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Trans* und Substanzgebrauch: Bedingungen und Behandlungsempfehlungen

Die von trans* Personen erlittenen Diskriminierungen und Gewalterfahrungen stellen maßgebliche Bedingungsfaktoren von schädlichem Substanzgebrauch dar. In dem vorliegenden Text werden strukturelle und manifeste Diskriminierungen und Gewalt aufgezeigt, mit denen sich trans* Personen auseinandersetzen müssen.

Wie haben Sie sich gekleidet, gesprochen, wie haben Sie sich in der Öffentlichkeit bewegt, wie sich mit Ihrer Gesundheit auseinandergesetzt? Was lief dabei routiniert und unwillkürlich ab? Was hat Mühe und Aufwand bereitet? Sind Sie heute bereits wegen etwas, was mit Ihrer Geschlechtlichkeit, mit Ihrem Frau- oder Mannsein zu tun hat, diskriminiert worden? Haben Sie Menschen im Unklaren über Ihre Geschlechtlichkeit gelassen? Wenn ja, wie haben diese reagiert? Wenn nein, überlegen Sie, warum es Ihnen wichtig gewesen ist, bezogen auf Ihre Geschlechtlichkeit eindeutig erkennbar aufzutreten.

Eine Reflexion dieser Erfahrungen öffnet die Tür zu diesem Text. Menschen, die sich als Trans* oder trans* definieren, bewegen und positionieren sich auf dem Kontinuum zwischen „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ anders, als es den normativen geschlechtlichen Zuschreibungen an sie entspricht. Normative geschlechtliche Zuweisungen gehen bspw. davon aus, dass „Frauen“ dauerhaft einen aufgrund primärer und sekundärer Geschlechtsmerkmale eindeutig „weiblichen“ Körper aufweisen. Die Zuschreibung, dass dieser Körper „weiblich“ sei, erfolgt vielfach bereits vorgeburtlich und wird spätestens nach der Geburt auch amtlich, d. h. in die Geburtsurkunde eingetragen. Daraufhin konstruiert die Umwelt ihre Erwartungen an das Kind entsprechend und das Kind wird als „Mädchen“ zur „Frau“ sozialisiert und entsprechend angesprochen. Es wird von ihr erwartet, dass sich ihre Geschlechtsidentität eindeutig „weiblich“ entwickelt, dass sie ihren Habitus täglich so gestaltet, dass keine Verwirrung bezogen auf ihre rasche und eindeutige Geschlechtereinordnung besteht. Solche geschlechterbezogenen Erwartungen bezeichnen wir als „ciszentristisch“, weil darin die Annahme, dass das Zuweisungsgeschlecht dem Identitätsgeschlecht lebenslang entspricht, als zentrale Norm gesetzt wird. Eine Person, die ihr Leben im Einklang mit diesen Normen lebt, wird als „cis-ident“ benannt. Lebt sie heterosexuell, dann wird ihre Partnerwahl bezogen auf eine als „gegengeschlechtlich“ eingeordnete Person als Affirmation ihrer Geschlechtsidentität gesehen und in einer heterozentristisch organisierten Gesellschaft privilegiert und unterstützt. Die Philosophin und Gendertheoretikerin Judith Butler hat dieses System so treffend als „heterosexuelle Matrix“ bezeichnet. Die heterosexuelle und ciszentristische Matrix nimmt spezifisch in eine bestimmte Richtung ziehend Einfluss auf jede Interaktion. Wegen ihrer Omnipräsenz wird sie von den meisten Menschen nicht hinterfragt, jedoch von allen gespürt, mit dem Effekt, dass sie sich daran auszurichten versuchen. Wie alle permanent erlebten und beanspruchten Vorteile wird eine Privilegierung aufgrund der eigenen Heterosexualität oder der eigenen Cisidentität erst introspektionsfähig durch die empathische Erweiterung des Blickes auf die entsprechend deprivilegierten Personen und die sorgfältige Reflexion der eigenen gesellschaftlichen Position.

„Wer etwas über Trans* wissen will, sollte Trans* fragen“

Trans* Personen empfinden, entscheiden und leben entgegen hetero- und ciszentristischen Vorannahmen . Ihre geschlechtliche Selbstdefinition entspricht nicht den Fremdzuweisungen. Um von anderen in ihrem Identitätsgeschlecht angesprochen werden zu können, entscheiden sich manche trans* Personen für eine genderneutrale oder eine geschlechterkonnotierte Anrede, die sich nicht mit ihrem Zuweisungsgeschlecht deckt. Manche trans* Personen gestalten ihren Körper durch Binder oder Packer, durch lange Haare und/oder sorgfältige Rasur so, dass der Körper nicht ihr Zuweisungsgeschlecht verrät. Manche trans* Personen entscheiden sich für intensivere geschlechtsangleichende Maßnahmen, wie z. B. geschlechtsangleichende Operationen oder Hormoneinnahmen. Manche ändern ihren Vornamen und manche auch ihren amtlichen Geschlechtseintrag mittels aufwändiger juristischer Verfahren nach dem Namensänderungsgesetz oder dem „Transsexuellengesetz“ (TSG). Im Rahmen dieser Verfahren und der Beantragung von geschlechtsangleichenden medizinischen Behandlungen müssen sie sich ihre empfundene Geschlechtlichkeit von Gesundheitsprofessionellen bestätigen lassen, obwohl die Geschlechtsidentität einer Fremddiagnostik gar nicht zugänglich ist. Die konsultierten Gesundheitsprofessionellen begeben sich in diesem Prozess vielfach in die ethisch höchst problematische Position eines gatekeepings. Das heißt von ihrer Entscheidung – und nicht der Selbstbestimmung der trans* Person – hängt ab, ob die Person die für ihre Transition dringlich benötigten medizinischen und rechtlichen Hilfen erlangt. Insbesondere trans* Personen, die als geschlechtlich uneindeutig gelesen werden, werden vielfach und biografisch durchgängig diskriminiert und angegriffen mit dem Ziel, sie zu einer geschlechtlich eindeutigeren Selbstpräsentation zu zwingen. Durch die Angriffe wird das Leid erzeugt, für welches dann wiederum das Gesundheitssystem zur Heilung angerufen wird.

Trans* Personen benötigen an manchen Stellen die Unterstützung des Gesundheitssystems, um ihren Körper ihrer tief empfundenen Geschlechtsidentität angleichen zu können, und/oder die gesundheitlichen Folgen von Diskriminierungen und Gewalt überwinden zu können. Auch benötigen sie das Gesundheitssystem in allen Belangen, in denen auch cisidente Menschen dieses in Anspruch nehmen: zur Behandlung von Erkrankungen, zur Unterstützung in der Schwangerschaft, zur Prävention uvm. Der Weltärztebund hat sich unterdessen der Selbstwahrnehmung transgeschlechtlicher Menschen angeschlossen und beschreibt Transgeschlechtlichkeit seit 2015 als nicht-pathologische Variante der Geschlechtsidentität. Diese durch Aktivist*innen im Gesundheitssystem mühsam erkämpften Position ist auch der Ausgangspunkt des vorliegenden Artikels.

Positionierung

In den Gesundheitswissenschaften gibt es keinen „neutralen“ Standpunkt zum Thema „Trans*“. Jede*r begegnet dem Thema mit einem durch gesellschaftliche Konstruktionen durchzogenen spezifischen Erfahrungshintergrund, der auch wiederum prägt, was wir sehen, was wir für „Fachwissen“ halten, und wie wir einander in den Rollen als „Professionelle“, „Klient*in“ und „Forscher*in“ begegnen. Jedoch eröffnet auch eine sorgfältige Reflexion der eigenen Erfahrungen nur einen begrenzten Horizont. Wie in anderen Bereichen besteht auch hier die Gefahr, sich zu schnell von einer zuhörenden Haltung wegzuwenden, aus dem Gedanken heraus, schon genug zu wissen.

Lesen Sie den gesamten Beitrag hier: Trans* und Substanzgebrauch: Bedingungen und Behandlungsempfehlungen

aus der Zeitschrift: Suchttherapie 4/2018

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