Tiervergiftungen melden

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sammelt derzeit im Rahmen eines Gemeinschaftsprojekts mit der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover Meldungen über Tiervergiftungsfälle bzw. Verdachtsfälle von Tiervergiftungen und bittet um Ihre Beteiligung.

Hintergrund

Vergiftungsfälle bei Tieren sind in Deutschland und in der EU nicht meldepflichtig. Es existiert auch keine Gesamtübersicht über veterinärmedizinische Vergiftungsinformationen und Vergiftungsfälle.

Als Vergiftungen werden Erkrankungen definiert, die durch die Einwirkung chemischer Stoffe oder Produkte auf den Organismus ausgelöst werden und durch deren chemische und physikalische Eigenschaften bestimmt werden. Seit 1990 erhält das BfR auf der Grundlage des Chemikaliengesetzes (ChemG) ärztliche Mitteilungen zu Vergiftungsfällen oder auch Verdachtsfällen von Vergiftungen beim Menschen. Diese Vergiftungsmeldungen werden nach toxikologischen Standards bewertet, in harmonisierter Form in einer Giftinformationsdatenbank dokumentiert und stehen damit wissenschaftlichen Analysen zur Verfügung. Darüber hinaus erhält das BfR von den Herstellern Informationen zu chemischen Produkten, die den Giftinformationszentren für die medizinische Notfallberatung zur Verfügung gestellt werden. Die Datenbanken zu Vergiftungsfällen und Produktrezepturen sind wichtige Instrumente für die Risikobewertungen des BfR und Grundlage für die medizinische Notfallberatung in den 8 Giftinformationszentren in Deutschland.

Das Projekt

In Verbindung mit einem Gemeinschaftsprojekt des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) in Berlin und der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) haben dieses Jahr die Arbeiten zur Sammlung von Daten zum Auftreten versehentlicher Vergiftungsfälle bei Tieren (Haustieren und landwirtschaftlichen Nutztieren) innerhalb Deutschlands begonnen. In dieser Studie werden Daten zum Vorkommen von Tiervergiftungen in Deutschland erfasst und ein klinisches Punktesystem zur Einstufung des Schweregrads der Vergiftungen bei Tieren entwickelt. Des Weiteren wird die potenzielle Rolle der Tiere als Indikator zur Früherkennung von humantoxikologischen Risiken untersucht. Die Daten von Tiervergiftungsfällen werden von den deutschen Giftinformationszentren, der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover sowie anderen veterinärmedizinischen Zentren erfasst und können zur Gewinnung eines systematischen Überblicks über Tiervergiftungen in Deutschland beitragen.

Ursachen für Tiervergiftungen

Als Ursachen für Vergiftungsfälle bei Tieren kommen infrage:

  • Haushaltsprodukte (z. B. Waschmittel, Reinigungsmittel, Heimwerker- und Baumarktartikel)
  • Lebensmittel, die für die betreffende Tierart ungeeignet sind (z. B. Schokolade und Weintrauben für Hunde)
  • Kosmetika
  • Pestizide (z. B. Insektizide, Molluskizide, Rodentizide)
  • Pflanzenschutzmittel
  • Holzschutzmittel
  • Humanarzneimittel und Medizinprodukte (nur bei akzidenteller Anwendung durch Laien oder akzidenteller Aufnahme)*
  • Pflanzen, Pilze und deren Toxine
  • Tiere einschließlich deren Toxine

In dieser Studie werden bakterielle Toxine (z. B. Clostridientoxine, Escherichia-coli-Toxine) nicht berücksichtigt.

Vergiftungen bei Haustieren

Der Großteil der bisher vorliegenden Informationen über Tiervergiftungen stammt von Giftinformationszentren oder aus Erhebungen tiermedizinischer Notfallzentren und Universitätskliniken. In Deutschland gibt es 8 Giftinformationszentren (GIZ), die eine medizinische Notfallberatung zu Vergiftungen beim Menschen, aber auch bei Tieren durchführen. Besondere Erfahrungen bei der Beratung von Tiervergiftungen hat das GIZ Nord in Göttingen.

Laut jüngsten Ergebnissen aus Europa und den USA stellt für sämtliche Tierarten die orale Aufnahme den am häufigsten berichteten Weg der Giftexposition dar, gefolgt von Hautkontakt. Bei Haustieren sind die meisten berichteten Vergiftungsfälle zufälliger, akuter Art und involvieren eine einzige Noxe. Die Häufigkeit einzelner Noxen variiert je nach Spezies.

Hilfe im Vergiftungsfall

Falls Sie Rat benötigen oder Fragen hinsichtlich einer giftigen Substanz oder eines Vergiftungsfalls haben, können Sie sich an jedes der 8 Giftinformationszentren wenden.

Die Giftinformationszentren stehen 7 Tage in der Woche rund um die Uhr zur Telefonberatung zur Verfügung.

Darüber hinaus stehen dem Tierarzt folgende Informationsquellen zur Verfügung:

1. Deutschsprachige Webseiten

CliniPharm/CliniTox ist ein an der Universität Zürich (CH) eingerichtetes Computer-basiertes Arzneimittel- und Gift-Informationssystem für Tierärzte. Es besitzt eine Fülle deutschsprachigen Informationsmaterials über Tierarzneimittel, Gifte und den Umgang mit Tiervergiftungsfällen. Die Suche kann nach Tierarten, Substanzen und klinischen Symptomen geordnet erfolgen.
www.vetpharm.uzh.ch/indexcpt.htm
▷ Toxikologie/Giftpflanzen

Das Giftinformationszentrum Nord bietet auf seiner Website eine Giftnotrufliste an.
www.giz-nord.de
▷ tox. Links

2. Englischsprachige Webseiten

Das Animal Poison Control (ASPCA), US, bietet Informationen über Gifte sowie giftige und ungiftige Pflanzen.
www.aspca.org
▷ Pet Care
▷ Animal Poison Control

Das Veterinary Poisons Information Centre (VPIS), UK, bietet Informationen über Gifte sowie Ressourcen über Gifte und die Behandlung von Vergiftungsfällen.
http://vpisglobal.com


Meldung von Vergiftungsfällen

Tierärzte und Tierärztinnen können im Rahmen des hier vorgestellten Projekts gut dokumentierte Vergiftungsfälle sowie Verdachtsfälle von Tiervergiftungen ab Januar 2015 bis Dezember 2016 an das BfR melden. Das Meldeformular kann per E-Mail, Fax oder mit der Post an das BfR gesendet werden. Die Fallinformationen werden vertraulich behandelt und zur Erstellung einer Übersicht über Vergiftungsfälle bei Tieren in Deutschland verwendet.

Schlussfolgerung

Durch die Erfassung und Bewertung von Tiervergiftungen können wertvolle Informationen für den Praktiker gewonnen werden. Insbesondere könnte dadurch eine Früherkennung von Vergiftungsrisiken erleichtert werden. Darüber hinaus sind Tiere ein wichtiger Indikator (sog. „Sentinel“) für Vergiftungsrisiken des Menschen. Die Meldung von Tiervergiftungen ist daher auch ein Beitrag für die menschliche Gesundheit und somit ein Aspekt der „Veterinary Public Health“ (VPH).

*Hinweis: Unerwünschte Arzneimittelwirkungen nach gezieltem Off-Label-Use von Humanarzneimitteln sind an das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) zu melden.

 

Aus der Zeitschrift kleintier.konkret 2/2015; Erfassung von Vergiftungen bei Haustieren; Sarah McFarland, Kathrin Begemann, Matthias Greiner

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Quelle

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