• Bericht
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  • Christine Zilinski
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  • 04.12.2012

Parvoviren gegen Krebs

Seit 1992 forschen Heidelberger Wissenschaftler fieberhaft an einem wirksamen Heilmittel gegen das gefähliche Glioblastom. Das scheint jetzt gefunden. Parvoviren, für gesundes menschliches Gewebe unschädlich, greifen gezielt Tumorzellen an. Momentan laufen die ersten Humanstudien dazu.

 

Kopfschmerzen, Orientierungslosigkeit, Arme und Beine gehorchen nicht mehr. Unter diesen Symptomen leiden Patienten mit Glioblastomen, einer aggressiven Tumorart, die sehr schnell wächst und innerhalb weniger Wochen pflaumengroß werden kann. Da sich diese Krebszellen sehr schnell in die umliegenden Gewebe einnisten, lassen sich die Glioblastome auch nicht so einfach rausoperieren. Daher beschlossen Heidelberger Wissenschaftler, den aggressiven Überltäter von einer anderen Seite aus anzugreifen.

 

Im Tierversuch: Bahnbrechende Ergebnisse

Seit 1992 suchen die Forscher nun schon nach einer geeigneten Therapie bei Glioblastomen. Das Ergebnis ist die Entdeckung, dass die Replikation der Parvoviren von zellulären Faktoren (E2F und Cyclin A) abhängt, die während der S-Phase von Krebszellen in hohen Konzentrationen gebildet werden (J Virol. 2010 June; 84(12): 5909–5922).

Im Tierversuch injizierten die Forscher einer Ratte die für den Menschen ungefährlichen Parvoviren. Denn sie wussten aus früheren Laborversuchen bereits, dass diese Viren Krebszellen attackieren. Zwei Tage nach der Injektion war der Tumor beim Tier zwar noch da, aber sein Befinden hatte sich merklich gebessert. Fünf Tage nach der Injektion zeigte sich im Kernspin, dass das weiße, aktive Krebsgewebe fast vollständig verschwunden war.

Das Video zum Einsatz der Parvoviren im Tierversuch

 

Auch unter dem Mikroskop hatte sich der Tumor beinahe komplett aufgelöst. Die untersuchten Gewebeproben der Glioblastome zeigten, dass die Viren sich lediglich im Krebsgewebe ansiedelten und es zerstörten. Das gesunde Gewebe blieb unbehelligt. Da sich die Viren in den Tumorzellen auch vermehren, hoffen die Forscher, dass der Tumor seinen eigenen Zerstörer wie in einem Perpetuum-Mobile am Leben erhält und sich damit komplett selbst auslöscht.

 

Nächster Schritt: Humanstudien

Nach dem ersten erfolgversprechenden Tierversuch folgten weitere Ratten-Studien, die die Wirkung der Parvoviren bestätigten. Bei acht von zwölf Tieren verschwanden die Tumoren vollständig nach der Behandlung. Ein Jahr nach der Injektion waren diese Ratten immer noch symptomfrei und ohne Spätfolgen.

Im Sommer 2011 erfolgte die Zulassung für das Verfahren beim Menschen, vor kurzem wurde auch der erste Mensch vor der chirurgischen Entfernung des Tumors mit Parvoviren behandelt. Nach Angaben des Ärztlichen Direktors der Neurochirurgie der Universitätsklinik Heidelberg hat der Patient die Therapie sehr gut überstanden. Die Heilung wird dabei noch nicht angestrebt, da die Mengen der eingesezten Viren dafür noch zu gering sind. Mit weiteren 17 Patienten soll zunächst die Unbedenklichkeit des Verfahrens in den kommenden anderthalb Jahren belegt werden.

 

Neueste Ergebnisse lassen außerdem hoffen, dass die Parvoviren auch gegen Pankreas-, Lymphdrüsen- und Prostatakrebs wirken könnten.

 

Artikel zu Parvoviren in der Deutschen Ärztezeitung

Artikel bei FR Online

Mehr Infos zur Humanstudie

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