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Die Extraktion in der Kieferorthopädie

Nicht selten wird nach der kieferorthopädischen Befundung die Diagnose Platzmangel oder Engstand gestellt. Dabei unterscheidet man grundsätzlich je nach der möglichen Ursache und Lokalisation verschiedene Formen des Platzmangels. Entsprechend der unterschiedlichen Kausalität steht auch eine Vielzahl von Therapieoptionen zur Verfügung.

Bereits Fauchard berichtet 1733 von „übelsitzenden Zähnen“, die zu extrahieren sind, wenn sie die Position der übrigen Zähne beeinträchtigen, ästhetisch störend sind oder Wange und Zunge verletzen. Bei Mac Lean findet man erste Hinweise auf eine gewisse Systematik bei der Extraktion von Sechsjahrmolaren. Zudem beschreibt er als Vorteile die Vorbeugung und Verbesserung der einfachen Formen von Unregelmäßigkeiten, die Erzielung eines gesünderen Zustands in den übrigen Zähnen und die wahrscheinliche Vorbeugung von Karies. Diese offensichtlichen Vorteile in Verbindung mit der Einführung der Lokalanästhesie führten dazu, dass bereits im 19. Jahrhundert viele Zahnärzte Zähne mit dem Ziel der Verbesserung der Zahnstellung extrahierten. Neben der bis dahin häufig durchgeführten Entfernung der ersten permanenten Molaren empfahlen Kingsley und Hollander die Extraktion von Prämolaren zur Korrektur von frontalen Engständen.

Dabei wurde die Extraktion von bleibenden Zähnen auch schon in der Vergangenheit kontrovers diskutiert. So übte Abbot bereits 1875 Kritik an Extraktion zur Korrektur von Fehlstellungen und verwies darauf, dass die Sechsjahrmolaren die wichtigsten Zähne seien. Angle lehnte Extraktionen gänzlich ab und befürwortete die Einordnung aller Zähne in den Zahnbogen. Besonders in den USA, aber auch in Europa genoss Angle ein hohes Ansehen in Fachkreisen, wodurch es letztlich zu einer kritischen Beurteilung der Extraktionstherapie kam.

Jedoch führte der vollständige Verzicht auf das Entfernen von Zähnen besonders bei ausgeprägten Engständen ebenfalls zu Misserfolgen. So kam in den Jahren nach Angle durch Tweed und Begg die Extraktionstherapie der Prämolaren wieder in Mode. Zudem war durch die Weiterentwicklung der festsitzenden Apparaturen eine bessere Kontrolle der körperlichen Zahnbewegungen möglich. In den USA wurde zwischen 1950 und 1970 bei ca. 80% Patienten die Extraktion fester Bestandteil der kieferorthopädischen Therapie. Man kann also den Ausschlag des Pendels in Richtung beider Extreme erkennen. Mit 10 – 30% lag die Extraktionshäufigkeit in Europa übrigens zu dieser Zeit deutlich niedriger.

Herbst regte bezüglich der Extraktion eine Einzelfallentscheidung an. Sein Postulat von 1913 hat bis heute nichts an Gültigkeit verloren und sollte auch in der modernen Kieferorthopädie die Grundlage für eine auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basierte Therapieplanung sein:

Eine Extraktionsentscheidung sei im Einzelfall zu treffen. Weder eine kategorische Ablehnung noch eine kritiklose Anwendung könne befürwortet werden!
Herbst (1913)

Die Extraktion

Im Allgemeinen wird in der Definition des Begriffs Extraktion keine Unterscheidung zwischen der ersten und zweiten Dentition vorgenommen.

Als (Zahn-)Extraktion (lat.: extrahere „herausziehen“) bezeichnet man das Entfernen eines Zahnes ohne operativen Eingriff. Seltener wird das Synonym Exodontie verwendet.

Dem Entfernen von Milchzähnen wird mit deutlich weniger Zurückhaltung begegnet, als es bei der Extraktion bleibender Zähne der Fall ist, wobei der dritte Molar eine Sonderstellung einnimmt, dessen Germektomie heutzutage häufig routinemäßig durchgeführt wird. Selbst die von Herbst angeregten Einzelfallentscheidungen fallen aufgrund der Vielzahl alternativer Behandlungswege und nicht zuletzt durch die Einflussnahme von Patient und Eltern umso schwerer. Im Zeitalter der modernen Kieferorthopädie werden zunehmend Behandlungswege ermöglicht, die eine Extraktion bleibender Zähne innerhalb der Zahnreihen in vielen Fällen vermeidbar machen. Dennoch erscheint die Reduktion der Zahnanzahl in bestimmten Fällen bei gewissenhafter Indikationsstellung sinnvoll.

Lesen Sie den gesamten Beitrag hier: Die Extraktion in der Kieferorthopädie

Aus der Zeitschrift Zahnmedizin up2date 6/2017

 

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