• Interview
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  • Lucia Hagmann
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  • 04.02.2009

ADHS: Krankheit oder kulturelles Phänomen?

Drei bis fünf Prozent aller Kinder in Deutschland haben ein Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom. Gibt es diese Krankheit tatsächlich? Oder ist sie nur ein kulturelles Phänomen? Wir fragten Frau Professor Leuzinger-Bohleber, Direktorin des Frankfurter Sigmund Freud-Instituts und Professorin für psychoanalytische Psychologie an der Universität Kassel. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist die Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jungendalters.

Frau Professor Leuzinger-Bohleber

 

> Was halten Sie von der These, dass ADHS eher eine umweltbedingte Verhaltensauffälligkeit ist, der das "Image" einer Krankheit verliehen wurde, um der Psychiatrie und Pharmaindustrie neue "Kunden" zuzuführen?

In diesem Zusammenhang muss bedacht werden, dass die Pharmaindustrie sehr viel Geld am Ritalin verdient. Es gibt Autoren, die daher die These vertreten, dass durch die Interessen der Pharmaindustrie eine Diagnose, zum Beispiel ADHS, und damit ein neuer Markt für Ritalin geschaffen wird. Dies sei ein Grund ist für die enorme Zunahme der Medikamentenvergabe.

Auf jeden Fall muss eine sorgfältige Abklärung durch einen Fachmann erfolgen, bevor ein Kind die Diagnose ADHS erhält. Nicht jedes Kind, das unaufmerksam und zappelig ist, hat ein ADHS.

Ich bin nicht prinzipiell gegen Medikamente: Manchmal sind sie eine Art Akuthilfe, um eine soziale Situation zu deeskalieren. Doch nur in den wenigsten Fällen lösen sie wirklich die Probleme, die diese Kinder haben.

Gerade weil die Medikamente hoch wirksam sind, verdecken sie die sozialen Ursachen, wie Traumatisierungen oder Frühverwahrlosung, die bei manchen Kindern dazu führen, dass sie sich nicht konzentrieren und nicht still sitzen können. Solche Kinder brauchen pädagogische oder psychotherapeutische Betreuung, die ihnen wirklich hilft, mit ihren Problemen langfristig besser umzugehen. Sie als "krank" zu bezeichnen, statt ihnen die soziale Unterstützung anzubieten, ist bequem und problematisch und kann die Kinder zudem stigmatisieren. Dies gilt vor allem für sehr kleine Kinder. Daher ist es in manchen Ländern verboten, Kindern unter sechs Jahren Ritalin zu geben.

 

> Gibt es ADHS bei Naturvölkern?

In Afrika zum Beispiel, wo Kinder in manchen Gebieten in einem lockeren Verband mit anderen Kindern in einer Dorfgemeinschaft aufwachsen, kennt man die Diagnose nicht. Diese Kinder müssen nicht stundenlang auf einer Schulbank sitzen und sich dabei konzentrieren. So gesehen, handelt es sich um ein kulturelles Phänomen. Auch hier in Europa gibt es das Problem vom Zappelphilipp erst, seit die Kinder in die Schule gehen müssen.

 

> Wo setzt man die Grenze zwischen krank und gesund (Normvariante)? Gibt es fließende Übergänge?

Man stützt sich auf die beiden Klassifikationssysteme DSM 4 und ICD 10. Diese geben genau vor, welche Verhaltensweisen vorliegen müssen, damit ein Kind als ADHS-Kind diagnostiziert wird. Gerade weil die kulturellen Unterschiede eine Rolle spielen, versuchen diese Klassifikationssysteme eine Vereinheitlichung dieser Diagnose.

Sehr oft wird die Diagnose jedoch ohne eine gründliche Abklärung gestellt. Ein Kinderarzt braucht ca. fünf Stunden, bis er die Diagnose stellen kann. Sehr oft erfolgt die Diagnosestellung jedoch durch Nicht-Fachleute, zum Teil von Ärzten, die sich nicht soviel Zeit für ein einzelnes Kind nehmen können.

Die Grenze zwischen "temperamentvoll" und "hyperaktiv" ist nicht ganz scharf. Da stimmen alle Fachleute überein. Ein Junge, der in Norddeutschland als auffällig gilt, wäre in Süditalien eher ein relativ ruhiger Junge. Einerseits spielt der kulturelle Faktor eine Rolle, andererseits auch die Wahrnehmung, zum Beispiel von Lehrern. Manche können mit aktiven Kindern gut umgehen, andere fühlen sich gleich gestört. Das sind persönliche Variationen.

Insgesamt ist es vielleicht weniger entscheidend, das Kind in eine "Schublade" mit einer bestimmten Diagnose zu stecken, sondern vielmehr, wie man dem Kind hilft, mit sich selbst und der sozialen Situation gut umzugehen. Man weiß, dass zum Beispiel auch Kinder mit einer eindeutigen ADHS-Diagnose in bestimmten Lernsituationen, in denen sie sich für ein Thema wirklich interessieren, stillsitzen und sich konzentrieren können.

 

> Welche Gefahren birgt eine falsch indizierte Ritalintherapie?

Zunächst besteht ein Einfluss auf psychologischer Ebene. Das Kind erhält die Botschaft, es sei krank. Das ist für das Selbstkonzept des Kindes ein massiver Eingriff. Es definiert sich dann zum Beispiel nicht als besonders temperamentvolles, sondern als krankes Kind.

Zum anderen weiß man noch sehr wenig über die Langzeitwirkungen. Auf jeden Fall ist zu bedenken, dass die Medikamente hoch wirksam sind und die Entwicklung des kindlichen Gehirns beeinflussen. Dem Gehirn könnte so die Möglichkeit genommen werden, kompensatorische Kontrollfunktionen einzuüben, das heißt seine adaptiven Fähigkeiten zu nutzen, um gewisse Schwächen in der Selbstregulation konstruktiv auszugleichen.

Das Gehirn kann sich durch neue Beziehungserfahrungen enorm entwickeln und dadurch lernen, mit bestimmten Schwierigkeiten umzugehen. An diesem Punkt setzen Psychotherapien an. Dabei wird dem Kind vermittelt, dass es lernen kann, sozial und psychologisch mit der Hyperaktivität umzugehen.

 

> Wie kommt es zur Ausprägung von ADHS? Spielen dabei äußere Einflüsse eine Rolle?

Darüber wird kontrovers diskutiert. Es gibt ganz verschiedene Erklärungsmodelle über das Entstehen dieser Krankheit.

Es gibt zum einen die neurobiologische Hypothese. Diese geht davon aus, dass eine Störung im Neurotransmittersystem vorliegt.

Zum anderen können frühere Beziehungserfahrungen eine Ursache für ein späteres ADHS sein. Diese helfen den Kindern, zum Beispiel aufgrund schwieriger Lebensereignisse der Familie, ungenügend, mit ihren Affekten regulierend umzugehen.

Insgesamt gehen wir von einem komplexen Zusammenwirken einer genetisch angelegten Vulnerabilität und frühen Umwelteinflüssen aus.

 

> Ist ADHS eine Modekrankheit? Spielt die Reizüberflutung in der heutigen Gesellschaft eine Rolle?

Man muss davon ausgehen, dass ADHS eine Modediagnose ist. Dass diese Diagnose heute viel häufiger gestellt wird, kann aber nicht nur daran liegen, dass man sie früher nicht erkannt hat. Gerade darum ist es so wichtig, die Diagnose richtig zu stellen.

In der Pädagogik wird viel diskutiert, dass Symptome wie Unkonzentriertheit und "Zappeligkeit" auch mit Umweltfaktoren wie Reizüberflutung zu tun haben. Viele Kinder haben Probleme mit der Reizüberflutung, wenn man ihnen nicht hilft, damit umzugehen. Das heißt aber nicht, dass diese Kinder automatisch ein ADHS haben.

 

> Ist die Krankheit im Laufe der Zeit wirklich häufiger geworden oder wird sie heutzutage nur öfter diagnostiziert?

Das ist wissenschaftlich sehr schwer festzustellen. Die Diagnosekriterien, die man heutzutage hat, gibt es noch nicht so lange. Man hat schon in den Fünfziger Jahren von Hyperaktivität gesprochen, später, zum Beispiel in der Schweiz vom Psychoorganischen Syndrom. Auch die MCD, die Minimale Cerebrale Dysfunktion gehört zu ähnlichen Störungsbildern. Von heute ausgehend ist es jedoch schwer zu sagen, ob die Krankheit zugenommen hat. Man nimmt es an, wissenschaftlich beweisen kann man es jedoch nicht.

 

> Wie begründet sich, dass ADHS als Krankheit bezeichnet wird?

Das ist eine große Diskussion in der Sozialpsychologie. Es ist ein generelles Problem in der Medizin, wofür man die genaue Beschreibung einer Krankheit und die Unterscheidung zum Gesunden braucht. Das ist nicht nur bei ADHS so. Man kann zwar sagen, dass eine Diagnose nötig ist, um dem Kind und seiner Familie auch wirklich gezielt helfen zu können. Solche Kinder aber einfach als "krank" zu bezeichnen, ist meist nicht sehr hilfreich, obschon es zuerst entlastend für die Eltern zu sein scheint.

 

> Findet sich bei der ADHS ein bildgebendes "Substrat"? Ist das zwingend ein Nachweis für den Krankheitswert?

Erste Untersuchungen zeigen, dass im MRT Auffälligkeiten festzustellen sind. Es ist also gut möglich, dass sich bei einem Kind, welches zu wenige innere Regulationsmechanismen entwickelt hat, die Überflutung von Gefühlen und Reizen auf die Funktionsweise des Gehirns auswirkt. Doch bleibt die Frage nach dem Huhn und dem Ei. Auch soziale Erfahrungen schlagen sich im Gehirn nieder und sind dann im MRT sichtbar. Zum Beispiel zeigen auch schwer traumatisierte Flüchtlingskinder Veränderungen im MRT.

 

> In den USA wird über sechs Millionen Kindern Ritalin verabreicht. Glauben Sie, dass dieser Praxis immer eine saubere Indikation zugrunde liegt?

Das Medikament wird leider sehr oft ohne eine Konsultation von Fachleuten verschrieben. Es muss vorher jedoch immer eine gründliche Abklärung erfolgen.

 

> Gibt es Therapiealternativen?

Es gibt pädagogische Möglichkeiten, dem Kind zu helfen, mit seinen Schwierigkeiten umzugehen. Je früher man damit beginnt, desto besser. Psychotherapeutische Maßnahmen sind eine weitere Therapieoption. Momentan läuft eine Studie, die die nachhaltige Wirkung dieser therapeutischen Ansätze belegt. Mit Hilfe der alternativen Therapieoptionen kann das Kind auch ohne Medikamente lernen, soziale Situationen zu bewältigen.

 

> Gibt es Studien, die darüber aufklären, ob ein "Ritalin-Kind" langfristig häufiger süchtig wird?

Das ist eine These, die in der Literatur diskutiert wird, aber empirisch noch nicht genügend abgedeckt ist. Psychologisch kann man sich das schon erklären. Das Kind macht die Erfahrung, es brauche ein Medikament, um geliebt zu werden, um zu funktionieren. Es liegt nahe, dass man auch später in schwierigen Situationen zu einer Droge greift, um seine Probleme zu bewältigen.

 

> Gibt es geeignete präventive Maßnahmen?

Es gibt Studien, die eine hohe Korrelation zwischen "Schreibabies" und späteren ADHS-Kindern zeigen. Wenn man versteht, warum ein Kind in bestimmten Situationen schreit, kann man den Familien in der Regel innerhalb kurzer Zeit helfen, die Kinder zu beruhigen. Dem "Schreibaby" soll dann eine Struktur gegeben werden, dass es lernt, nicht in diese Verzweiflungszustände hereinzurutschen. Das ist eine sehr effiziente Prävention, ein ADHS zu verhindern.

Im Rahmen der Frankfurter Präventionsstudie, an der Kinder aus mehreren Kindertagesstätten teilgenommen haben, konnten wir zudem empirisch nachweisen, dass mit pädagogischen Maßnahmen die Aggressivität der Kinder abnahm.

 

> Wie merke ich, ob mein Kind ADHS hat?

Meistens handelt es sich um eine Störung, die entweder im Kindergarten oder in der Schule auftaucht. Oft treten Lehrer an die Eltern heran und beklagen sich über das Kind, dass es nicht stillsitzen und sich nicht konzentrieren kann. Dabei ist das Allerwichtigste, keine voreilige Diagnose zu übernehmen, sondern zu einem seriösen Kinderarzt, -therapeuten oder -psychologen zu gehen und das Störungsbild ganz genau abklären zu lassen um dann gemeinsam zu überlegen, wie dem Kind am besten geholfen werden kann.

 

> Was muss ich als Elternteil eines betroffenen Kindes beachten/ vermeiden?

Eltern sollten es in erster Linie ernst nehmen, wenn ihr Kind Probleme hat. Sie sollten sich bemühen, zusammen mit Lehrern und Erziehern sorgfältig nach einer individuellen Lösung für ihren Schützling zu suchen. Viele Kinder haben jedoch bei der Einschulung ganz normale Anpassungsprobleme an die schulische Situation. Nur wenige, ca. drei bis fünf Prozent, leiden dabei wirklich an einem ADHS. Diesen Kindern sollte man dann möglichst frühzeitig die pädagogische und therapeutische Hilfe zukommen lassen, die sie brauchen.

Es gibt viele Verläufe, bei denen sich die Kinder dann ganz normal entwickeln. Man darf also weder dramatisieren noch bagatellisieren.

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