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Wurzelkaries – kennen, erkennen, erfolgreich therapieren

Wurzelkaries ist im Kontext des demografischen Wandels eine zunehmende Herausforderung für den Zahnarzt. Dieser Beitrag soll dem Leser nützliche Informationen zu Pathogenese, Prävention und Therapieoptionen an die Hand geben.


Definition

Wurzelkaries ist definiert als eine kariöse Läsion im Wurzelzement und -dentin des bleibenden Zahnes apikal der Schmelz-Zement-Grenze. Sie ist häufiger an vestibulären als an lingualen Wurzeloberflächen lokalisiert und insbesondere bei älteren Patienten an Approximalflächen sowie Restaurationsrändern zu finden. Im Gegensatz zu koronal lokalisierten kariösen Läsionen breitet sich Wurzelkaries flächiger und weniger stark in Richtung Pulpa aus. Dies kann durch die Pufferwirkung des Sulcusfluids und eine bessere Umspülung mit Speichel im zervikalen Bereich erklärt werden. Auf die besonders schwere Form der Karies im Kontext einer Bestrahlung im Kopf-Hals-Bereich soll in diesem Artikel nicht eingegangen werden.

Prävalenz

Da Wurzelkaries in der Regel nur freiliegende Wurzeloberflächen befällt, nimmt die Prävalenz mit zunehmendem Alter zu. Aufgrund der steigenden Lebenserwartung sowie des längeren Erhalts der Zähne bekommt die Wurzelkaries in Deutschland eine immer größere Bedeutung (DMS V). In der Altersgruppe der jüngeren Senioren (65 – 74 Jahre) haben 32% der Patienten mit Restbezahnung an mindestens einem Zahn Wurzelkaries, wobei männliche Patienten häufiger betroffen sind.

Im Alter von 75 bis 100 Jahren wiesen 16% der Patienten Wurzelkarieserfahrung auf. Die zahnlosen Menschen dieser Altersgruppe (33%) sind in alle prozentualen Angaben einbezogen, wodurch die Relevanz der Erkrankung tendenziell unterschätzt wird. Ein RCI (prozentualer Anteil an Wurzeloberflächen mit Karieserfahrung) von 16% entspricht ca. einem Fünftel aller freiliegenden zervikalen Flächen, wodurch die Wichtigkeit präventiver und restaurativer Maßnahmen bis ins hohe Alter unterstrichen wird.

Weitere Faktoren, die ein Auftreten von Wurzelkaries begünstigen, sind unter anderem Parodontitis, schlechte Mundhygiene, bereits aufgetretene Karies im koronalen Bereich, das Tragen von Teilprothesen sowie Alkohol- und Tabakkonsum.

Pathogenese

Durch Gingivarezession oder Zahnwanderung können approximal unter sich gehende Bereiche entstehen, die eine Plaqueretention begünstigen, was häufig bei älteren Patienten beobachtet werden kann.

Auch bei Wurzelkaries ist die Häufigkeit saccharosereicher Nahrung ein entscheidender ätiologischer Faktor. Klebrige, weiche Kost ohne mechanischen Reinigungseffekt bei der Mastikation kann die Entstehung kariöser Läsionen begünstigen. Unter dem dentalen Biofilm ist das Kollagen freiliegender Wurzeloberflächen pH-abhängigen bakteriellen Proteasen ausgesetzt, was zu einer Degradation des Kollagens führen und den Kariesprozess beschleunigen kann.

Die Entstehung von Karies an Wurzeloberflächen geht häufig mit eingeschränkten Speichelfluss einher. Der Speichel unterstützt die Clearance von Nahrungsbestandteilen aus der Mundhöhle, hat Pufferfunktion und ist durch die Übersättigung mit Kalzium und Phosphat kariesprotektiv. Verminderter Speichelfluss (Oligosialie), häufig auftretend mit einer subjektiv empfundenen Mundtrockenheit (Xerostomie), sind Nebenwirkungen von Medikamenten und treten daher besonders bei älteren oder multimorbiden Patienten auf. Sulcusfluid weist zwar eine Pufferfunktion auf, enthält aufgrund seiner serumähnlichen Zusammensetzung aber essenzielle Nährstoffe für pathogene Bakterien (Eisen, Proteine) und kann auf diese Weise kariöse Prozesse beschleunigen.

Diagnostik

Die vestibulären und oralen kariösen Läsionen sind zur klinischen Inspektion und taktilen Untersuchung in der Regel gut zugänglich. Erschwert wird die Einsicht bei subgingivaler Lokalisation und subgingivalen Restaurationsrändern. In 2-dimensionalen Röntgenaufnahmen (Zahnfilm, OPG) sind vestibuläre und orale Wurzelkaries nicht zuverlässig erkennbar.

In approximalen Bereichen dagegen sind Einzelzahn- und Panoramaschichtaufnahmen eine sinnvolle Ergänzung zur Detektion kariöser Läsionen im Wurzel- und Restaurationsbereich im Vergleich zu alleiniger klinischer Inspektion. Aufhellungen im approximal-zervikalen Bereich werden aufgrund zweier Effekte jedoch häufig überinterpretiert. In Bereichen benachbarter heller und dunkler Areale werden im menschlichen Auge die Kontraste verstärkt (Mach-Band-Effekt). Bei zahnärztlichen Röntgenbildern ist dies häufig der Fall, wenn im zervikalen Bereich eine dünne Schmelzschicht, der Alveolarknochen sowie ein nicht vom Alveolarknochen gefasster Dentinbereich zusammentreffen. Dieser „Burnout-Effekt“ wird durch die interdental geringere Dicke der Zahnhartsubstanz noch verstärkt.

MERKE: Aufgrund des Burnout- und Mach-Band-Effekts sollte der Verdacht auf approximal-zervikale Karies vor der Therapie immer durch die klinische Untersuchung und gründliche, aber vorsichtige Sondierung bestätigt werden. 

Lichtbasierte Alternativen zur klinischen und radiologischen Diagnostik sind aufgrund der erschwerten Zugänglichkeit und Sicht für die Detektion der Wurzelkaries im approximalen Bereich nur stark eingeschränkt anwendbar. Die Anwendung der Laserfluoreszenz (Diagnodent) in zugänglichen Bereichen wurde vorgeschlagen, ist aber mit großen Unsicherheiten behaftet. Gleiches gilt für Methoden auf Basis der elektrischen Widerstandsmessung.

Die vorsichtige, aber gründliche Sondierung mit feinen gebogenen Sonden ist zur Erkennung der approximalen und interradikulären Wurzelkaries, gerade auch an Rändern von Restaurationen und Kronen, das Mittel der Wahl und sollte insbesondere bei älteren und Risikopatienten regelmäßig Anwendung finden.

Läsionsaktivität

Im Hinblick auf die Therapieentscheidung kann die Kenntnis über die Aktivität der Wurzelkaries von Bedeutung sein. Aktive, voranschreitende Läsionen weisen eine bei Sondierung erweichte, lederartige Oberfläche auf. Inaktive Läsionen haben eine harte, oft sehr dunkel verfärbte Oberfläche und breiten sich nicht weiter aus. Inaktive kariöse Läsionen im Wurzelbereich bedürfen im Grunde keiner Veränderung der aktuellen präventiven Maßnahmen und Ernährungsgewohnheiten. Aktive Läsionen dagegen können häufig durch eine Intensivierung der Mundhygiene und Verbesserung der Ernährung inaktiviert werden.

Lesen Sie den gesamten Beitrag hier: Wurzelkaries - kennen, erkennen, erfolgreich therapieren

Aus der Zeitschrift: ZWR - Das Deutsche Zahnärzteblatt 11/2019

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Quelle

ZWR - Das Deutsche Zahnärzteblatt
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