• Wie werden Emotionen erfahren?

    Es gibt keine psychische oder psychosomatische Störung, die sich nicht auch als emotionale Störung beschreiben ließe.

     

Wie werden Emotionen erfahren?

Ebenen und Grundemotionen

Ein großer Teil allen psychischen Geschehens ist in emotionale Prozesse eingebunden. Es gibt keine psychische oder psychosomatische Störung, die sich nicht auch als emotionale Störung beschreiben ließe, und schließlich versteht sich auch die Psychotherapie zu weiten Teilen als ein Verfahren zur emotionalen Umstrukturierung und Entfaltung. Emotionale Prozesse laufen auf unterschiedlichen Ebenen ab:

 

  • bewusste Eigenwahrnehmung von psychischem und körperlichem Erleben (Gefühle)
  • Aktivierung der Mimik, die von anderen als Emotionsausdruck erlebt wird
  • Aktivierung von Gestik und Körperhaltung, die den mimischen Affektausdruck begleitet und unterstreicht
  • Aktivierung motorischer Handlungsbereitschaft mit dem Ziel, unlustvolle Situationen zu verändern oder lustvolle festzuhalten
  • physiologische Aktivierung des vegetativen und endokrinen Systems (somatischer Anteil des Affekts
  • propriozeptive Wahrnehmung der psychophysiologischen Abläufe (Herzklopfen, Muskelspannung, Schwitzen
  • sprachliche Benennung der psychisch und körperlich erlebten Affekte und Emotionen

 

Die Verknüpfung dieser Ebenen ist kompliziert:

Nicht alles, was gefühlshaft erlebt wird, drückt sich in der Mimik aus; nicht jede physiologisch affektive Erregung und nicht jede mimische Affektäußerung wird bewusst emotional erlebt. Die Tatsache, dass die meisten Menschen, auch solche aus ganz verschiedenen Kulturen, ähnliche Emotionen zeigen, legt es nahe, anzunehmen, dass es ein Repertoire von Grundemotionen gibt. Die Diskussion um die Frage, über wie viele primäre Emotionen Menschen verfügen, wurde lange und lebhaft geführt. Sie stützt sich auf transkulturelle Beobachtungen, auf Videoanalysen des emotionalen Ausdrucks, auf Untersuchungen von EEG-Mustern und anderes mehr. Die Ergebnisse nähern sich insofern einander an, als immer wieder bestimmte Emotionen identifiziert wurden: Freude, Neugier, Angst, Ärger/Wut, Traurigkeit, Ekel, Scham, Schuld. Mit diesen Emotionen, die speziell in ihrem mimisch-expressiven Anteil eindeutig und transkulturell gleichartig erkannt wurden, sind zugleich die wichtigsten beziehungsregulierenden Emotionen genannt.

Das bewusste Erleben der Emotionen bedeutet zugleich das Nachlassen der erlebten Emotion. Ob sie von Natur aus eher heftig sind wie bei einer Triebbefriedigung oder eher leise wie bei der Verwirklichung sozialer Motivationen, sie sind von begrenzter Dauer. Bei den heftigen Affekten besteht ein steiler Erregungsanstieg, ein hoher Gipfel und ein rascher Abfall, bei den leisen Emotionen ist die Verlaufskurve flacher. Um sich selbst zu spüren, sich lebendig zu fühlen, ist das Subjekt darauf angewiesen, die Emotionen zuzulassen, sie bewusst zu erleben. Es muss dabei akzeptieren, dass es die positiven Gefühle nicht festhalten kann, darf aber auch hoffen, dass es über negative Empfindungen hinwegkommt: Die Wut verraucht, die Angst klingt ab, Trauer und Schmerz verringern sich.

 

Unterschiede und Einflussfaktoren

In gewissem Umfang ist das emotionale Erleben individuell und kulturell variabel; Bandbreite und Intensität hängen von den konstitutionellen Gegebenheiten des Einzelnen ebenso ab wie von seinen lebensgeschichtlichen Erfahrungen und Prägungen. Für unterschiedliche Persönlichkeitsstrukturen ist das emotionale Ausdrucksverhalten geradezu kennzeichnend, denken wir etwa an die habituelle Gefühlsvermeidung des Zwangsneurotikers oder die scheinbar überschäumende Emotionalität der Hysterie.

Darüber hinaus entscheiden soziokulturelle Einflüsse darüber, welche emotionalen Bewegungen öffentlich gezeigt oder verborgen werden oder in welcher Form sie durch ritualisiertes Verhalten überdeckt werden müssen. Es gibt große Unterschiede zwischen verschiedenen Kulturen bezüglich dessen, was als höflich, korrekt, beschämend oder verletzend gilt, denken wir beispielsweise an das unterschiedliche Trauerverhalten in einer südeuropäischen oder in einer japanischen Familie.

Aus dem Buch: Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik

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