• Typisch männlich – typisch weiblich

    Die Konzepte von Persönlichkeit, Krankheit und Therapie beziehen sich häufig auf geschlechtsneutrale „Menschen“, obwohl sie für Männer und Frauen sehr unterschiedlich beschrieben werden müssten.

     

Typisch männlich – typisch weiblich: geschlechtsspezifische Entwicklung

Konzept des phallischen Monismus

Die Konzepte von Persönlichkeit, Krankheit und Therapie beziehen sich häufig auf geschlechtsneutrale „Menschen“, obwohl sie für Männer und Frauen sehr unterschiedlich beschrieben werden müssten. In den letzten 10 Jahren haben vor allem Psychoanalytikerinnen eine kritische Diskussion darüber begonnen, ob die Entwicklung zur Weiblichkeit im Rahmen der geltenden psychoanalytischen Theorie wirklich verstanden werden kann. Die Psychoanalyse verfügt über ein einigermaßen stichhaltiges Konzept von Männlichkeit. Daraus wurde das der Weiblichkeit, wenig überzeugend für viele heutige Frauen, abgeleitet. Für die geschlechtsdifferente Entwicklung wurde vor allem der unterschiedliche Ausgang des Ödipuskomplexes verantwortlich gemacht: Der phallische Junge, der die Mutter begehrt und in dem Vater den Rivalen sieht, verdrängt diesen Komplex unter dem Druck der väterlichen Kastrationsdrohung; das Mädchen dagegen, das sich seiner Phalluslosigkeit bewusst wird, wendet sich von der Mutter ab und dem Vater zu, von dem es ein Kind fantasiert, während später die generelle Möglichkeit, ein Kind zu bekommen, als Ersatz für den fehlenden Phallus genommen wird.

In kritischer Distanzierung zu diesem Konzept („phallischer Monismus“) bemühen sich die Psychoanalytikerinnen, mehr oder weniger feministisch engagiert, um ein neues Verständnis der Weiblichkeit. Die Schwierigkeit, geeignete neue Begriffe zu finden, wird damit erklärt, dass bereits die Sprache männlich geprägt sei und dass die bestehende Theorie von vorwiegend männlichen Autoritäten gehütet werde.

 

Mutter-Sohn-Beziehung

Eine neue Sichtweise richtet die Aufmerksamkeit vor allem auf die unterschiedlichen Interatkionsprozesse zwischen Eltern und ihren weiblichen oder männlichen Kindern sowie den sich daraus ableitenden unterschiedlichen Identifizierungen und Bindungsmustern. Während die Väter nach wie vor häufig, zum Teil berufsbedingt, abwesend sind, ereignet sich der größere Teil der Interaktionen zwischen Müttern und Kindern. Dabei sehen die Mütter von Anfang an in ihren Söhnen das geschlechtsfremde Wesen, etwas, das sie selbst nicht sind, aber jetzt haben (als narzisstische Ergänzung); sie richten ein stärkeres Begehren auf den Sohn als auf die Tochter. Angesichts der häufigen realen Abwesenheit der Männer und der nicht seltenen Enttäuschung an der realen Beziehung zu ihnen, kann sich die Sehnsucht verstärkt auf den Sohn richten, so dass dieser von früh an in stärkerem Maße ein potenzieller Partner, unter Umständen ein Ersatzpartner sein kann. Seine traditionelle männliche Rolle garantiert ihm mehr Autonomie und Aktivität, wobei die Frauen ihre Autonomieansprüche auf ihn projizieren oder an ihn abtreten und ihn für seine Selbständigkeit bewundern; umgekehrt muss er seine Abhängigkeitswünsche verleugnen und auf die Frau projizieren.

Allerding ist die männliche Identität von Anfang an stärker gefährdet. Sie kann in der Identifizierung mit dem emotional wichtigen Mutterobjekt untergehen oder durch die persistierende Gefühlsbindung an sie gefesselt bleiben. Letzteres droht insbesondere dann, wenn die Mutter aufgrund ihrer inneren Verfassung dazu tendiert, den kleinen Sohn zu beneiden, mit ihm zu konkurrieren oder sich stellvertretend für alle enttäuschenden Männer an ihm zu rächen.

 

Mutter-Tochter-Beziehung

In der Entwicklung zur Weiblichkeit spielt eine zentrale Rolle, dass das Mädchen wie die Mutter ist, wie ein Teil von ihr, sich daher selbstverständlicher mit ihr identifiziert oder mit ihr identifiziert wird. Für das Mädchen ist die weibliche Entwicklungslinie stärker vorgezeichnet, während der Junge die seine in Abgrenzung von dem primären Liebesobjekt erkämpfen muss. Das Mädchen hat es dafür schwerer, sich aus der engen Bindung zu lösen, aus der identifikatorischen Verpflichtung, in allem so zu sein wie die Mutter.

Was den oft zitierten Penisneid betrifft, so spürt das Mädchen, das es von der Mutter nicht als libidinöses Objekt begehrt wird, sondern als selbstverständlicher oder narzisstisch besetzter Teil des mütterlichen Selbst erlebt wird; ihm fehlt der Phallus, der nicht mit dem Organ Penis gleichzusetzen ist, sondern mit der Gesamtfantasie von Männlichkeit, einschließlich deren gesellschaftlicher Rolle. Bei der Realitätsprüfung des Geschlechtsunterschiedes registriert das kleine Mädchen, dass es offensichtlich einen Körperteil nicht besitzt, der bei seinem kleinen Bruder narzisstisch besonders besetzt ist, wogegen die weiblichen Fortpflanzungsorgane aufgrund ihrer Verborgenheit im Körperinneren noch wenig präsent sind. Dass sich allerdings der Stolz, grundsätzlich gebären zu können, wirklich über die Linie Vater – Phallus – Kind entwickelt, ist wenig wahrscheinlich. Je mehr Frauen (Mütter) ihren Körper als etwas Eigenes, Besonderes erleben können, desto eher können sie den Stolz auf seine besonderen Eigenschaften, Funktionen und seine Erlebnisfähigkeiten auch ihren Töchtern vermitteln; nun ist es an dem kleinen Jungen, das Mädchen um dieses Besondere zu beneiden. Penisneid und Gebärneid sind also die unvermeidlichen Folgen der Realitätsprüfung, die das Festgelegtsein auf ein Geschlecht und den Verzicht auf die faszinierenden Eigenschaften des anderen Geschlechts mit sich bringt.

 

Vater-Sohn-Beziehung

Die Rolle des Vaters ist von früh an die des Dritten, der außerhalb der primären Mutter-Kind-Dyade steht und der durch seine männliche Andersartigkeit interessiert, aber auch erschreckt. Die Zuwendung zu ihm, der meist die zweite früh vertraute Person ist, lockert die dyadisch enge Mutterbindung auf und erlaubt eine triangulierte Beziehung. Diese hat in den ersten Lebensjahren den emotionalen Aspekt des wichtigen anderen, während sie im 4. – 6. Lebensjahr die Geschlechtsidentität des Vaters betont. Die Beziehung des kleinen Jungen zum Vater und die Entwürfe, die der Vater auf seinen kleinen Sohn macht, sind von vornherein identifikatorisch, vom Kind aus mit idealisierenden Zuschreibungen (der Vater ist allmächtig), vom Vater aus mit delegierenden Erwartungen (der Sohn wird so großartig sein, wie er es gerne gewesen wäre) versehen. Für die Entwicklung des Jungen ist das männliche Selbstverständnis des Vaters von großer Bedeutung, ebenso wie dessen Sicht des Weiglichen, demonstriert an seiner Beziehung zur Mutter. Darüber hinaus ist es von großer Bedeutung, wie die Mutter ihren Mann gelten lässt, ihn aufbaut oder abwehrt. In seiner Identifizierung mit dem Vater und seiner Einstellung zur Mutter reproduziert der Junge die internalisierte Beziehung seiner Eltern.

 

Vater-Tochter-Beziehung

Für das kleine Mädchen hat der Vater in der früheren Entwicklung eine ähnliche Funktion wie für den Jungen. Er ist der andere, der hilft, die frühe dyadische Beziehung aufzulockern und eine frühe Triangulierung zu ermöglichen. Gleichzeitig sucht das Mädchen beim Vater jenes libidinöse Begehren, das die Mutter nicht auf es richtet. Identifiziert mit der Mutter wendet es sich in der Phase der Geschlechtsidentität an den Vater als Mann, und der Mann im Vater antwortet darauf und definiert die weibliche Seite der Tochter. Der Vater kann in der Person der kleinen Tochter das suchen, was er bei seiner Frau oder seiner Mutter entbehrt hat: eine ideale Frau, die ihn liebt, begehrt und bewundert. Es hängt von der Beziehung der Eltern ab, ob diese Aspekte der Vater-Tochter-Verliebtheit als Geheimnis gehütet, vor der Eifersucht der Mutter geschützt werden müssen oder ob sie von allen drei Beteiligten akzeptiert wird.

Die Weiterentwicklung bringt für das Mädchen mehrere Risiken: Es kann intrapsychisch in der vom Vater zugeschriebenen Rolle verbleiben („Bleib immer meine kleine süße Tochter, werde nie wie deine Mutter, sei so klug und stark wie ich“). Dieses Rollenangebot begünstigt die Entwicklung einer infantilen oder phallischen Variante von Weiblichkeit. Zugleich fördert es die Tendenz, eigene Bedürfnisse zurückzustellen, sich auf die Bedürfnisse des anderen auszurichten und ihm die Illusion von Befriedigung zu verschaffen, was letzten Endes einen Aspekt von Prostitution darstellt.

Das zweite Risiko liegt in der realen Inszenierung der inzestuösen Fantasien in Gestalt von sexuell gefärbten oder eindeutig sexuellen Handlungen. Man schätzt, dass 25 % aller Mädchen sexuell-inzestuöse Erfahrungen in irgendeiner Art mit männlichen Familienangehörigen machen (im Vergleich dazu etwa 10 % der Jungen). Die im Sinne Bischofs existierende Inzestschranke wird dabei umso eher durchbrochen, wenn die Familie psychosozial wenig strukturiert ist, wenn wenig deutliche Generationenschranken bestehen, wenn familiäre Kontrollmechanismen durch Alkohol und Drogenprobleme außer Kraft gesetzt sind oder wenn männliche Familienangehörige relativ fremd sind (Stiefväter).

Aus dem Buch: Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik