopathologischer Belastung, die in bisherigen Studien mit vermehrter Körpermodifikation assoziiert waren (Risikoverhalten, Selbstverletzungen, Suizidalität) allesamt Symptome einer Borderline-Störung darstellen, erscheint es sinnvoll gerade dem Zusammenhang zwischen Borderline-Symptomen und unterschiedlichen Motiven für Körpermodifikationen in klinisch auffälligen vs. unauffälligen Stichproben nachzugehen.

Das Ziel der vorliegenden Studie besteht entsprechend in einer differenzierten Untersuchung der Motive für Körpermodifika­tionen von Personen, die an Borderline-Symptomatik leiden, im Vergleich zu Personen, die keine entsprechende Symptomatik aufweisen. Speziell soll dabei der Frage nachgegangen werden, ob Körpermodifikationen von Personen mit Borderline-Symptomatik in besonderem Maße genutzt werden, um negative Affektivität und Anspannung zu regulieren.

Aus der Zeitschrift PPmP Psychotherapie Psychosomatik Medizinische Psychologie 2014; 64(02): 63-69

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