Auf Bildern spazieren gehen

Die Kunstsammlung der Verlegerfamilie Hauff

Vielleicht konnte nur ein Mediziner es in dieser Präzision erkennen: „Vita brevis, ars longa“, wird Hippokrates noch heute zitiert. „Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang.“ Eigentlich sprach der berühmteste Arzt der Antike von der Kunst seiner Wissenschaft, die in der Spanne eines Menschenlebens nicht voll auszuschöpfen sei. Eine ungewöhnliche Verbindung zwischen Medizin und Kunst schaffen der Thieme Verlag und seine Verleger, die Familie Hauff. Ihre Sammlung ermöglicht eine Kunstschau der besonderen Art.

Hippokrates hat recht: Wie wirkt die eigene Lebensdauer flüchtig angesichts der Konstanz in der Kunst. Als Kunstepochen noch ganze Jahrhunderte überdauerten. Oder zumindest einige Jahrzehnte. Heute scheint es genau anders herum. Ein Menschenleben fasst viele Kunststile. Ob als Betrachter oder Künstler. So sei der hippokratische Umkehrschluss erlaubt: Je länger – dank medizinischer Erkenntnisse – ein menschliches Leben anhält, desto kurzlebiger gerät die Kunst. Kaum eine Strömung oder Schule, die heutzutage über ein Jahrzehnt Stil prägend, wahrgenommen und im gemeinschaftlichen Verbund tätig bliebe. Ein Gang durch die jüngsten 60 Jahre Kunstgeschehen würde dem Betrachter vor allem den Blick auf Kurzfristigkeiten eröffnen. Auf die Vielfalt des Nebeneinanders. Auf Interdependenzen, harte Abgrenzungen und fließende Übergänge. Auf Punktgenauigkeit oder auch Irrwege der sich stetig neu bildenden Kunstrichtungen. Doch wo soll so ein Spaziergang möglich sein? Museen zeigen das am Kunstmarkt Etablierte. Galerien und zeitgenössische Sammlungen fokussieren üblicherweise bestimmte Tendenzen. Und das Künstleratelier mitsamt seinen Skizzen und mühsamen Findungsversuchen bleibt der Öffentlichkeit zumeist verschlossen.

Bilder anhäufen

Um eine solche Rundschau dennoch zu ermöglichen,brauchte es neugierige, wagemutige, vorurteils- und zweckdienlichkeitsfreie Kunstsammler wie die Verlegerfamilie des Stuttgarter Medizinverlags Thieme. Es waren Dr. Günther und Renate Hauff, die schon in den 50er-Jahren Arbeiten ganz junger Künstler ankauften. Mit heute noch sichtbaren Präferenzen, aber dennoch in der Breite sämtlicher Kunstproduktionen. Anschließend setzte das Sammlerpaar diese Kunst und sich selbst Kontroversen aus – in der Semi-Öffentlichkeit des damit bespielten Georg Thieme Verlags. Dort sind Arbeiten des Informel und Zero neben Kleinoden der Arte Povera zu sehen. Moderne Meisterwerke begleiten den Weg der Mitarbeiter, wenn sie über die Gänge von einem Büro ins andere unterwegs sind. Da hängen Christos, Sonderborgs und Naumans. Viele Arbeiten haben einen unmittelbaren Bezug zu dem, was im Verlag geschieht: Sie beschäftigen sich mit dem Menschen, seinem Körper, der Kommunikation oder Sprache. Die textbezogenen Werke der Decollagisten stechen hierbei in besonderer Weise heraus. Der Erfinder des „Plakatabriss“ – Mimmo Motella – ist dabei ebenso vertreten wie Raymond Hains. Einer der Zeitgenössischen, der Sprache und Text in seiner Kunst verarbeitet, ist Thomas Locher. Seine Installation aus Tischen und Stühlen, dem Ort der menschlichen Kommunikation, begrüßt den Besucher gleich am Eingang – und regt zu Gesprächen an. So war es auch mit den neorealistischen Geburtsbildern von Maina Miriam Munsky aus den 70er-Jahren, die kritisch den kalten Empfang von violett verknautschten Neugeborenen in der sterilen, technisierten Welt des Krankenhauses darstellen. Das „skandalisierten“ damals manche Mitarbeiter, wie sich Dr. Albrecht Hauff, Sohn und heutiger Verleger, erinnert. Und auch die Ankäufe der letzten Jahre wurden nicht immer gleich als kulturelle Bereicherung wahrgenommen. Die junge Französin Annelise Coste hat 2005 im Eingangsbereich des Verlags eine großformatige Airbrush-Wandarbeit angebracht. Ihre gestische Handschrift, die lakonischen Notate, das nachlässig triefende Blau ließen die Mitarbeiter zunächst anderes vermuten: „Die Künstlerin hat an einem Sonntag im Verlag gearbeitet. Montagmorgens sind die Mitarbeiter gekommen. Und haben natürlich zuerst gedacht, Einbrecher hätten ein Graffito hinterlassen“, schmunzelt Reinhard Hauff, selbst Galerist für zeitgenössische Kunst. „Meine Eltern haben sich immer um die ganz neuen Tendenzen gekümmert“, erklärt der jüngste Sohn. „Selbst als einige ihrer Künstler später berühmt wurden, sind sie weiter vorangegangen und haben nicht mehr rückwärts ergänzt. Das hat natürlich zu einer sehr heterogenen Sammlung geführt. Mein Vater hat einmal gesagt, sie hätten keine Sammlung, sondern eine Anhäufung von Bildern.“

Kunst als Unternehmenskultur

Auch wenn hier und da Figuratives zu finden ist, sieht man doch vornehmlich abstrakte Kunst: „Meine Eltern haben diese Kunst immer zu einem sehr frühen Zeitpunkt gesammelt“, führt Reinhard Hauff weiter aus. „Daher sind viele fantastische frühe Arbeiten inzwischen bekannter Künstler dabei.“ Die perforierten Leinwände Lucio Fontanas etwa, auf die der 2001 verstorbene Dr. Günter Hauff schon Anfang der 60er-Jahre in einer Mailänder Galerie stieß und die ihm damals „fast den Atem nahmen“, wie es der Sammler später beschrieb. Heute hängen Fontanas Untersuchungen zum Concetto Spaziale (Raumkonzept) im Büro des Sohnes Albrecht. Dorthin führt ein thematisch zusammenfassender Parcours konzeptuell hintergründiger Verknappung über François Morellet, Giulio Paolini und Mario Merz: „In einem normalen Bürogebäude hat man natürlich nicht die gleichen Möglichkeiten wie in einem Museum“, schränkt Reinhard Hauff ein, „aber wir haben dennoch nach Zusammenstellungen gesucht, die Sinn machen.“ Die Kunst in ihren Büros suchen die Mitarbeiter teilweise selbst aus dem Sammlungsarchiv aus. In all dem zeigt sich ein ungezwungener Umgang mit der Kunst. „Meine Eltern hatten immer den Standpunkt, dass Kunst auch, ‚verbraucht‘ werden kann und nicht unbedingt für die Ewigkeit bestimmt ist. Sie ist dafür da, sich mit ihr zu umgeben“, erzählt Reinhard Hauff. „Was uns allerdings manchmal beschäftigt, sind die Beschädigungen von Arbeiten. Es muss nur jemand versehentlich gegen ein Kunstwerk stoßen. In einem Haus, in dem 400 Menschen arbeiten, lässt sich so etwas nicht ausschließen. Erst vor zwei Jahren“, entsinnt er sich, „ist beim Abmontieren des Weihnachtsbaums der Baum in ein Gemälde von Shusaku Arakawa gefallen.“ Doch das gehört mit zur Kultur der Sammler: Um die 900 Werke des gesamten Sammlungskorpus sind auf allen sechs Ebenen des Thieme Hauses und in einem nahe gelegenen weiteren Verlagsgebäude zu sehen. Sie spiegeln auch den engen Kontakt der Sammler zur südwestlichen Kunstszene. Zum Galeristen Hans-Jürgen Müller etwa, der seit 1958 Zeitgenössisches in Stuttgart zeigte, und über den die Hauffs Künstler wie Lothar Quinte oder Georg Karl Pfahler kennenlernten, die alsbald zu Freunden der Familie wurden. Dr. Albrecht Hauff erinnert sich wie ihm der Maler und Schattenspieler Quinte, während einer großen Party auf der heimischen Treppe sitzend, unanständige Vierzeiler beibrachte, die einen 8-Jährigen natürlich entzückten. Das war sein erster Kontakt mit der Kunst. Der bis heute anhält: „Ich kaufe regelmäßig Kunst sowohl für den Verlag als auch für meine eigenen vier Wände. Allerdings nicht mit der gleichen Tiefe und intellektuellen Durchdringung meiner Eltern.“ Deren Kunstdrang dokumentiere „eine Offenheit des Geistes“, formuliert es Reinhard Hauff. Und ist sich sicher: „Diese Offenheit spielt unzweifelhaft in die Verlagsarbeit hinein.“

Kunst und Medizin im Dialog

In die zur Jahrtausendwende erschienene Kunstedition „Netter Art Collection“ allzumal. In diesen neu aufgelegten „Farbatlanten der Medizin“ des amerikanischen Mediziners und Grafikers Frank F. Netter treffen zehn von Thieme beauftragte Künstler auf den gesamten menschlichen Körper und seine Krankheiten. Rosemarie Trockel legte in ihrem Beitrag den Blick auf Geschlechtskrankheiten frei und Lawrence Weiner untersuchte die Komplexität des menschlichen Nervensystems. Weitere Auftragsarbeiten des Verlags grüßen alljährlich aus Stuttgart in einer kleinen Edition: Seit 1956 verschickt Thieme Weihnachtskarten mit den Motiven ausgewählter Künstler. Die beiden Londoner Langlands & Bell, 2004 für den renommierten Turner Prize nominiert, trugen zu dieser Tradition mit einer ganz besonderen Arbeit bei: „Sie haben ein Architekturmodell vom Thieme Haus angefertigt, das als Vorlage diente“, erzählt Reinhard Hauff. „Das war ein enormer Aufwand, nur um eine Weihnachtskarte zu machen.“ Bei Thieme trifft die Ideenwelt der Kunst auf medizinisches Wissen. Und auch wenn die Sammlung einst mit expressionistischen Arbeiten begann, so wurden die meisten grafischen Blätter des frühen 20. Jahrhunderts inzwischen dem Galerieverein Stuttgart vermacht. Die Expressionisten und ihr karikaturesk überzogenes Weltbild interessierte die Sammlerfamilie bald nicht mehr: „Je öfter ich ihre Bilder betrachtete, umso mehr fingen sie an, mich zu langweilen“, bekannte Dr. Günther Hauff in einem Interview. „Auf ihren Bildern konnte ich nicht mehr spazieren gehen.“ Die Sammlung, die danach entstand, eignet sich dagegen auch heute noch zur Promenade. Auf den Bildern, entlang der Gänge und Kunstgeschichten, durch künstlerische Lebenswelten. Es ist ein zweifach erhellender Streifzug von künstlerischer wie wissenschaftlicher Quintessenz: In den großen Kernfragen des Seins – Mensch, Leben, Tod – sind Kunst und Medizin auf immer verquickt. Es ist Günther und Renate Hauff zu verdanken, dass ein solcher Spaziergang heute möglich ist.

Autorin: Evelyn Pschak. Sie ist Kunsthistorikerin und schreibt als Kritikerin für deutsche und französische Medien wie die Süddeutsche Zeitung oder artnet. Dieser Artikel entstand für das Magazin „Thieme Perspektiven“, dass anlässlich des 125-jährigen Thieme Jubiläums 2011 herausgegeben wurde.

  • In einem normalen Bürogebäude hat man natürlich nicht die gleichen Möglichkeiten wie in einem Museum, aber wir haben dennoch nach Zusammenstellungen gesucht, die Sinn machen.