• Interview Katzenberger

     

„Mutig sein und genau beobachten“

Dr. Ruth Katzenberger-Schmelcher und Yvonne Katzenberger sind das Duo hinter „Ergotherapie für Pferde“. Sie erkannten: Was dem Menschen hilft, hilft auch unseren Pferden und gründeten die erste Akademie für Pferdeergotherapie, PFERGO. Im Interview erklären sie die Ergotherapie fürs Pferd, geben Anwendungsbeispiele und Tipps, was man selbst tun kann.

Redaktion: Sie haben Ihr Wissen und Ihre langjährige Erfahrung aus Ergotherapie, Reittherapie und Pferdetraining in einer „neuen“ Profession gebündelt, der Ergotherapie für Pferde, und vermitteln dieses Wissen nun an Pferdebesitzer. Wie kamen Sie auf die Idee Ergotherapie für Pferde anzubieten?

Ruth Katzenberger-Schmelcher: Unsere eigenen Pferde werden vielfältig eingesetzt – unter anderem in der Reittherapie. Gerade im Zusammenspiel mit Klienten, insbesondere Kindern, die einen Förderungsbedarf haben, ist es für die Pferde besonders wichtig, dass sie über eine gute Körperwahrnehmung verfügen. Deshalb haben wir uns gefragt, wie wir unsere Pferde am besten unterstützen können, so dass sie ihre Aufgaben gut meistern können. Und nachdem meine Schwester seit nunmehr 15 Jahren selbstständige Ergotherapeutin ist, lag der Gedankengang nahe, zu überprüfen, inwiefern sich Konzepte und Prinzipien aus der Humanergotherapie auf das Pferd übertragen lassen. So ist letztlich nach jahrelanger Praxis mit unseren eigenen Pferden und Klientenpferden das Buch „Ergotherapie für Pferde“ entstanden.

Red: Was genau ist Ergotherapie für Pferde?

Yvonne Katzenberger: Wir definieren Ergotherapie für Pferde so: Ergotherapie für Pferde oder Pferdeergotherapie unterstützt und begleitet Pferde jeden Alters und jeder Rasse, die in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt oder von Einschränkung bedroht sind. Ziel ist, sie bei der Durchführung von für ihre Gesundheit bzw. für ihren Besitzer bedeutungsvollen Betätigungen im Pferdealltag zu stärken. Hierbei dienen spezifische Aktivitäten, Umweltanpassung und Beratungen des Besitzers dazu, dem Pferd die Handlungsfähigkeit in dem vom Besitzer vorgegebenen Alltag und eine Verbesserung seiner Lebensqualität zu ermöglichen.

Red: Lassen sich die Inhalte der Ergotherapie am Menschen denn 1:1 auf eine entsprechende Therapie mit dem Pferd übertragen? Oder gibt es hier Einschränkungen?

Yvonne Katzenberger: Die moderne Ergotherapie zeichnet sich insbesondere durch eine Klienten- und Betätigungszentrierung aus. Nun ist ein Pferd kein Mensch, der uns sagen kann, in welchen Lebensbereichen er gerne Verbesserungen hätte. Schon allein aus diesem Grund lassen sich nicht alle Definitionen, Grundannahmen und Konzepte von dem einen in das andere Fachgebiet 1:1 übertragen. Selbstverständlich sind daher Modifikationen notwendig, z.B. und vor allem im Bereich Klienten- und Betätigungszentrierung.

Red: Sie sprechen davon, dass die Körperwahrnehmung eines Pferdes gestört sein kann. Was genau meinen Sie damit, wie nehmen Pferde ihren Körper wahr?

Ruth Katzenberger-Schmelcher: Pferde sind tagtäglich einer Flut an unterschiedlichen Umweltreizen ausgesetzt. Sie verfügen über ein ausgeklügeltes Sinnessystem, das ihnen ermöglicht, diese Reize wahrzunehmen, zu bewerten und entsprechend zu handeln. Hier setzt die Ergotherapie für Pferde an: Einen Grundstein der ergotherapeutischen Behandlung des Pferdes bildet die sensorische Integration (SI) bzw. Wahrnehmungsverarbeitung des Pferdes, d.h. die Art und Weise, wie Pferde Reize aus der Umwelt verarbeiten und entsprechend agieren. Vereinfacht ausgedrückt sortiert, ordnet und vereint die SI alle sinnlichen Eindrücke des Pferdes zu einer vollständigen und umfassenden Hirnfunktion. Die SI ist ein perzeptiv-motorisches Konzept, d.h. es geht um ein Zusammenspiel der wahrnehmenden Nerveneindrücke und der ausführenden Nervenimpulse in dem individuellen Wahrnehmungskontext des Pferdes. Alle Informationen, die über die drei wesentlichen Sinnessysteme, das taktile, das propriozeptive und das vestibuläre System, aufgenommen werden, werden im Nervensystem und Gehirn weitergeleitet, verarbeitet und gedeutet, sodass Pferde in bestimmten Situationen auf eine bestimmte Art und Weise handeln. Nun funktioniert diese Wahrnehmungsverarbeitung aber nicht bei jedem Pferd gleich gut. Genau hier setzt die Ergotherapie für Pferde an, indem sie diese drei Basissinne, also die Oberflächensensibilität, die Tiefensensibilität und den Gleichgewichtssinn, gezielt schult und fördert.

Red: Welche Wahrnehmungsdefizite gibt es und in welchen typischen Verhaltensauffälligkeiten des Pferdes resultieren sie, die mit einer Ergotherapie behandelt werden könnten?


Yvonne Katzenberger: Indikationen für eine ergotherapeutische Behandlung des Pferdes können ganz unterschiedlich aussehen. Grundsätzlich gilt, dass alle Auffälligkeiten, die auf Defizite in der Wahrnehmung bzw. der Wahrnehmungsverarbeitung des Pferdes schließen lassen können, als Behandlungsindikationen zu werten sind. Da es uns um den Pferdealltag geht, lassen Sie uns doch einen Blick auf den tatsächlichen Alltag eines Pferdes werfen. Dieser Alltag ist nämlich ziemlich variationsreich und betrifft nicht nur das Miteinander von Pferd und Mensch. Wir unterscheiden folgende Alltagssituationen:

  • Auffälligkeiten im Stall: Hat das Pferd z.B. häufig kleinere, oberflächliche Verletzungen an der Haut, weil es sich an Wänden, Futterraufen etc. stößt oder hat es Probleme beim Bedienen von automatischen und beheizten Tränkebecken?
  • Auffälligkeiten im täglichen Umgang: Zeigt das Pferd z.B. Abwehrverhalten beim Putzen oder Gurten? Lässt sich das Pferd nicht eindecken? Machen unterschiedliche Bodenbeläge das Pferd sichtlich nervös? Auffälligkeiten bei der Bodenarbeit: Stößt das Pferd z.B. häufig mit den Hufen an Stangen, die es übertreten soll? Hat das Pferd Verladeprobleme? Erhöht oder verlangsamt das Pferd beim Longieren unverhältnismäßig das Tempo?
  • Auffälligkeiten unter dem Sattel und beim Reiten: Bleibt das Pferd beim Aufsteigen nicht stehen? Kann es mit dem Reiter auf dem Rücken einspuren? Hat das Pferd Schwierigkeiten, sich bei den Seitengängen zu koordinieren? Auffälligkeiten beim Hufschmied und Tierarzt: Zieht das Pferd z.B. den Huf bei der Hufbearbeitung massiv weg? Entzieht sich das Pferd beim Fiebermessen?
  • Das sind natürlich nur einige Beispiele. Wichtig ist auch, dass wir stets in einem multiprofessionellen Team mit Tierärzten und Therapeuten anderer Fachrichtungen zusammenarbeiten, um das Pferd bestmöglich zu betreuen.

    Red: Woran erkennen Sie, dass Ihre Arbeit den Pferden guttut?

    Ruth Katzenberger-Schmelcher: Nach einer ausführlichen Anamnese und Befundung formulieren wir die Wünsche des Pferdebesitzers als überprüfbare und vor allem realistische Ziele, die sich an objektiv beobachtbaren Items messen lassen. Diese Ziele werden gemeinsam mit dem Pferdebesitzer nach einer vorher festgelegten Terminierung kontrolliert. Es wird also stets überprüft, ob das Therapieziel erreicht wurde. Dabei berücksichtigen wir natürlich auch die Frage, welche objektiv beobachtbaren Körperfunktionen sich verändert haben. So können wir natürlich sehr gut überprüfen, ob sich etwas beim Pferd verändert hat. Darüber hinaus fließen aber auch Fragen ein, wie: „Was ist im Lebensumfeld des Pferdes weiter adaptierbar? Was kann der Pferdebesitzer selbst durchführen?“
    Red: Welcher Erfolg bei einem „Problempferd“ kommt Ihnen spontan in den Sinn, über den Sie sich noch heute freuen?

    Yvonne Katzenberger: Über einen Erfolg freuen wir uns ganz besonders. Die Besitzerin einer 6-jährigen Hannoveraner-Stute war sehr verzweifelt, weil das Pferd massive Probleme hatte, die Hufe zu geben. Der regelmäßige Termin beim Hufschmied endete jedes Mal in einem Fiasko. Das Pferd konnte den Huf nicht so lange heben und sich nur inadäquat ausbalancieren. Es fing an, unruhig zu werden und den Huf mit ganzer Kraft wegzuziehen. Es ging sogar soweit, dass das Pferd die Anbindestricke zerriss und durch die Stallgasse flüchtete. Das Problem manifestierte sich immer mehr und am Ende konnte die Besitzerin die Hufe auch nicht mehr auskratzen. Ein Hufschmied-Termin ohne vorherige Sedierung durch den Tierarzt war nicht mehr möglich. Nach einer ausführlichen Befundung und Anamnese konnten wir dem Pferd und der Besitzerin durch die Ergotherapie für Pferde helfen. Die Therapie erfolgte schwerpunktmäßig im vestibulären und im propriozeptiven Bereich. Die Besitzerin setze ihre Hausaufgaben um, sie bezog auch ihre Reitbeteiligung aktiv mit ein. Besonders schön fanden wir, dass sich die Stallbesitzerin auf Veränderungsmaßnahmen im Paddockbereich einließ. Dies ist ein wirklich tolles Beispiel, weil sämtliche Personen, die mit dem Pferd in Kontakt waren, gemeinsam am Ziel für Pferd und Besitzerin gearbeitet haben.

    Red: Welche Maßnahmen könnte jeder schnell umsetzen, um seinen Pferden etwas Gutes zu tun?

    Ruth Katzenberger-Schmelcher: Zwei ganz einfache Tipps: Mutig sein – aber dabei genau beobachten. Mit mutig sein meine ich, dass der Pferdebesitzer seine Routinen überprüfen sollte: „Kann das Pferd vielleicht auch mal von rechts geführt oder gesattelt werden? Ist es möglich, das Pferd mit einem ganz fremden Gegenstand abzustreichen? Kann ich bewusst verschiedene Bodenbeschaffenheiten nutzen und mein Pferd darüberführen?“ Genau beobachten meint dabei, dass der Pferdebesitzer wirklich genau hinsehen muss: „Ändert sich denn etwas am Muskeltonus, sobald der Sattel von der „falschen“ Seite aufgelegt wird? Zeigt das Pferd Abwehrverhalten, wenn es mit etwas Ungewohntem abgestreift wird? Kann es den Takt halten und sind die Schritte immer noch gleich lang, sobald es einen weicheren oder härteren Untergrund betritt?“. Solche Übungen können schon sehr aufschlussreich für den Pferdebesitzer sein.

    Red: Wir bedanken uns herzlich für das informative Gespräch mit Ihnen!

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