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Ursache von Zwangsstörungen entdecken

Eine vermehrte Aktivierung eines molekularen Signalwegs in der Amygdala kann ursächlich für Zwangsstörungen sein. Das hat ein Würzburger Forschungsteam nachgewiesen.

An Zwangsstörungen leiden etwa zwei Prozent der Bevölkerung zumindest einmal im Leben. Charakteristisch für die Krankheit sind anhaltende, zwanghafte Gedanken, die durch immer wiederkehrende, ritualisierte Zwangshandlungen kompensiert werden. So wie Depressionen, Essstörungen und andere psychiatrische Krankheiten werden Zwangsstörungen üblicherweise mit Antidepressiva behandelt. Deren Wirkmechanismus ist allerdings unspezifisch, weshalb intensiv nach neuen Therapiemöglichkeiten mit gezielterem Wirkansatz gesucht wird.

Die Arbeitsgruppe um Professor Dr. Kai Schuh vom Physiologischen Institut der Universität Würzburg hat einen Schritt weiter in diese Richtung gesetzt, wie in einer Pressemitteilung der Universität dargelegt wird. Die Wissenschaftler erforschen in Zusammenarbeit mit ihren Kollegen aus der Psychiatrie und der Neurologie die Grundlagen von Zwangserkrankungen. Denn bislang sind die Auslöser von Zwangsstörungen wie beispielsweise einem Waschzwang unbekannt. „Wir haben nunmehr an einem Mausmodell nachgewiesen, dass das Fehlen des Proteins SPRED2 ein übersteigertes Sauberkeitsverhalten auslösen kann“, erklärt Schuh.

SPRED2 kommt nach seinen Ausführungen in allen Zellen des Körpers vor, in besonders hoher Konzentration liegt es im Gehirn vor – und zwar in den Basalganglien und der Amygdala-Region. Normalerweise hemmt das Protein einen speziellen Signalweg der Zelle, die so genannte Ras/ERK-MAP-Kinase-Kaskade. Fehlt es, so ist der Signalweg verstärkt aktiviert. „Es ist vor allem der gehirnspezifische Initiator des Signalwegs, die Rezeptor-Tyrosinkinase TrkB, die vermehrt aktiv ist und die überschießende Reaktion der nachgeschalteten Komponenten bewirkt“, erläutert dazu Biologin Dr. Melanie Ullrich.

Wird die übermäßig aktive Signalkaskade im Tiermodell mit einem Hemmstoff reduziert, resultiert eine Besserung der Zwangshandlungen. Zudem konnte die Würzburger Forschungsgruppe die Zwangsstörung – in Analogie zur gängigen Therapie beim Menschen – mit einem Antidepressivum behandeln. „Unsere Studie liefert ein neues Modell, mit dem sich die Krankheitsmechanismen untersuchen und neue Therapiemöglichkeiten bei Zwangserkrankungen erproben lassen“, so Schuh.

Durch die nun bekannte Assoziation von Zwangserkrankungen mit der Ras/ERK-MAP-Kinase-Signalkaskade ergeben sich nach Schuh möglicherweise auch Ansatzpunkte für die Entwicklung neuer Therapiemöglichkeiten. Denn es sind bereits Wirkstoffe, die diese Kaskade hemmen, verfügbar. Laut Melanie Ullrich handelt es sich dabei um Krebsmedikamente, denn die Überaktivierung der Ras/ERK-MAP-Kinase-Kaskade sei häufig auch ein Auslöser von Krebserkrankungen: „Es ist nun zu prüfen, ob solche Medikamente auch bei Zwangsstörungen wirksam sind und ob sie hinsichtlich der Nebenwirkungen Vorteile bringen.“

 


Quelle: idw-Pressemitteilung der Universität Würzburg, März 2017

Weiterführende Literatur: OCD-like behavior is caused by dysfunction of thalamo-amygdala circuits and upregulated TrkB/ERK-MAPK signalling as a result of SPRED2 deficiency, Molecular Psychiatry, DOI: 10.1038/mp.2016.232

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