• Bericht
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  • Anja Wäckerle
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  • 07.04.2014

Fehlernährung trotz Wirtschaftsboom

Obwohl es den Entwicklungsländern wirtschaftlich immer besser geht, verändert sich kaum etwas an der schlechten gesundheitlichen Lage der Kinder. Warum das so ist, fanden nun Forscher der Uni Göttingen heraus.

 

Kind mit Globus - Foto:drubig-photo, fotolia.com

 

Die gesundheitliche Situation von Kindern auf der Welt ist extrem ungleich verteilt. Während in Deutschland die Kindersterblichkeit pro 1.000 Einwohner aktuell bei 3,51 liegt, ist sie zum Beispiel in Nigeria ungefähr zwanzig Mal höher. Nun könnte man meinen, dass sich mit dem zum Teil steilen Wachstum der Wirtschaft in ärmeren Ländern auch die gesundheitliche Situation der Kinder verbessert. Doch weit gefehlt! Göttinger Wissenschaftler haben herausgefunden, dass hohes Wirtschaftswachstum allein die Lage der Kinder in Entwicklungs- bzw. Schwellenländer kaum verbessert.

Als Parameter der gesundheitlichen Situation untersuchten die Forscher, wie sich das steigende Bruttoinlandsprodukt auf die Körpergröße und das Gewicht der Kinder auswirkt. In einem Zeitraum von 21 Jahren führten sie dazu 121 Gesundheitsumfragen in 36 Entwicklungsländern, wie Indien und Nigeria, durch. Diese verglichen sie mit den Werten der Weltgesundheitsorganisation und werteten sie aus.

Die Ergebnisse der Studie sind eindeutig: Wenn das Bruttoinlandsprodukt eines Entwicklungs- bzw. Schwellenlandes steigt, sinkt zwar die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind fehlernährt ist – doch der Effekt ist weit geringer als man erwarten könnte: Pro Anstieg des Bruttoinlandsproduktes um 5% sinkt das Risiko unter- bzw. fehlernährt zu sein um nicht einmal 1%.

Dieser Umstand wirkt auf den ersten Blick überraschend. Es gibt aber drei mögliche Erklärungen. Die naheliegendste: Viele Normalbürger profitieren vom Wirtschaftswachstum zunächst kaum. Das Geld kommt bei den bedürftigen Haushalten nicht an, sondern die Vermögenden werden zunächst einfach noch reicher. Ein weiterer Grund: Der Staat investiert seine steigenden Einnahmen nicht in die Gesundheitsversorgung seiner Bevölkerung wie zum Beispiel Impfungen, sanitäre Anlagen oder Trinkwasseraufbereitungen. Und nicht zuletzt: Wenn die Haushalte durch das Wirtschaftswachstum tatsächlich finanziell profitieren, geben sie ihre Mehreinnahmen zunächst nicht für eine gesündere Lebensweise aus – sondern für Konsumgüter wie TV-Geräte, Handys oder Autos.

Der Leiter des Göttinger Forschungsteams Dr. Sebastian Vollmer erklärt, die Ergebnisse seiner Studien würden nicht bedeuten, dass das Wirtschaftswachstum für Entwicklungsländer nicht wichtig sei. Er möchte die Ergebnisse aber als Warnung für die betroffenen Länder verstanden wissen. Sie dürfen sich nicht allein auf das Wirtschaftswachstum verlassen, wenn sie die Missstände wie die Fehlernährung der Kinder beseitigen möchten. Sie müssen gezielt in eine bessere Gesundheitsversorgung investieren. Dass hier in den Entwicklungsländern einiges schief läuft, zeigt ein Blick auf die Verteilung der Ausgaben, gemessen am Bruttoinlandsprodukt. Während in Deutschland 8,7% in Gesundheit investiert werden, gibt man in Nigeria nur 1,3% dafür aus. Außerdem werden in Nigeria nur 1,3% für Bildung ausgegeben, in Deutschland über 4,8%. Gerade eine verbesserte Bildung und Aufklärung wäre aber eine der wichtigsten Waffen im Kampf gegen Fehlernährung und für eine verbesserte Kindergesundheit.

Quelle: The Lancet Global Health 2014; doi : 10.1016/S2214-109X(14)70025-7

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