• Wo die Liebe hinfällt

    Wo endet die Varianz der Norm? Bei welchem Verhalten muss man von Krankheit sprechen?

     

Wo die Liebe hinfällt

- Ursachen und Therapie sexueller Präferenzstörungen -

Die Palette sexueller Neigungen ist so bunt wie die Gesellschaft. Doch wo endet die Varianz der Norm? Bei welchem Verhalten muss man von Krankheit sprechen? Und wann wird es gefährlich?

 

Der junge Mann schlich schon einige Zeit zwischen den Regalen des Elektrogroßmarktes um sie herum. Die Medizinstudierende Ursula Beitner (Name geändert), die sich bei ihrem Werbe-Job langweilte, konnte ihn kaum übersehen. Komisch, wie er ständig auf ihre Lederstiefel guckte. Jetzt kam er auf sie zu: „Darf ich Ihnen ein Geheimnis anvertrauen?“ „Oje“, dachte Ursula, stimmte aber zu. „Ich mag Füße.“ Verblüfft und erleichtert, dass er sie nicht zum Kaffee einladen wollte, antwortete sie freundlich: „Na, das ist ja schön.“ In den nächsten Minuten erzählte ihr der junge Mann von seiner Freundin und wie er sich bisher nicht getraut hatte, ihr zu erzählen, dass er „Füße mag“. Aber jetzt wolle er es probieren. Als er ging, sah Ursula ihm amüsiert hinterher. Wen hatte sie denn da kennengelernt – einen Fetischisten?

 

Das Leid macht die Diagnose

Ob der Mann tatsächlich an einer Störung der Sexualpräferenz litt, hat Ursula nie erfahren. Um eine Paraphilie zu diagnostizieren, hätte sie nämlich noch mehr über ihn wissen müssen. Die WHO definiert in ihrer Klassifikation der Krankheiten (ICD-10), dass eine Störung der Sexualpräferenz vorliegt, wenn über mindestens sechs Monate ungewöhnliche, sexuell erregende Fantasien, sexuell dranghafte Bedürfnisse oder Verhaltensweisen auftreten, unter denen die Betroffenen oder ihre Objekte leiden oder die sie in wichtigen Bereichen beeinträchtigen, z. B. im Beruf oder in ihren sozialen Kontakten. Anders gesagt: Nicht die abweichende sexuelle Vorliebe allein macht die Diagnose, sondern vor allem das seelische Leid, mit dem sie verbunden ist.

 

Die Moral bestimmt mit

Als Unterpunkte benennt die WHO zu den Störungen der Sexualpräferenz unter dem Schlüssel F65: Fetischismus, fetischistischen Transvestismus, Exhibitionismus, Voyeurismus, Pädophilie und Sadomasochismus. Solche Einteilungen sind hilfreich, um sich zu orientieren – sie ändern jedoch nichts daran, dass es immer auch stark von den Moralvorstellungen einer Gesellschaft abhängt, was als sexuell „gesund“ oder „krank“ gilt. In Singapur war z. B. Oralverkehr bis 2007 gesetzlich verboten. Und noch bis 1992 führte die WHO (!) für zwei Frauen oder zwei Männer, die sich ineinander verliebten, die „Diagnose“ Homosexualität.

Im Moment ist von Norwegen aus die Gruppe „Revise F65“ aktiv. Sie setzt sich dafür ein, Fetischismus, Transvestismus und Sadomasochismus aus der ICD zu streichen. Diese sexuellen Neigungen müssten weder „behandelt“ noch „geheilt“ werden – sagen Fetischisten, Transvestiten und Sadomasochisten, die sich in ihrer sexuellen Freiheit eingeschränkt fühlen.

 

Verliebt in Mamis Waden?

Sadomasochisten empfinden es als lustvoll, Schmerzen oder Demütigungen zu ertragen oder anderen zuzufügen. Transvestiten werden sexuell erregt, wenn sie Kleider des anderen Geschlechts tragen. Fetischisten benutzen unbelebte Objekte, um sich sexuell zu stimulieren.

 

Bis 1992 galt sogar Schwulsein laut WHO noch als Krankheit.

 

Häufig dienen Kleidungsstücke als Fetisch, wie Schuhe, Strümpfe oder Uniformen. Die American Psychiatric Association erweitert diesen Begriff: Sie zählt auch Körperteile, etwa Füße, zum Fetischismus. Solche uneinheitlichen und z. T. umstrittenen Definitionen der sexuellen Präferenzstörungen sind ein Grund, warum sich nur schwer sagen lässt, wie häufig Paraphilien tatsächlich vorkommen. Die Grauzone zwischen exzentrischer Vorliebe und sexueller Störung ist groß. Hinzu kommt, dass die Betroffenen selbst ihre Sexualität oft nicht als behandlungsbedürftig empfinden und erst dann darunter leiden, wenn sich für sie negative Konsequenzen ergeben, etwa ein Strafprozess, Arbeitslosigkeit oder soziale Isolation. Genauso schwer ist es, allgemeine Ursachen für sexuelle Präferenzstörungen zu finden. Die Domina Claudia Varrin, deren Kunden sie aufsuchen, um ihre Füße anzubeten, liefert in ihrem Buch „Die Kunst der weiblichen Dominanz“ folgende Theorie: „Alle waren im mehr oder weniger zarten Kindesalter zum Spielen auf den Boden gesetzt worden, und zwar zu Mamas Füßen. Das Einzige, was sie von ihrer Mami sahen, waren Waden, Füße und Schuhe.“ Wissenschaftlich fundiert ist diese Theorie jedoch nicht – ebenso wenig wie die meisten anderen.

 

Wer Nekrophilie betreibt, macht sich strafbar.

 

Von Amelotatismus bis Zoophilie

Die Palette der „Zielobjekte“ bei Paraphilien ist breit. Es gibt fast nichts, was es nicht gibt: Amelotatisten bevorzugen als Sexualpartner Menschen mit fehlenden Gliedmaßen. Der Begriff Symphorophilie beschreibt Männer und Frauen, die sexuell erregt werden, wenn sie Unfälle oder Katastrophen beobachten. Bei der Urophilie erregen sich Betroffene bei Spielen mit Urin. Gerontophile empfinden Menschen als erotisch, die sehr viel älter sind als sie selbst. Bei der Autonepiophilie nehmen Erwachsene dagegen die Rolle eines Säuglings ein, lassen sich etwa wickeln und pudern.

Über Männer, die beim Anblick roter Pumps geil werden, erregte Erwachsene in Windeln oder Fesseln – über all das mag man schmunzeln. Anders sieht es aus, wenn sexuelle Präferenzen dazu führen, dass anderen Menschen Schaden zugefügt wird und sie ihr Leben lang traumatisiert sind – wie etwa bei sexuellem Kindesmissbrauch (Kasten). Hier werden Paraphilien strafrechtlich relevant. Neben Pädophilie oder Exhibitionismus zählt dazu auch die Nekrophilie, die sexuelle Handlung an einem Leichnam. Diese Störung der Totenruhe kann mit einer Geldbuße oder Freiheitsentzug bestraft werden. Nekrophilie tritt jedoch selten auf. Jedenfalls werden solche Fälle nur alle paar Jahre bekannt. Etwas anders war die rechtliche Lage bis vor kurzem noch bei der Zoophilie: Die sexuelle Handlung mit einem Tier war nicht strafbar. Sich von seinem Australian Shepherd oder durch sein Pferd sexuell zu befriedigen war nur verboten, wenn die Tiere dabei Schmerzen, Leiden oder Schäden erfuhren. In Internetforen vertraten Menschen aber die Ansicht, dass ihr Hund die sexuellen Handlungen freiwillig mitmachte und genoss. Im Juli 2013 wurde das Tierschutzgesetz geändert. Seitdem ist es nun grundsätzlich verboten, ein Tier für sexuelle Handlungen zu „nutzen“.

 

Dr. med. Silja Schwenke

Aus der Zeitschrift Via medici 2013; 18(06): 45-47

Lesen Sie hierzu auch das Interview mit Prof. Peer Briken, Direktor des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf und Leiter des Projekts "Prävention sexuellen Kindesmissbrauchs" in Hamburg zum Thema: Gestörtes Begehren - Therapie bie pädophiler Störung.

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