Panzernekrosen

Autor(en): P. Kölle

Panzernekrosen, die auch als USD (Ulcerative Shell Disease) bezeichnet werden, sind sowohl bei Wasser- als auch bei Landschildkröten keine seltene Erkrankung. Oft werden die Nekrosen von den Besitzern relativ spät entdeckt, sei es, dass sie sich bei Landschildkröten am Bauchpanzer befinden oder dass die Prozesse erst sehr spät deutlich sichtbar werden. Unbehandelt können Panzernekrosen zu einer nachfolgenden Sepsis oder einem Durchbruch in die Körperhöhle mit tödlichem Verlauf führen. 

Vor allem Bakterien verursachen Panzernekrosen, wenn auch in manchen Fällen zusätzlich noch Pilze nachgewiesen werden können. Bei den Bakterien sind besonders häufig Pseudomonas sp., Citrobacter sp. und Klebsiella sp. oder auch Aeromonas sp. oder Beneckia chitinovora nachzuweisen. Letztere befallen eigentlich Krebstiere, wurden aber eindeutig mit Panzernekrosen bei Wasserschildkröten in Verbindung gebracht. Eventuell spielen als Futtertiere eingesetzte getrocknete Krebstiere eine Rolle als Reservoir der Krankheitserreger bei Wasserschildkröten. 

Zu feuchter oder ungeeigneter Bodengrund bei Landschildkröten, wie z. B. stark mit Bakterien und Pilzen kontaminierte Komposterde oder frisches Häckselmaterial, und bei Wasserschildkröten stark mit Ausscheidungen belastetes Wasser sind oft der Auslöser für die Manifestation solcher Keime im Panzer. Auch kleinere Verletzungen wie Abschürfungen an scharfkantigen Einrichtungsgegenständen oder durch Rivalenkämpfe speziell unter männlichen Tieren bilden Eintrittspforten für pathogene Keime. Bei weiblichen Landschildkröten können Panzerverletzungen durch die Rammstöße der Männchen, die zum Paarungsverhalten gehören, auftreten. Nicht zuletzt beeinflussen schlechte Haltungsbedingungen, wie z. B. zu niedrige Haltungstemperaturen und Überbesatz die Immunabwehr negativ und begünstigen somit bakterielle Infektionen. 

Klinik  

Entzündungen am Panzer und nachfolgende nekrotische Prozesse sind meist oberflächlich lokalisiert und können nachfolgend in die Tiefe gehen. Das Plastron ist häufiger befallen als der Karapax. Insofern können vor allem bei Landschildkröten die Krankheitssymptome leicht übersehen werden. Das frühzeitige Erkennen von Panzernekrosen wird insbesondere in solchen Fällen erschwert, in denen unter den Hornplatten lytische Prozesse einsetzen, die erst nach dem Abheben der Hornplatten sichtbar werden. In manchen Fällen tritt zwischen den oft rötlich verfärbten Hornplatten ein rötliches wässriges Sekret aus (Abb. 1a). Zum Teil treten nässende Stellen auf. Die betroffenen Stellen können von wenigen Millimetern bis zu einigen Zentimetern groß sein und im Extremfall sogar den ganzen Bauchpanzer betreffen (Abb. 1b). Der Panzer kann stellenweise so weich sein, dass mit dem Fingernagel schon Material zu entfernen ist. Im fortgeschrittenen Stadium ist der knöcherne Anteil des Panzers ebenfalls betroffen. Das Allgemeinbefinden der Tiere ist in der Regel ungestört. 

Abb. 1a: Panzernekrose bei einer Rotbäuchigen Spitzkopfschildkröte

  

Abb. 1b: Panzernekrose bei einer Höckerschildkröte 

Diagnose 

Die Diagnose ist anhand des klinischen Bildes meist eindeutig zu stellen. Zu beachten ist, dass bei Wasserschildkröten die Häutung ganzer Panzerplatten normal ist, deren Hornschilde dann im Wasser zu finden sind und bei unerfahrenen Wasserschildkrötenhaltern nicht selten ein Grund sind, einen Tierarzt aufzusuchen. Sichtbare Veränderungen am Panzer können bei Wasserschildkröten auch durch Kalkablagerungen verursacht werden. Diese entstehen bei Haltung in sehr kalkhaltigem Wasser oder wenn nicht regelmäßig ein Wasserwechsel vorgenommen wird, sondern nur das verdunstende Wasser nachgefüllt und das Wasser somit aufgehärtet wird. 

Ein Algenbefall des Panzers ist bei ständig imWasser lebenden Schildkröten, wie z. B. Geier-, Schnapp- und Fransenschildkröten normal und dient der Tarnung. Bei anderen Wasserschildkrötenarten ist ein Algenbefall harmlos, wenn die Häutung und Sonnenbäder an Land normal stattfinden. Allerdings weist eine sehr starke Veralgung bei diesen Tieren auf ein relativ stark belastetes Wasser hin. Im Falle einer Sepsis kann es zu rötlichen Verfärbungen der Hornschilder speziell des Plastrons kommen. Diese Tiere sind sofort unter eine Allgemeinantibiose zu setzen. 

Therapie 

Die befallenen Stellen sollten mit einem scharfen Löffel sorgfältig bis ins gesunde Gewebe abgetragen werden. Bei tiefergreifenden Prozessen, deren Behandlung für das Tier schmerzhaft ist, soll vorher ein Analgetikum (z. B. Carprofen) verabreicht werden. In schweren Fällen muss die Prozedur in Allgemeinanästhesie (am besten Isoflurannarkose, S. 215) vorgenommen werden. Die betroffenen Stellen sollten dann mit Betaisodonalösung bepinselt werden. Auch Gentianaviolettlösung hat sich gut bewährt; bei Wasserschildkröten ist ihr aufgrund der besseren Haltbarkeit sogar der Vorzug zu geben. Die lokale Behandlung erfolgt täglich bis zur kompletten Abheilung. Offene Stellen am Plastron sollten bei Landschildkröten wegen der Kontamination mit Kot und Bodengrund mit einem Verband abgedeckt werden. Nekrosen am Karapax sollen hingegen nicht abgedeckt werden. Ein systemischer Einsatz eines Breitspektrum- Antibiotikums ist empfehlenswert, z. B. Doxytetrazyklin. Eine bakteriologische und mykologische Untersuchung inklusive Resistenztest ist empfehlenswert. Gegebenenfalls kann die Antibiose dann noch umgestellt werden. 

Gerade bei tiefergreifenden oder großflächigen Prozessen sollte in den ersten 3–4d zusätzlich ein Analgetikum verabreicht werden (s. o.). Positiv ist bei Wasserschildkröten (nicht bei Landschildkröten!) eine einmalige Gabe von Vitamin A oder besser noch eines wässrigen Multivitaminpräparates, das auch Vitamin C enthält. Daneben hat sich bei Land- und Wasserschildkröten auch die Injektion von Tarantula cubensis als günstig erwiesen. Wasserschildkröten sollten 23 h am Tag trocken gesetzt werden und 1 Stunde ins Wasser, um Futter und Wasser aufnehmen und sich entleeren zu können. Bei Weichschildkröten und anderen sehr stark ans Wasser gebundenen Wasserschildkröten (z. B. Emydura sp.) sollten die Tiere nur maximal 11 h trocken gesetzt und danach mindestens 1 Stunde ins Wasser gesetzt werden. Eine tägliche subkutane Infusion ist vorteilhaft. Sowohl Land- als auch Wasserschildkröten können in ein Bad mit lange gezogenem Schwarztee verbracht werden. Schildkröten mit Panzernekrosen sollten bis zur Abheilung der Nekrosen auf Zeitungspapier oder Zellstoff gehalten werden. Tägliche Bestrahlung mit UVLicht, sei es bei entsprechender Witterung draußen als Sonnenbad oder mittels UV-Lampen (z. B. Osram Ultra Vita Lux, 300W für 20min täglich im Abstand von 80–100 cm) ist sehr förderlich für den Heilungsprozess. Betroffene Schildkröten sollen erst eingewintert werden, wenn die Prozesse weitgehend abgeheilt sind. Wichtig ist eine angemessene Prophylaxe, um Panzernekrosen gar nicht erst entstehen zu lassen. 

Landschildkröten sollten auf entsprechendem Untergrund, wie z. B. Rasen bzw. Wiese im Freigehege und im Terrarium auf ausgestochenen Rasenstücken oder auch Kokoserde gehalten werden. Der Bodengrund ist regelmäßig von Futterresten und Kot zu säubern. Rivalisierende Tiere müssen getrennt werden. Die Pflege des Panzers mit Ölen oder Fetten ist zu unterlassen, da durch die fehlende Luftzufuhr Panzernekrosen begünstigt werden. Bei Wasserschildkröten ist auf gute Wasserqualität zu achten. Aquarien müssen über leistungsstarke Filter verfügen, die regelmäßig gereinigt werden. Zudem muss regelmäßig (in der Regel mindestens 1-mal pro Woche) ein Teilwasserwechsel erfolgen. Die Wasserqualität sollte regelmäßig mittels im Zoohandel erhältlicher Testsets überprüft werden. Vor allem bei Schmuck- und Zierschildkröten muss ein trockener Landteil zur Verfügung stehen, auf dem alle Tiere gleichzeitig Platz haben und der neben einem Strahler auch mit UV-Licht ausgestattet ist. Bissige Tiere müssen separat gehalten werden. 

Quelle: 

P. Kölle
Die Schildkröte
Heimtier und Patient
ISBN: 9783830410669
2008, S. 157-160

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