• Depressiver Mann

     

Screeninginstrumente zur Erfassung von männerspezifischen Symptomen der unipolaren Depression

Geschlechterunterschiede in der Prävalenz von Depressionen zuungunsten von Frauen sind hinreichend belegt. Dagegen sind wissenschaftliche Publikationen zu diagnostischen Kriterien und Screeninginstrumenten für Geschlechterunterschiede bei Depressionen selten. Anhand einer systematischen Literatursuche wurden Publikationen recherchiert, die Hinweise für männerspezifische Symptome bei Depressionen bzw. verfügbare Screeninginstrumente geben sollten.

Depressionen zählen weltweit zu den häufigsten psychischen Erkrankungen und stehen in Ländern mit mittlerem bzw. hohem Einkommen an erster Stelle der Krankheitslast. Schätzungen zufolge versterben ca. 15 % der Patientinnen und Patienten mit schwerer depressiver Störung durch Suizid. Zudem wird davon ausgegangen, dass 40 – 70 % aller Selbsttötungen auf Depressionen zurückzuführen sind. Darüber hinaus kommt depressiven Störungen eine herausragende gesundheitsökonomische Bedeutung zu: Im Zeitraum von 2000 – 2011 haben sich Rentenneuzugänge aufgrund verminderter Erwerbsfähigkeit wegen affektiver Störungen mehr als verdoppelt, wobei der Anstieg bei Frauen leicht höher ausfiel als bei Männern. Ebenso berichten die deutschen Krankenkassen deutliche Zunahmen von Krankschreibungen aufgrund psychischer, insbesondere depressiver Erkrankungen.

Epidemiologische Studien berichten nahezu durchgehend von Geschlechterunterschieden in der Prävalenz unipolarer Depressionen, wonach Frauen in etwa doppelt so häufig betroffen sind wie Männer. Indes ist zu hinterfragen, ob hieraus auf ein geringeres Depressionsrisiko von Männern geschlossen werden sollte: Vor dem Hintergrund der Suizidrate von Männern, die 3- bis 10-mal über der von Frauen liegt, kann vielmehr eine Unterdiagnostizierung bei Männern vermutet werden, da Depression mit als Hauptrisiko für Selbsttötung gelten kann. Als Gründe hierfür werden insbesondere die unterschiedliche Stresswahrnehmung und -verarbeitung von Männern und Frauen, Geschlechterunterschiede im Hilfesuchverhalten sowie ein Genderbias in der Diagnostik von Depressionen angeführt. Sämtliche dieser Faktoren werden dabei durch gängige Geschlechterrollenerwartungen beeinflusst.

Der Einfluss sozialer Geschlechterrollen auf das Hilfesuchverhalten von Männern und Frauen ist gut belegt. Demnach nehmen Frauen früher und häufiger Leistungen des Gesundheitswesens in Anspruch. Dies wird u. a. mit gängigen Männlichkeitsstereotypen erklärt, nach denen das Eingeständnis von Hilfsbedürftigkeit einem Statusverlust gleichkommt. Auch sind psychische Probleme für Männer seltener Gründe für die Inanspruchnahme eines Arztes und werden im Rahmen von Konsultationen seltener angesprochen. Dagegen existieren bislang nur wenige systematische Untersuchungen zur Bedeutung von gängigen Diagnosekriterien und Inventaren für Geschlechterunterschiede bei Depressionen. Entsprechende Erklärungen werden gemeinhin als Artefakttheorien bezeichnet.

Von besonderer Relevanz scheint an dieser Stelle die Primärversorgung: Unipolare Depressionen stellen die häufigste psychiatrische Krankheit in der hausärztlichen Praxis dar, diese ist für weite Teile der Betroffenen der erste und somit weichenstellende Kontakt mit dem Versorgungssystem. Dennoch wird die Krankheit häufig nicht erkannt, da Patientinnen und Patienten zumeist somatische Beschwerden als Konsultationsgrund nennen. Dieses Verhalten ist insbesondere bei Männern verbreitet, wodurch die korrekte Diagnosestellung im Falle einer Depression erschwert ist. An dieser Stelle ist ferner auf (unbewusste) Geschlechterrollenerwartungen aufseiten der Ärztinnen und Ärzte hinzuweisen. Es existieren Belege, wonach Männer mit gleicher Symptomatik häufiger eine somatische, Frauen hingegen häufiger eine psychische Diagnose erhalten. Umstritten ist, ob sich die Symptomatik von Depressionen grundsätzlich zwischen den Geschlechtern unterscheidet. Einzelne Arbeiten kommen zu dem Ergebnis, dass mit Depressionen diagnostizierte Frauen häufiger Symptome wie Apathie, Antriebs- und Interessenlosigkeit aufweisen, während bei männlichen Patienten v. a. Irritabilität, Aggressivität und antisoziales Verhalten beobachtet werden. Für derartige Symptommuster hat sich in der Forschung der Begriff der „Male Depression“ oder „Männerdepression“ etabliert. Ausgehend von diesen Befunden wird zunehmend kritisiert, dass vorhandene Screeninginstrumente und Inventare zur Erfassung depressiver Störungen nicht hinreichend geschlechtersensibel sind und viele der bei Männern häufig auftretenden Symptome nicht berücksichtigen. Demnach erschwert die gängige Diagnosepraxis eine frühzeitige fachgerechte Behandlung von Männern mit Depression. Erste Versuche, diesem Problem zu begegnen, stammen u. a. aus Schweden. So entwickelten Rutz et al. zu Beginn der 1990er-Jahre die Gotland Male Depression Scale, die neben einer Depressionsskala mit typischen Symptomen unipolarer Depression auch eine Distress-Skala enthält, die atypische Symptome wie Irritabilität, Risikoverhalten oder Aggression erfasst.

Die vorliegende Arbeit hat zum Ziel, einen Überblick über bisherige Screeninginstrumente zur Erfassung männerspezifischer Symptome von Depressionen zu liefern. Vor diesem Hintergrund kann ein erster Eindruck gewonnen werden, welche Rolle der Diagnostik für die Erklärung von Geschlechterunterschieden in der Prävalenz unipolarer Depressionen zukommt. Darüber hinaus sollen erste Hinweise gegeben werden, wie geschlechtersensibel bislang existierende Screeninginstrumente zur Erfassung depressiver Symptome zu beurteilen sind. Somit können Hinweise auf weiteren Forschungsbedarf im Bereich geschlechtersensibler psychiatrischer Forschung gegeben werden.

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag: Screeninginstrumente zur Erfassung von männerspezifischen Symptomen der unipolaren Depression – Ein kritischer Überblick

Aus der Zeitschrift Psychiatrische Praxis 01/2018

 

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