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  • Vera Hilmer
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  • 12.01.2017

Dermatologie Famulatur in Phnom Penh

Vera hat eine Famulatur im fernen Kambodscha gemacht. Hier berichtet sie über Land und Leute, seltene dermatologische Krankheitsbilder und gibt Tipps zur Bewerbung und Freizeitgestaltung.

© Vera Hilmer

Motivation

Während einiger Reisen nach Vietnam reiste ich auch einmal zufällig nach Kambodscha und war sofort begeistert von Land und Leuten. Somit war ich – damals noch im vorklinischen Studienabschnitt – sofort geneigt, mich für eine Famulatur dort zu bewerben. Im Dezember 2013 fing ich an zu recherchieren im Bereich Neurologie, Innere oder Dermatologie.

Bewerbung

Durch einen Artikel, der hier zu finden ist, kam ich auf Dr. Sithach Mey, einen Dermatologen, der als einziger im Land auf internationalem Standard praktiziert. Nach seiner Facharztzeit in Münster inklusive Doktorarbeit war er nach Kambodscha zurückgekehrt und hatte mit dem deutschen Dermatologen Dr. Bendick seit 2005 aus einem kleinen Untersuchungsraum eine richtige Station etabliert.

Ich fand seine Email-Adresse (msithach@gmail.com), kontaktierte ihn und bekam auch prompt (am nächsten Tag!) eine Antwort mit Zusage für eine Famulatur ab Juli 2014. Ich freute mich sehr, denn ohne Aufforderung informierte er mich bereits im Januar umfangreich über mitzubringende Sachen, die Sicherheitslage in Phnom Penh, dass ich kein Gehalt bekomme (was mir im Vorfeld natürlich bewusst war) und mögliche Hostels, in denen ich über einen längeren Zeitraum wohnen könnte. Ich machte mich so schnell wie möglich an die Organisation und suchte einen günstigen Flug.

Anreise

In der Regel ist es am günstigsten, nach Bangkok zu fliegen und von dort aus den Bus nach Phnom Penh zu nehmen. Mit etwas Glück findet man ein gutes Angebot von etwa 400€. Ich fand einen sehr günstigen Gabelflug von London nach Bangkok und zurück von Hongkong, der nur 320€ kostete. Ich verband meine Ankunft in Bangkok mit einigen Tagen Sightseeing vor Ort, nahm dann den Bus zu der seinerzeit nicht so touristischen Insel Ko Chang, von wo aus ich auch per Bus nach Phnom Penh gelangte.

Falls man direkt von Bangkok aus reist, empfehle ich, den direkten Bus für 30 Dollar von East Terminal oder einen günstigen Flug mit Air Asia zu buchen. Die Busfahrt dauert etwa 12 Stunden, es ist aber unkompliziert am Grenzübergang und man sieht auch viel von der Landschaft. An anderen Grenzübergängen treten deutlich mehr Probleme mit Bestechung auf.

Vorbereitung

Das Visum kann man online vorher beantragen als e-Visum, es ist aber nur 30 Tage gültig. Jede Überziehung kostet 5USD/Tag. Wenn man vorhat länger zu bleiben, bietet sich ein Business-Visum an, das man nach 30 Tagen unbegrenzt verlängern kann und das problemlos bei Ankunft am Flughafen oder an den Grenzen verfügbar ist. Aber vergiss das Passbild nicht – ansonsten musst du ohne erfindlichen Grund 5 USD mehr bezahlen!

Um Versicherungen habe ich mich auch vorher gekümmert: Bei MLP kann man als Medizinstudent günstig eine Auslandshaftpflicht und Krankenversicherung abschließen.

Unterkunft

In Phnom Penh angekommen hatte ich mich mit einer Freundin erst einmal in einem Hostel namens „Hang Neak“ nahe des Krankenhauses eingemietet. Es war nicht sonderlich komfortabel, aber günstig, sauber und der Staff war sehr nett – für 7 USD das Zimmer/Tag war sogar eine tägliche Reinigung inklusive. Dr. Mey hatte mir aber empfohlen, auf lange Sicht eher ins Zentrum zu ziehen, da die Region um das Krankenhaus als nicht besonders sicher gilt – allerdings habe ich während meiner vielen weiteren folgenden Aufenthalte in Phnom Penh nie etwas erlebt, das dies bestätigen könnte.

© Vera Hilmer


Mein erster Tag

An meinem ersten Arbeitstag wurde ich um 9.00 Uhr einbestellt. Die Abteilung befindet sich im Preah Kossamak Hospital unweit des Flughafens und das Krankenhaus gilt als eines der größten und renommiertesten in Phnom Penh; es ist unter anderem ein akademisches Lehrkrankenhaus der University of Health Sciences. Insgesamt hat es um die 250 Betten.
Die Abteilung der Dermatologie ist sehr angenehm gestaltet mit einer offenen Empfangshalle. Ich wurde erst einmal ganz freundlich von Dr. Meys Sekretärin Ouk Mom („just call me Mom“) begrüßt. Sie führte mich in das Behandlungszimmer von Dr. Mey, in dem er die ambulanten Patienten empfing.

Die kleine Abteilung hatte alles, was das „Dermatologen-Herz begehrt“: Einen kleinen OP, mehrere Behandlungszimmer, einen ward für stationäre Patienten und bot auch PUVA-Therapie an. Neben mir waren bereits zwei andere europäische Studenten sowie mehrere kambodschanische Studenten und Assistenzärzte da. Dr. Mey war äußerst freundlich und erklärte uns umfangreich alles über die Therapie eines Patienten. Das wurde dadurch erleichtert, dass er vier Sprachen spricht: Khmer, die kambodschanische Landessprache, Französisch, Englisch und Deutsch.

Die Famulatur

Ich lernte in der Zeit unglaublich viel, da man erst einmal viele Krankheiten sah, die in Deutschland selten sind; uns wurde aufgezeigt, was die häufigsten Probleme im Entwicklungs- im Vergleich zum Industrieland waren: Dermatitiden z.B., entweder durch die starke Sonneneinstrahlung oder dadurch, dass die Menschen im alltäglichen Leben sehr oft in Kontakt mit Chemikalien sind, weil die Textilindustrie zum Hauptbeschäftigungssektor gehört und weil viele Menschen noch von Hand Kleidung waschen.

Auch häufig waren Patienten mit Psoriasis, was mich verwunderte, da ich aus dem Dermatologie-Kurs mitgenommen hatte, dass diese Krankheit äußerst selten bei Asiaten auftritt. Da das Krankenhaus allerdings die wichtigste Anlaufstelle des Landes ist, war dies weniger verwunderlich. Postpubertäre Akne war wie bei uns das am meisten vertretene Krankheitsbild. Einige Patienten kamen mit systemischen Sklerodermien. Oft kamen auch sehr schwere Fälle, wovon mir einer besonders im Gedächtnis geblieben ist: Ein zehnjähriger Junge mit Xeroderma pigmentosum. Dies ist eine äußerst seltene Genodermatose, bei der schon eine geringe Exposition gegenüber UV-Strahlen zur Entstehung multipler Formen von Hautkrebs führen kann.

Die Eltern des Jungen waren sehr arm und hatten den weiten Weg aus ihrer Provinz zu Fuß, gemeinsam auf einem Motorbike, und schlussendlich per Tuktuk auf sich genommen, da sie wussten, dass Dr. Mey die letzte Hoffnung war. Sie hatten bereits eine Nacht in der Empfangshalle geschlafen, da ihnen die Mittel für eine Unterkunft in der Hauptstadt fehlten. Der besagte Patient hatte eine ausgeprägte Form der Krankheit und bereits verschiedenste Hauttumoren unterschiedlicher Stadien. Ich erinnere mich, wie Dr. Mey den Patienten nach genauester Untersuchung (es war nicht sein erster Besuch) mit diversen Hautschutzmitteln ausstattete, den Eltern und dem Kind eingehend erklärte, wie wichtig es sei, es soweit wie möglich komplett von der UV-Strahlung abzuschirmen.

Ein Kollege von Dr. Mey sah nicht die Notwendigkeit einer ausgeprägten Therapie; etwas im Sinne von „Die Familie wird sich keine weitere Therapie in Form von Entfernung der Tumore leisten können.“ Dr. Mey hingegen wurde impulsiv und sagte bestimmt „We have to do something NOW – this boy is going to die!“ Er stattete die Familie mit den notwendigsten starken Hautschutzmitteln aus und bemühte sich um die Akquise von Geldern, damit ein Schutzanzug für das Kind bestellt werden konnte.

Ich weiß leider nicht, wie der Fall weiter verlaufen ist, da es sich gegen Ende meines Aufenthaltes ereignete. Jedenfalls war es sehr schwer für mich zu sehen, wie die Patienten leiden und wie weit die Erkrankungen oft fortgeschritten sind, bis sie überhaupt erst einmal zum Arzt gehen, da bereits die Reise in die Hauptstadt ein großes finanzielles Hindernis darstellt. Im Grunde wurde einem dort erst so richtig bewusst, wie schätzenswert die Verhältnisse in Deutschland sind und wie sehr die eigenen Probleme nichtig erscheinen. Gleichzeitig konnte man selbst nur untätig zusehen. Ich fragte Dr. Mey, ob ich in irgendeiner Weise helfen könne, auch wenn es nur ein kleiner Beitrag ist. Er sagte mir, dass ich auf keinen Fall etwas spenden sollte, da das Geld ja bei Studenten knapp sei. Jedoch ist dort mein Wunsch deutlich gereift, meine Ausbildung und meine späteren Möglichkeiten zu nutzen, um etwas in dem Land zu bewirken, das mir selbst so viel ermöglicht hat. Später sollten sich noch viele weitere Kambodscha-Aufenthalte für mich ereignen.

Dr. Mey verdiente übrigens im öffentlichen Krankenhaus als angestellter Arzt kaum etwas – die meisten Ärzte müssen eine Privatklinik oder ein „Side-Business“ haben, um sich über Wasser zu halten. Da auch die durch deutsche und amerikanische Stiftungen sowie Unternehmen bereitgestellten Spenden und Medikamente nicht ausreichten, um die Kosten zu decken, bezahlte Dr. Mey selbst viel für seine Patienten: Transportkosten, Medikamente, Aufenthalte. Dies war nur möglich, da er sieben Tage die Woche nachmittags in seiner privaten Praxis arbeitete.

Da Dr. Mey bereits vor dem Mittagessen in die Praxis musste, waren unsere Arbeitszeiten sehr überschaubar: von 9.00 bis 12.00 Uhr. Danach opferte er oft eine Stunde für Lehre, erläuterte uns unklare Dinge oder wiederholte noch einmal, warum er etwas entschieden hatte. Weiterhin sollten wir einmal eine Präsentation halten und uns zu Themen belesen. Auch für seine Assistenzärzte setzte er sich sehr ein, damit sie auch Aufenthalte in Frankreich und Deutschland wahrnehmen konnten.

© Vera Hilmer


Freizeit

Oft bekamen wir einen freien Tag, denn Dr. Mey sah es gerne, wenn wir sein wunderschönes Heimatland erkundeten. So ging es an einem Wochenende für uns nach Ko Kong, eine kleine Stadt unweit der Grenze zu Thailand. Von dort aus unternahmen wir einen Tagestrip in den Dschungel mit Schwimmen im Wasserfall, einer langen Bootstour und wunderbarer Aussicht über die Landschaft. Ein Wochenende fuhr ich nach Sihanoukville ans Meer und zu den Inseln, ein anderes wiederum in die wunderschöne Region Kampot, wo Pfeffer angebaut wird und man wunderbare Touren durch das ländliche Kambodscha sowie an den Strand (Kep, Rabbit Island) machen kann.

Dort haben wir uns in einen „organic resort“ eingemietet, wo man einfach mal die Seele baumeln lassen konnte mit Schaukeln und Tieren auf dem Gelände, Bungalows mit Hängematten an einem See und hoteleigenen Kanus. Weiterhin kann ich empfehlen, für 3-4 Tage nach Siem Reap zu den Tempeln zu fahren. Das hatte ich allerdings schon auf einem meiner Besuche zuvor gemacht.

Aber auch in Phnom Penh waren wir viel unterwegs, wobei feiern nicht zu kurz kam: Bei den günstigen Cocktails mit frischen Früchten und gutem Bier, den abendlichen Temperaturen von 25 Grad und Tanzflächen auf Dächern mit Blick über die Stadt kann man schlecht nein sagen! Außerem mieteten wir uns einmal mit mehreren Leuten ein Boot für 25 USD (insgesamt!), wo man eine einstündige Tour über den Tonle Sap River und Mekong organisieren konnte. Das gehörte mit zu den schönsten Erfahrungen. Man kann in Phnom Penh sehr gut essen, die landeseigene Küche ist unschlagbar (besonders in den Straßenküchen findet man für ca. 1 USD wahre Schätze!), dann gibt es viele sehr gute Restaurants aus aller Welt, da Köche von überall die Lebensqualität und den Zugang zu besten Zutaten des Landes zu schätzen wissen und sich dort ansiedeln.

Zu den „to dos“ sollte auch ein Gang auf den Markt gehören. Es ist einfach fantastisch zu sehen, wie die Kambodschaner verhandeln und was es alles an wunderbarem Obst und Gemüse gibt. Die Sehenswürdigkeiten rund um Phnom Penh hatte ich mir auch bereits bei meinen Besuchen zuvor angesehen, besonders sehenswert sind die „Killing fields“, ein sehr trauriger Ort aus der Zeit der roten Khmer und des Pol Pot Regime. Wenn man das Land bereist, sollte man sich aber unbedingt damit auseinandersetzen, da es die Erklärung für viele aktuelle Probleme ist. Der Royal Palace mit Silver Pagoda und das Nationalmuseum sind ebenfalls sehr sehenswert. Ich bin nach unserem Umzug in ein Hostel ins Zentrum der Stadt jeden Tag mit dem gemieteten Motorbike zur Arbeit gefahren, andere haben jedoch einen Driver entweder per Motorbike oder Tuktuk organisiert, der sie jeden Morgen zur gleichen Zeit abgeholt und zurückgebracht hat. Eine Fahrt kostet zwischen 2-5 USD, je nach Transportmittel.

Übrigens wurden wir ausländischen Studenten sehr gut in das Team integriert: Die beiden Assistenzärzte haben uns immer angeboten, uns mitzunehmen und wir waren auch mehrere Abende gemeinsam feiern oder essen. Auch mit Dr. Mey waren wir einige Male essen, wo er uns viele Tipps gegeben und auch Persönliches erzählt hat – unter anderem über die kambodschanische Kultur und seine Zeit in Deutschland.

Zu den besten Erlebnissen aus dieser Zeit zählt ein Mittagessen mit den Ärzten in einer Provinz außerhalb, wo wir mit den Autos hinfuhren und in einer Hütte direkt am Fluss aßen, dabei zusahen, wie die Angestellten den Fisch am Ufer direkt von den Fischern abkauften. Die Menschen des Landes sind generell so großzügig, dass man es gar nicht fassen kann! Wir mussten richtig insistierend werden, bis wir mal etwas bezahlen durften. Wenigstens bekam ich die Gelegenheit, mich am Ende meiner Zeit mit einem sehr leckeren Kuchen der französischen Bäckerei „Blue Pumpkin“ zu revanchieren.

Fazit

Die Zeit in Kambodscha gehörte zu den lehrreichsten meines Lebens, ich bin sehr froh, dass ich an Dr. Mey und sein Team geraten bin. Da ich zu der Zeit noch ein freies Semester hatte, entschloss ich mich schnell, noch eine weitere Famulatur in einer anderen Abteilung anzuschließen. Ich kann jedem nur empfehlen, sich bei Dr. Mey zu bewerben – mittlerweile muss er dies allerdings dem Leiter der Klinik aus versicherungstechnischen Gründen melden – bei Fragen könnt ihr mir gerne eine Mail an vhilmer@gmx.net schreiben.

 

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