• Kronen-Wurzel-Fraktur am Zahn 11 mit Eröffnung des Pulpenhohlraumes. Der Frakturspalt erstreckt sich palatinal tief bis in den Wurzelbereich hinein, weshalb der Zahn nicht erhaltungswürdig ist.

     

Traumatisierte Zähne – Maßnahmen und Therapien im Akutfall

Sollte man Milchzähne nach einer Totalluxation replantieren? Wie erfolgt eine akkurate Therapie?

Grundsätzlich ist festzuhalten, dass sich die Untersuchung und Behandlung kleiner Kinder aufgrund ihrer Angst und mangelnden Kooperation oft schwierig gestaltet.
Der Aufwand einer eventuellen Replantation nach einer Totalluxation sowie die zumeist nur vergleichsweise kurze Verweildauer bis zum Ersatz durch einen bleibenden Zahn steht in keinem Verhältnis zu den drohenden Gefahren wie Beschädigung der benachbarten Zahnkeime, lokale Infektionen sowie nicht zuletzt auch der Traumatisierung der jungen Patienten.
Stets ist zu bedenken, dass eine enge topografische Beziehung zwischen der Wurzel des betroffenen Milchzahnes und dem darunter liegenden Zahnkeim des nachfolgenden bleibenden Zahnes besteht.
Sowohl durch eine Replantation als auch durch eine darauf folgende notwendige Wurzelkanalbehandlung wegen drohender periapikaler Entzündungsprozesse kann es zu Beschädigungen benachbarter Zahnkeime bleibender Zähne kommen. Deshalb ist eine Replantation eines totalluxierten Milchzahnes nicht empfehlenswert.
Wurde der vermutlich total luxierte Milchzahn nicht aufgefunden, ist die Anfertigung eines Röntgenbildes indiziert, um sicherzustellen, dass der fehlende Zahn nicht intrudiert wurde. Die Eltern des betroffenen Kindes müssen auch über eventuell auftretende Folgeschäden für den darunterliegenden Zahnkeim aufgeklärt werden.
Zahnmissbildungen, impaktiert bleibende Zähne sowie Durchbruchstörungen der bleibenden Zähne sind mögliche Folgen von Milchzahntraumen. Weitere Folgen einer Avulsion eines Milchzahnes können gelblich-bräunliche Verfärbungen sowie Hypoplasien der meist betroffenen nachfolgenden Schneidezähne sein. Letzteres betrifft vor allem Milchzahntraumen von Kindern zwischen dem 1. und 3. Lebensjahr.
Gibt es keine anderen Gründe, ist eine Antibiotikagabe nach Avulsion nicht notwendig, eine eventuelle Schmerzmittelgabe sollte mit den Eltern und dem betreuenden Kinderarzt abgesprochen werden. Es ist jedoch wichtig darauf zu achten, dass abgesehen von einer für alle Beteiligten offensichtlichen Milchzahnavulsion auch andere nicht so deutlich und schnell erkennbare Verletzungen des Kindes wie z. B. Schädel-Hirn-Traumen unterschiedlicher Schweregrade (Commotio cerebri/Contusio cerebri/Compressio cerebri) übersehen werden. Viele Symptome von schwerwiegenden Schädelhirntraumen entwickeln sich teilweise erst deutlich nach dem Ereignis (Latenzzeit zwischen Auftreten des Traumas und der Symptome), weshalb kleine Kinder nach Traumen einer ständigen aufmerksamen Beobachtung unterliegen müssen. Im Zweifelsfall sollte stets ein Krankenhaus aufgesucht werden, um eine schnellstmögliche kompetente Betreuung zu ermöglichen. Milchzahntraumata treten hierbei natürlich in den Hintergrund.

Fazit
Totalluxierte Milchzähne sollen nicht replantiert werden. Mit Folgeschäden muss gerechnet werden. Eventuelle schwerwiegendere Folgen des Traumas in anderen Regionen müssen sofort abgeklärt werden.

Welche akuten Maßnahmen sollen bei traumatisierten, bleibenden Zähnen, bei denen eine Kronen-Wurzel-Fraktur vorliegt, durchgeführt werden?

Bei Kronen-Wurzel-Frakturen muss zunächst einmal abgeklärt werden, ob die Pulpa eröffnet wurde. Ist dies nicht der Fall, ist folgendes Vorgehen sinnvoll: Als Sofortmaßnahme ist die temporäre Stabilisierung des beweglichen Segmentes durch Verblockung mit den Nachbarzähnen möglich, bis nach umfangreichen diagnostischen Maßnahmen ein definitiver Behandlungsplan vorliegt. Bei unklaren Befunden kann eine Computertomografie darüber Aufschluss geben, wie weit nach apikal die Frakturlinie im Bereich der Wurzel reicht und ob der Alveolarfortsatz mitbetroffen ist.
Wird nun das gebrochene Kronen-Wurzel-Fragment entfernt, ist eine direkte Begutachtung des Schadens sowie ein Ausschluss bzw. das Vorliegen einer Pulpaeröffnung erkennbar. Betrifft die Fraktur das koronale Drittel der Wurzel, kann durch eine Gingivektomie oder manchmal sogar eine begleitend notwendige Ostektomie der Frakturdefekt in ihrer ganzen Ausdehnung dargestellt und restaurierende Maßnahmen wie Füllungen oder Kronen möglich gemacht werden. Manchmal ist es notwendig, trotz nicht eröffneter Pulpa eine endodontische Behandlung mit darauffolgender Stift-Kronen-Versorgung durchzuführen, da sonst eine effiziente und ästhetische prothetische Rehabilitation nicht möglich wäre.
In seltenen Fällen empfiehlt sich nach einer Wurzelbehandlung die orthodontische Extrusion der verbliebenen Wurzel, insofern diese eine ausreichende Länge für eine später folgende Stift-Kronen-Versorgung aufweist.
Die Extraktion des frakturierten Zahnes (trotz nicht direkt betroffenen Pulpenhohlraumes) ist dann angezeigt, wenn der Frakturspalt bis tief in den Wurzelbereich hineinragt und dadurch prognostisch einer Längsfraktur gleichzusetzen ist. Je nach Mitbeteiligung bzw. Beschädigung des Alveolarfortsatzes ist dann eine Sofort-, verzögerte Sofort- oder Spätimplantation sinnvoll.
Liegt eine Kronen-Wurzel-Fraktur mit Eröffnung des Pulpenhohlraumes vor (Abb.), hat sich folgendes Vorgehen bewährt: Ist das Wurzelwachstum noch nicht abgeschlossen, ist es wesentlich, die Pulpenvitalität zu erhalten. Dies kann bei punktförmigen Öffnungen der Pulpa durch Überkappung mittels Kalziumhydroxid erfolgen, bei größeren Defekten kann auch eine partielle Pulpotomie mit anschließender Kalziumhydroxidüberkappung hilfreich sein. Bei Anzeichen einer apikalen Parodontitis ist jedoch eine Wurzelbehandlung unumgänglich. Das weitere Wurzelwachstum ist dadurch jedoch beendet.
Wenn das Wurzelwachstum des frakturierten Zahnes bereits abgeschlossen ist, stellt bei nichtüberkappbaren Pulpeneröffnungen die Wurzelbehandlung das Mittel der Wahl dar.
Alle weiteren therapeutischen Schritte entsprechen dem schon zuvor beschriebenen Vorgehen nach Kronen-Wurzel-Frakturen ohne Pulpeneröffnung.

Fazit
Bei Kronen-Wurzel-Frakturen hängt das therapeutische Vorgehen davon ab, wie tief in die Wurzel der Frakturspalt reicht. Wenn möglich, sollte bei nicht abgeschlossenem Wurzelwachstum für deren Weiterentwicklung die Pulpenvitalität erhalten werden.

Welche akuten Maßnahmen sollten nach Totalluxation (Avulsion) unmittelbar nach dem Unfall erfolgen?

Oft ist nach Zahnavulsionen kein fachkundiges medizinisches bzw. zahnmedizinisches Personal schnell zugegen, weshalb telefonische Anweisungen noch am Ort des Unfalles sinnvoll sein können.
Zunächst muss sichergestellt werden, dass der Patient durch das Trauma keine schwerwiegenderen Verletzungen wie z. B. eine Gehirnerschütterung erlitten hat. Ist dies nicht der Fall, hat sich folgendes Vorgehen bewährt:

  • Der Patient muss zunächst beruhigt werden. Handelt es sich um ein Kind, muss sichergestellt sein, dass die Totalluxation einen bleibenden Zahn (und nicht einen Milchzahn, welcher nicht replantiert werden darf), betrifft.
  • Der ausgeschlagene Zahn darf nur an der Krone, jedoch nie an der Wurzel angefasst werden, um das parodontale Ligament nicht weiter zu schädigen.
  • Ist der Zahn verschmutzt, soll er ca. 10 s. unter kaltem Wasser abgewaschen werden, bevor er repositioniert wird. Vor Ort befindliche Eltern oder Begleitpersonen sollten ermutigt werden, den Zahn in die leere Alveole zurückzustecken. Ist der Zahn wieder in die Alveole positioniert worden, sollte der Patient auf ein sauberes Taschentuch beißen, um in dort zu fixieren.
  • Ist dieses Vorgehen nicht möglich, weil z. B. die Mitarbeit des Patienten nicht gegeben ist, sollte der Zahn in einem Glas Milch oder – wenn vorhanden – in einer Zahn-Notfallbox, welche mit einer optimalen Lagerungsflüssigkeit versehen ist, gelagert werden, um ein Austrocknen des parodontalen Gewebes zu vermeiden. Eine andere Möglichkeit ist die Lagerung des Zahnes in der Mundhöhle (zwischen Wange und Alveolarfortsatz), wobei sichergestellt sein muss, dass der Patient dazu auch tatsächlich in der Lage ist (Schluckgefahr). Eine weitere Möglichkeit stellt die Lagerung des Zahnes in einem Gefäß voller Speichel des Patienten dar. Lagerung in Wasser sollte vermieden werden!
  • Im Anschluss an diese Maßnahmen sollte sofort ein Zahnarzt aufgesucht werden, um den Zahn zu replantieren bzw. zu schienen. Über die drohende Ankylose und/oder eine notwendige Wurzelbehandlung muss der Patient bzw. die Eltern informiert werden.

Fazit
Schnelles und richtiges Handeln begünstigt die Prognose. Das parodontale Ligament muss geschont und feucht gehalten werden, um eine später drohende Ankylose zu vermeiden.

 

Univ. Prof. Dr. Christian Ulm, Universitätszahnklinik Wien

Quelle: Informationen aus Orthodontie & Kieferorthopädie Ausgabe 2/2014

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