Kaumuskelmyositis

Autor: M. Eickhoff

Bei der Kaumuskelmyositis (Myositis eosinophilica) des Hundes handelt es sich um eine Erkrankung, die in einer vollständigen Unfähigkeit zum Öffnen des Fangs enden kann.

Eine Besonderheit der Kaumuskulatur begünstigt die Entstehung dieser Entzündung, so genannte Typ 2M Muskelfasern finden sich ausschließlich bei M. temporalis, M. masseter sowie den Mm. pterygoidei.

! Autoantikörper gegen Muskelfasern vom Typ 2M sind verantwortlich für den Untergang der Kaumuskulatur.

In der akuten Phase kommt es zur Nekrose der 2M Muskelfasern, eingebettet in eine durch mononukleäre Zellen dominierte Entzündungsreaktion. In der chronischen Phase erfolgt ein bindegewebiger Ersatz zugrunde gegangenen Muskelgewebes, welcher den progressiven Trismus erklärt.

Symptomatik

Die Kaumuskelmyositis kann bei jeder Rasse auftreten, größere Rassen und insbesondere der Deutsche Schäferhund, Retriever und Dobermann sind bevorzugt betroffen. Eine Geschlechtsprädisposition ist nicht zu beobachten. Es handelt sich zumeist um junge bis mittelalte Tiere.

Die akute Phase geht einher mit einer deutlichen bilateralsymmetrischen Schwellung der Kaumuskulatur, die aufgrund der Nähe zur Augenhöhle einen Exophthalmus mit Nickhautvorfall hervorrufen kann. Das Öffnen des Fangs ist nur unter Schmerzen möglich, die Futteraufnahme ist daher in der Regel herabgesetzt und die Salivation gesteigert. Die Entzündung kann lokale Lymphknotenschwellungen hervorrufen. Das Tier zeigt ein deutlich beeinträchtigtes Allgemeinbefinden, gelegentlich von einer febrilen Symptomatik begleitet.

! Multiple akute Schübe sind möglich.

In der chronischen Phase kommt es zur Atrophie der Kaumuskulatur infolge der fortschreitenden Fibrosierung, man spricht von einem Fuchsschädel (Abb. 1 a+b). Das Öffnen des Fangs ist nur noch eingeschränkt möglich, Schmerzhaftigkeit sowie Entzündungszeichen fehlen jedoch. Das Allgemeinbefinden des Tieres ist bis auf die funktionelle Behinderung infolge des Trismus nur gering beeinträchtigt. Abb. 1a, 1b: Kopfform vor (a) und nach Ausbruch einer Kaumuskelmyositis. Durch Atrophie der Muskulatur wirken Kopf und Gesicht schmaler, die Temporalisregion ist eingefallen.

     

 

 

 

Diagnostik 

! Aufgrund der klinischen Symptome allein lässt sich die Diagnose der Kaumuskelmyositis nicht stellen.

Weitere Parameter sollten zur Diagnose herangezogen werden:

Histopathologische Untersuchung: Bioptate des M. temporalis und M. masseter sollten von der linken und rechten Kopfseite genommen werden. Im histopathologischen Präparat finden sich während der akuten Phase Muskelfasernekrosen, perivaskuläre Infiltrate mononukleärer Zellen und ausgeprägte Phagozytosevorgänge, während des chronischen Geschehens bestimmt ein bindegewebiger Umbau das histopathologische Bild

(Abb. 2). Abb. 2: Akute Kaumuskelmyositis histologisch (HE, x20). Lymphohistiozytäre Infiltrate (*) mit Muskelfaserdegeneration und Nekrosen (Pfeil) dominieren das histopathologische Bild. (Quelle: Seeliger, Dr. Frank, Wiss. Angestellter, Institut für Pathologie der Tierärztlichen Hochschule Hannover)

! Zum definitiven Nachweis einer Kaumuskelmyositis ist die histopathologische Untersuchung das geeignete Diagnostikum.

Bei akuter Schwellung der Kaumuskeln oder bei Behinderung der Kieferöffnung ohne ersichtlichen Auslöser sollte daher eine Biopsie durchgeführt werden.

Autoantikörpernachweis: Der Nachweis von Autoantikörpern gegen Muskelfasern vom Typ 2M ist aus dem Serum möglich und findet sich bei mehr als 85 % von Hunden mit Kaumuskelmyositis.

! Eine vorherige immunsuppressive Therapie mit Kortikosteroiden oder fortgeschrittene Fibrosierung können falsch negative Resultate ergeben.

Als Screeningmethode ist der Autoantikörpernachweis ein sehr geeignetes Diagnostikum. Bei positivem Befund kann direkt zur Therapie übergeleitet werden. Bei negativem Befund sollte in jedem Fall eine Biopsie der Kaumuskulatur mit nachfolgender histopathologischer Untersuchung durchgeführt werden. Der Nachweis der Autoantikörper gegen 2M Muskelfasern dient gleichzeitig zur Abgrenzung gegen eine Polymyositis oder eine Trigeminusneuritis.

Blutuntersuchung: Kreatinkinase- und Aspartataminotransferase-Spiegel können erhöht sein.

! Die namensgebende periphere Eosinophilie ist nicht immer vorhanden. Sie tritt vorwiegend in der akuten Phase auf.

Eine Blutuntersuchung wird zur differentialdiagnostischen Abklärung (Atrophie der Kaumuskulatur auch bei Hypothyreose und Cushing) begleitend durchgeführt, erbringt jedoch keinen definitiven Beweis für das Vorliegen einer Kaumuskelmyositis.

Elektromyogramm: Im Elektromyogramm finden sich eine erhöhte Muskelaktivität sowie irreguläre, stark deformierte Wellen.

Eine histopathologische Untersuchung sowie der Nachweis von Autoantikörpern erscheinen diagnostisch leichter verwertbar als schwierig zu interpretierende Ergebnisse eines Elektromyogramms.

Differentialdiagnostisch sollten über eine gründliche klinische Untersuchung sowie Röntgendiagnostik weitere Erkrankungen ausgeschlossenwerden, die ebenfalls zu einer Behinderung beim Öffnen des Fangs führen können wie z. B. pharyngeale Pfählungsverletzungen oder Kiefergelenksveränderungen.

Therapie

Die Therapie besteht in der Gabe von Kortikosteroiden, zum Beispiel Prednisolon in einer Dosierung von 2 mg/kg 2xtägl. Je nach Verlauf der Erkrankung kann die Dosis reduziert werden, die Fortführung über einen mehrmonatigen Zeitraum ist jedoch notwendig. Ist mit Prednisolon keine deutliche Besserung erzielbar, kann alternativ Azathioprin in einer Dosierung von 2 mg/kg 1xtägl. eingesetzt werden.

! Kommt es nach Absetzen der Therapie zu einem neuerlichen Ausbruch der Erkrankung, so muss ein neuer immunsuppressiver Zyklus begonnen werden.

Wird ein Tier mit fortgeschrittenem Trismus vorgestellt, kann in Narkose eine vorsichtige Dehnung der Kiefer notwendig werden. Als Hilfsmittel zur Kiefermobilisation in Narkose können Holzspatel zwischen Ober- und Unterkieferincisivireihen eingesetzt werden, die sukzessive übereinander geschoben werden. Eine Apparatur mit Dehnschraube sollte sehr vorsichtig angewendet werden, da die erzeugten Kräfte nur schwer eingeschätzt werden können.

! Zur Erhaltung der Kiefermobilität sollte eine Physiotherapie angeschlossen werden.

Prognose

Die Prognose ist bei rechtzeitiger Therapie gut. Liegt jedoch bereits eine ausgedehnte Fibrosierung der Kaumuskulatur vor, kann aufgrund des Trismus die Futteraufnahme so hochgradig beeinträchtigt sein, dass sogar die Euthanasie des Tieres notwendig wird.

Quelle: M. EickhoffZahn-, Mund- und Kieferheilkunde bei Klein- und Heimtieren, ISBN 97838304103862005, S. 208-209

 

 

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