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Netzwerk Faszien – use it or lose it?

Faszien sind heutzutage in aller Munde, aber welche Funktion haben sie eigentlich und welche Rolle spielen sie bei der Entstehung des Schmerzes?

Einleitung

Anatomiebücher zeichnen sich sowohl in der Human- als auch in der Veterinärmedizin durch eine Darstellung der Muskelbäuche mit Ursprung und Ansatz aus. Das begleitende spezialisierte Bindegewebe und Verbindungen zu anderen Strukturen im Sinne von „inneren Häuten“ wurden über viele Jahre wenig beachtet. Wissenschaftliche Daten untermauern, dass Faszien als spezialisiertes Bindegewebe biomechanische, strukturelle und funktionelle Eigenschaften besitzen. Seit 2007 findet regelmäßig ein internationaler Faszienforschungskongress statt und erst vor wenigen Jahren ist ein eigener Anatomie-Atlas zur menschlichen Faszienanatomie erschienen.

Nomenklatur von Faszien

Die Nomenklatur von Faszien wird in der Fachwelt diskutiert. Im klassisch anatomischen Sinne werden Faszien entsprechend der anatomischen Lokalisation systematisch bezeichnet wie beispielsweise die Fascia thoracolumbalis, die Brust- und Lendenwirbelsäule umspannt. Im Gegensatz dazu wird das Wort „Faszie“ im Sport oder auch anderen Bereichen unscharf und beinahe synonym zu dem Begriff „Bindegewebe“ eingesetzt.

Seit dem 1. internationalen Faszienforschungskongress an der Harvard Medical School beschäftigt sich ein Expertengremium mit der Nomenklatur. Wesentliche Eigenschaften einer Faszie sind demnach flächige kollagenöse Strukturen mit einer dreidimensionalen Vernetzung im Körper. In diesem Sinne könnten auch bandartige Strukturen, Gelenk- und Organkapseln als fasziales Bindegewebe bezeichnet werden.

Aufgaben von Faszien

Der Körper wird durch ein System von Druck und Spannung stabilisiert, in welchem Faszien die Verbindungen der Elemente darstellen und der Kraftübertragung dienen. Die Knochen sind in diesem System als stabilisierende Elemente eingebunden, d. h. dass das Skelett nicht das Gerüst für die Weichteile darstellt, sondern die Faszie die Form bestimmt und als Metasystem Verbindung zu allen physiologischen Funktionen hat.

Abgesehen von der Kraftübertragung der Muskelkraft auf die Knochen und von Muskel zu Muskel, als Voraussetzung jeglicher Bewegung, spielen Faszien auch eine Rolle in der Speicherung von Energie. Bei Belastung werden diese Gewebe gespannt und setzen ihre so gespeicherte Energie in Form von Bewegung wieder frei, wobei sich die Länge des Gewebes dabei zum Teil nur geringfügig verändert. Die Art der Anordnung der Bindegewebszellen in den verschiedenen Faszien und deren Verbindungen untereinander (crosslinks) haben dabei großen Einfluss auf die physikalischen Eigenschaften. Wer schon einmal aus Versehen einen Wollpullover in den Trockner gesteckt hat, konnte selbst feststellen, welche Auswirkungen eine Veränderung der Struktur auf die Eigenschaften des Gewebes haben kann. Ähnlich verhält es sich mit der Vorstellung in einem zu kleinen Taucheranzug zu stecken.

Schädigungen durch Trauma, Operationen, Narben oder auch der natürliche Alterungsprozess haben Auswirkungen auf die Struktur der Faszien, die dann funktionelle Beeinträchtigungen nach sich ziehen. So nimmt im Alter nicht nur die generelle Fähigkeit der Zellen, Wasser zu speichern, ab. Auch die Zusammensetzung der Matrix (der Substanz zwischen den Zellen) ändert sich. In den energiespeichernden Sehnen nimmt das enthaltene Elastin mit dem Alter ab. Elastin ist ein für die Vernetzung von Gewebe wichtiges Strukturprotein. Dies führt zu einer erhöhten Desorganisation des Gewebes und einer verringerten Fähigkeit, Energie zu speichern.

In Bezug auf die Histologie der Faszie der Vordergliedmaße des Pferdes stellten Untersuchungen fest, dass die generelle Struktur jener Struktur der menschlichen tiefen Faszie der Beine entspricht.

"form follows function" 

Die Form folgt der Funktion (FFF): Dieser Begriff entstammt der Architektur. Ähnlich verhält es sich mit dem Körper, wobei Faszien das formgebende Gewebe des Körpers sind. Sie durchziehen den gesamten Körper und ähnlich einer aufgeschnittenen Orange. Geben sie dem Zellverbund, der einen hohen Wassergehalt aufweist, ihre Form. Betrachtet man ein gut trainiertes Tier oder das Sixpack eines Menschen, so sind das, was sich als Muskelgruppe darstellt, im Grunde genommen Faszien. Man kann oberflächliche Faszien also sehen. Der geübte Manualtherapeut „sieht“ auch die tiefer liegenden Faszien – mit den Händen. Übung macht auch hier den Meister, denn auch die Wahrnehmung von pathologischen Veränderungen in Faszienstrukturen muss das sensorische System des Therapeuten erst trainieren.

Bei der Milz des Pferdes hat die Faszie nicht nur eine formgebende Funktion, sondern ist auch für eine besondere Fähigkeit des Pferdes verantwortlich. Bei Pferden sind bis zu 30 % der Erythrozyten in der Milz gespeichert. So ist das Pferd in der Lage, in einer Fluchtreaktion zusätzliche Reserven aus der Milz in den Kreislauf abzugeben. Das Pferd ist mithilfe der Faszie als Organkapsel in der Lage, eine Autotransfusion durchzuführen. Auf diese Weise wird die Versorgung des Körpers, insbesondere der auf Hochtouren arbeitenden Muskulatur, mit Sauerstoff deutlich verbessert. So manch ein Profi-Radsportler würde sich sicher auch eine solche Milz wünschen.

Eine weitere zentrale Rolle spielen die Faszien auch in der Eigenwahrnehmung des Körpers (Propriozeption). Die gleitenden Schichten melden dem zentralen Nervensystem sensorische Daten, die zur neuromuskulären Steuerung und Koordination essenziell sind. Kommt es zu Funktionsverlusten des Gewebes durch ein Trauma (Unfall, Operation, Narbe etc.), kann dies zu „Falschmeldungen“ führen. Als Folge werden dementsprechend auch falsche Befehle an den Körper als Bewegungsimpuls zurückgeschickt. Bestehen diese Einschränkungen über einen längeren Zeitraum, lernt das (autonome) Nervensystem im ungünstigsten Fall alternative Bewegungsabläufe bzw. Haltungen. Diese Fehlhaltungen und fehlerhaften Bewegungsabläufe können infolge zu asymmetrischen Belastungen führen, die andere Strukturen (z. B. Gelenke) schädigen.

 Merke: Propriozeption ist die Tiefensensibilität mit welcher der Körper das zentrale Nervensystem über die Position und den Zustand der Aktivität von Muskeln, Sehnen, Faszien und Gelenken informiert.

Strukturschäden der Faszie können den reibungslosen Bewegungsablauf verzögern und zu langsameren Korrekturreaktionen führen. Für das Nervensystem und insbesondere für die Propriozeption gilt die Devise: „Use it or lose it!“. Nicht umsonst sieht man in letzter Zeit in den Fitnesszentren immer öfter ältere Menschen auf Wackelbrettern stehen, denn wer seine Zeit meist sitzend auf dem Sofa verbringt, büßt nicht nur die Spannungsfähigkeit von faszialem Gewebe ein, sondern verlangsamt auch die Fähigkeit zur Korrekturreaktion. Als Folge wird dann auch das Stolpern über die Teppichkante gleich zum Verhängnis. Auch bei unseren Haustieren ist Bewegungsmangel und somit ein Training des propriozeptiven Systems eine – oft von Menschen verursachte – Wohlstandserscheinung.

Lesen Sie den gesamten Beitrag hier: Netzwerk Faszien - use it or lose it?

Aus der Zeitschrift: Hands on 01/2019 

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