Studium mit Behinderung in der Tiermedizin

In den Geisteswissenschaften finden sich deutlich mehr Studierende mit Behinderung als in den Naturwissenschaften oder speziell der Tiermedizin, wo sie kaum sichtbar sind. Dies heißt aber nicht, dass es nicht möglich wäre. Bianca Hanke, sehbehindert, schildert ihre Erfahrungen.

Laut einer Studie des Deutschen Studentenwerks ist 94% aller Studierenden mit Behinderung diese nicht anzusehen. So ist es auch bei mir: Zwar bin ich sehbehindert, aber im normalen Alltag nimmt das kaum jemand wahr.

Als ich 2007 mein Studium der Veterinärmedizin an der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover begann, musste es aber doch zum Thema werden. Denn nicht in allen Kursen konnte ich reibungslos teilnehmen. Zum Beispiel war das Mikroskopieren in der Histologie nicht immer problemlos. Manche Details entgingen mir.

Die Universität ist generell dazu verpflichtet, Studierenden mit Behinderung das Studium zu ermöglichen

Um das nicht in der Prüfung erleben zu müssen, suchte ich gemeinsam mit den Dozenten eine Lösung. Nach einigem Hin und Her fand sich dann eine Alternative: Ich führte die Prüfung am Bildschirmmikroskop durch. Auch in der ein oder anderen Prüfung war eine solche Regelung notwendig. Dennoch kam ich verhältnismäßig reibungslos und ohne viele Hilfen durch das Studium und schloss es im April 2013 erfolgreich ab.

Dies verdankte ich auch meinen hilfsbereiten Kommillitonen, die mal eine Tafelanschrift für mich dechiffrierten oder beim Venesuchen halfen. Die Universität ist generell dazu verpflichtet, Studierenden mit Behinderung das Studium zu ermöglichen. Sie muss also zum Beispiel theoretische Prüfungen als Ersatzleistung anbieten, wenn die praktische Prüfung nicht durchgeführt werden kann. Dass Vorlesungsunterlagen in elektronischer Form verfügbar sind, nimmt ohnehin zu, sodass es nicht mehr speziell angefordert werden muss.

Jeder hat seine eigenen Anforderungen

Sämtliche Sonderregelungen können von den Studierenden mit dem Vertreter für die Belange behinderter Studierender besprochen und angepasst werden, denn: kein Fall gleicht dem anderen! Jeder hat seine eigenen Anforderungen und auch seine eigene Art, mit dem Handicap umzugehen. So braucht ein hörbehinderter Student vielleicht ein Funkmikrofon, das der Professor während der Vorlesung um den Hals trägt.

Eine gehbehinderte Studentin benötigt dagegen einfach nur den Schlüssel für den Fahrstuhl. Aber natürlich können auch größere Schwierigkeiten zu meistern sein. Wie zum Beispiel, soll man die Atmung auskultieren, wenn man nicht hören kann? Wie rektalisiere ich eine Kuh, wenn ich im Rollstuhl sitze? Letztendlich muss auch jeder Student für sich selbst entscheiden: Ist es für mich sinnvoll, Veterinärmedizin zu studieren? Gibt es danach eine realistische Chance, im erlernten Beruf zu arbeiten? Oder sollte ich mir ein verwandtes Studium aussuchen, das andere Möglichkeiten eröffnet? Und man muss sich bewusst sein, dass einem die Hilfe nicht hinterhergetragen wird.

So trifft man an den Universitäten durchaus auf hilfsbereite Personen – aber man muss den eigenen Bedarf deutlich artikulieren und am Ball bleiben, damit die notwendige Veränderung auch geschieht. Die Bereitschaft, sich darauf einzulassen, kann auch innerhalb der Institute variieren – der eine Dozent schüttelt verständnislos den Kopf oder macht beleidigende und diskriminierende Bemerkungen, der andere dagegen engagiert sich und möchte die beste Lösung für den oder die Studierenden finden.

Meine weitere Laufbahn führt mich zur Promotion nach Göttingen, mit Schwerpunkt Tierschutz bei Lamas und Alpakas, worauf ich mich schon sehr freue!

Text: Bianca Hanke, Foto: Hanke, privat 

 

 

 

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