• Terrorismus nicht psychiatrisieren

     

Terrorismus nicht psychiatrisieren

Extremistische Täter wissen meist sehr genau, was sie tun und welche Folgen ihr Handeln hat. Die forensische Psychiatrie konnte bisher kein psychopathologisches Musterprofil eines Terroristen erstellen. Entscheidend sind vielmehr komplexe individuelle und gesellschaftliche Prozesse.

„Nach schweren Gewalt- oder Terrorakten erleben wir immer wieder die gleiche Reaktion: Für viele Menschen kann dafür nur ein psychisch kranker Täter in Frage kommen. Doch in den meisten Fällen stimmt das nicht“, erklärt die Forensikerin Dr. Nahlah Saimeh, Lippstadt. Wissenschaft und Statistik zeigen nach ihren Angaben, dass extremistische Taten nur selten auf eine psychische Erkrankung zurückzuführen sind. Zwar können zum Beispiel Wahnvorstellungen, Drogeneinflüsse und auch hirnorganisch bedingte Störungen zu radikal aggressiven Akten führen, meistens gibt es hierfür jedoch keine klinische Erklärung.
Radikalisierte Menschen fühlen sich laut Saimeh allerdings oft massiv benachteiligt und von der Gesellschaft ausgeschlossen. Sie sind verbittert und suchen die Ursache für ihre vermeintliche Unterlegenheit außerhalb ihrer Person. In dieser Situation sind sie empfänglich für Positionen, die ihnen eine gewisse Überlegenheit bieten. Ob die radikale Gesinnung schließlich in einer extremistischen Tat mündet, hängt vor allem vom psychologischen Klima ab, in dem die Betroffenen leben, erläutert die Forensikerin.
Radikalisierte Menschen sind nach ihrer Darstellung in allen Gesellschaftsschichten anzutreffen, sie kommen keineswegs nur aus sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen. „Wenn wir uns mit Terrorismus beschäftigen, müssen wir diesen Mechanismen unbedingt Rechnung tragen. Schwere Gewalttaten und Terrorismus sind nie ausschließlich medizinische Probleme. Um sie zu verhindern, sind Politik, Gesellschaft und Wissenschaft gleichermaßen gefordert“, betont Frau Saimeh.
So müssen aus ihrer Sicht die Einflussfaktoren noch stärker erforscht werden. Gleichzeitig gelte es, sozialen Ausschluss durch Aufklärung, Information, Bildung und Fürsorge zu verhindern. 

Thieme Newsletter

Buchtipps

Notfallpsychiatrie und psychotherapeutische Krisenintervention
Wolfgang Jordan, Arndt Heinemann, Alexandra MarxNotfallpsychiatrie und psychotherapeutische Krisenintervention

EUR [D] 19,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.

Psychosomatik
Wolfgang Herzog, Johannes Kruse, Wolfgang WöllerPsychosomatik

Erkennen - Erklären - Behandeln

EUR [D] 39,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.

Aggressivität, Impulsivität und Delinquenz
Oliver Bilke-Hentsch, Kathrin SeveckeAggressivität, Impulsivität und Delinquenz

Von gesunden Aggressionen bis zur forensischen Psychiatrie bei Kindern und Jugendlichen

EUR [D] 24,99Zum Warenkorb hinzufügenInkl. gesetzl. MwSt.