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Die neuromuskuläre Steuerung des Kaumechanismus und ihre Bedeutung für die Kieferorthopädie

Das Ziel einer jeden kieferorthopädischen Therapie ist die Rehabilitation des stomatognathen Systems in funktioneller und ästhetischer Hinsicht.

Eine der wichtigsten Funktionen stellt dabei der Kaumechanismus dar, welcher einer komplexen und abgestimmten neuromuskulären Steuerung unterliegt. Unzählige Mechanorezeptoren v. a. im Parodont, Kiefergelenk und der orofazialen Muskulatur können dabei feinste Störungen in der Okklusion detektieren, was zu Fehlregulationen bzw. -belastungen führen kann, von denen angenommen wird, dass sie langfristig auch zu Schäden im stomatognathen System bzw. Kiefergelenk führen können. Insbesondere traumatische Okklusionskontakte, wie sie häufig bei erwachsenen Patienten im parodontal vorgeschädigten Gebiss mit pathologischen Zahnwanderung auftreten, aber auch ausgeprägte Malokklusionen können eine empfindliche Störgröße für das stomatognathe System darstellen, welche je nach Plastizität und Anpassungsfähigkeit der neuronalen Strukturen zu funktionellen Problemen und Störungen beim Kauen führen können sowie zu Jiggling-Effekten an den Zähnen mit Progression parodontaler Knochenverluste. Die orthodontische Therapie bietet nun die Möglichkeit, die Okklusion des Patienten dementsprechend zu verändern und traumatische Okklusionskontakte zu eliminieren, greift aber dadurch auch maßgeblich in die neuromuskuläre Steuerung durch Veränderung der okklusalen Belastungssituation dar. Sie kann daher präventiv-therapeutisch bezüglich Fehlregulationen wirksam werden. In diesem Zusammenhang wird in der Literatur auch eine Entstehung und Progression von kraniomandibulären Dysfunktionen diskutiert. Die derzeitige Evidenz deutet jedoch darauf hin, dass kieferorthopädische Maßnahmen und damit eine diesbezügliche Veränderung der Okklusion der Patienten „CMD-neutral“ sind, d. h. kraniomandibuläre Dysfunktionen weder verursachen noch präventiv-kurativ diesbezüglich wirken können. Aufgrund der Bedeutung von Okklusionsveränderungen und damit des mechanosensitiven Inputs für die komplexen Vorgänge der neuromuskulären Steuerung des Kaumechanismus sollen diese im Folgenden näher erläutert werden, um kieferorthopädische Maßnahmen in diesem Kontext besser einordnen zu können.

Allgemeine Betrachtungen zum Kaumechanismus

Das stomatognathe System, dessen Strukturen den Kaumechanismus und die neuromuskuläre Steuerung vollziehen, ist ein aus zahlreichen Bestandteilen zusammengesetzter Funktionskreis. Entwicklungsgeschichtlich ist dieses System von den Strukturen der Kiemenbogenregion abzuleiten. In ihm nehmen das Kiefergelenk und die Zähne eine zentrale Stellung ein. Dabei zeigt die Muskulatur eine sehr enge Abstimmung mit den Formmerkmalen einschließlich der individuellen Zahnstellung. Die Steuerung aller Unterkieferbewegungen, welche zur Ausübung mastikatorischer (und auch phonetischer) Funktionen erforderlich sind, unterliegt einem komplexen Reflexmechanismus, der mit einem kybernetischen System vergleichbar ist. Durch diesen sind fein abgestimmte Unterkiefer- und Zungenbewegungen, die Einstellung der Kaukraft, die quantitative und qualitative Abgabe von Speichel (Parasympathikus), die Abstimmung der Mandibulabewegungen (sog. Slow-Reflex-Zyklen), die Aktivierung der Sinnesorgane u.a.m. sowie auch die Koordination aller genannten Funktionen möglich. Außerdem können Willensimpulse in diesen Kaumechanismus eingreifen und die Kiefer- und Zungenbewegungen sowie die Kaukraft beeinflussen. Mit zunehmendem Alter ist eine Umstellung dieses Reflexmechanismus und beispielsweise die Anpassungsfähigkeit an Prothesen erschwert bzw. verringert. Besondere Ausprägungen und Veränderungen der oben genannten komplexen Mechanismen finden wir bei Apoplexie, Hypertonus, Krampfleiden und anderen Erkrankungen des Nervensystems wie epileptischen Anfällen, Parkinsonismus und Veitstanz.

Lesen Sie hier den ganzen Beitrag: Die neuromuskuläre Steuerung des Kaumechanismus und ihre Bedeutung für die Kieferorthopädie
aus der Zeitschrift IOK - Informationen aus Orthodontie & Kieferorthopädie

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