• Woher kommt die Angst vor Spinnen?

    Kein anderes Tier ruft bei so vielen Menschen Ängste hervor, wie die Spinne.

     

Woher kommt die Angst vor Spinnen?

Was halten Sie von der Theorie, dass unsere Angst vor Spinnen ein Überbleibsel aus unserer evolutionären Vergangenheit ist, weil Spinnen in grauer Vorzeit möglicherweise gefährlich und die Furcht vor ihnen überlebenswichtig war?

 

Diese Theorie klingt zwar plausibel, aber es ist leider nicht möglich, sie zu beweisen. An eine angeborene Angst speziell vor Spinnen glaube ich nicht. Schließlich gibt es Völker, die sich nicht vor ihnen ekeln und sie sogar essen. Allerdings haben wir eine angeborene Scheu vor Tieren, die sich schnell bewegen oder auf unserem Körper krabbeln. Das bezieht sich aber nicht nur auf Spinnen, sondern auch auf Insekten oder Skorpione. Diese Tiere schütteln wir automatisch ab, da sie tatsächlich gefährlich sein können. Dieser Reflex ist tief in uns verankert.

 

Trotzdem gibt es doch eine sehr spezifische Angst der Menschen vor Spinnen. Woher kommt die?

 

Spinnenängste sind Relikte aus der Kleinkindzeit. Viele Kinder haben generell Angst vor krabbelnden, kriechenden Tieren. Eine Phobie kann entstehen, wenn sie eine schlimme Erfahrung machen - was allerdings sehr selten ist. Häufiger übernehmen Kinder die Angst von ihren Vorbildern: Wenn die Eltern Angst vor Spinnen haben, entwickeln ihre Kinder diese mit einer großen Wahrscheinlichkeit ebenfalls. Ein weiterer Grund - und auch eine Erklärung, warum 90% meiner Patienten Frauen sind - ist, dass vor allem Mädchen sich in ihrer Kindheit nicht mit Spinnen auseinandersetzen. Und wenn Kinder nicht lernen, ihre Ängste zu überwinden, kann das im Erwachsenenalter zu einer Phobie werden. Jungs hingegen können es sich gegenüber ihren Freunden nicht erlauben, Furcht vor Spinnen zu zeigen, und stellen daher ständig Kontakt zu ihnen her. Auch der Einfluss der Medien ist nicht zu unterschätzen. In den Harry-Potter-Filmen zum Beispiel werden kleinkindliche Ängste angesprochen, wenn die Riesenspinnen über Harry und seine Freunde herfallen.

 

Einen Ekel vor Spinnen empfinden ja viele Menschen, doch wann spricht man von einer echten Arachnophobie?

 

Wenn jemand eine so intensive Angst empfindet, dass er darunter leidet und in seiner Funktionalität eingeschränkt ist. Viele Betroffene meiden zum Beispiel bestimmte Orte oder müssen andere Leute bitten, Spinnen für sie zu entfernen. Das ist vielen peinlich und beschränkt sie so sehr, dass eine Behandlung nötig ist.

 

Wie helfen Sie Menschen, die unter einer Spinnenphobie leiden?

 

Wir arbeiten mit einer Konfrontationsbehandlung unter kontrollierten Bedingungen. Sie beginnt damit, dass der Patient ein Glas mit einer Spinne in die Hand nimmt, und endet damit, dass sie ihm bis auf die Schulter hochkrabbelt. Dabei handelt es sich nicht um eine Schocktherapie! Der Patient stimmt jedem einzelnen Schritt zu. Und ich als Therapeut mache jede Übung vor. Berührungsängste darf man selber natürlich keine haben. In einer einzigen Sitzung von 2-3 Stunden schafft es fast jeder Patient am Ende, seine Angst zu überwinden und die Spinne auf seinen Arm klettern zu lassen.

 

Das Interview führte Anna N. Wolter

Aus der Zeitschrift "via medici" 5/2013