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  • Claudia Ley
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  • 26.06.2013

Brief aus der Praxis, Nr. 8: Das letzte Geleit

Claudia bekommt eine Patientin auf Station, die schon einen langen Leidensweg hinter sich hat. Zunächst führt sie die von den Kollegen verordnete Therapie weiter. Doch schließlich muss sie bekennen, dass das Leben der Patientin doch nicht allein in ihrer Hand liegt.

 

Claudia Ley - Foto: privat

Claudia Ley arbeitet seit Oktober 2012 in der Inneren Abteilung eines kleineren Kreiskrankenhauses in Südbaden. Passend zum Weiterbildungsziel Allgemeinmedizin wird sie dort insbesondere in der Ambulanz mit einem breiten Spektrum aller denkbaren Krankheiten konfrontiert, denen sie mit vorsichtiger Neugier und möglichst professioneller Ausstrahlung begegnet. Dank der erfahrenen kompetenten Kollegen meistert sie aber auch die etwas kniffligeren Fälle und erweitert tagtäglich den Horizont ihres medizinischen Fachwissens.

 

Liebe Kollegen im Studium,

in meinem ärztlichen Alltag erlebe ich immer wieder, dass meine Patienten in mir eine Helferin oder „Heilerin“ sehen, deren einziges Ziel es ist, den vollen Gesundheitszustand der Erkrankten wiederherzustellen. Sicher, es gibt nichts schöneres, als mit unserem Wissen und unseren Fähigkeiten zur Genesung eines Leidenden beizutragen und ihn nach erfolgreicher Therapie glücklich nach Hause zu entlassen. Die heutige Medizin bietet ein täglich zunehmendes Spektrum an diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten, sodass das Thema „Unheilbarkeit“ immer mehr zum Tabu wird. Dennoch nimmt gerade die Palliativmedizin einen großen Stellenwert in unserem Beruf ein, denn so vielseitig und effizient wir unsere Patienten heute auch behandeln können, gibt es doch nach wie vor Grenzen, über die wir uns nicht hinwegsetzen können. Nein, wir sind eben keine „Götter“ in Weiß, das Leben unserer Schützling liegt nicht allein in unserer Hand.

Wie groß die Differenz zwischen kurativer und palliativer Medizin tatsächlich ist, wurde mir erst letztens am Beispiel einer Patientin bewusst. Die 78jährige Frau hatte bereits eine längere Leidensgeschichte hinter sich. Nach einem recht langen gesunden Leben war vor sechs Jahren plötzlich und progredient eine Hemiparese und Hypästhesie der rechten Körperhälfte aufgetreten. Nähere neurologische Abklärungen mit Bildgebung des Kopfs ergaben den Befund eines primären cerebralen Non Hodgkin Lymphoms, eine echte Seltenheit, für die Patientin aber leider traurige Realität.

Nach abgeschlossener umfangreicher Diagnostik in den speziellen Abteilungen der Neuroonkologie wurde die gesamte Kampfmaschinerie der modernen Schulmedizin aufgefahren und ein kompliziertes Chemotherapieschema begonnen. Die Therapie führte tatsächlich innerhalb weniger Wochen, unter Inkaufnahme quälender Nebenwirkungen wie Übelkeit, Abgeschlagenheit und Haarausfall zu der erhofften Regression des Tumors. Es folgten Nachbehandlungen und schließlich regelmäßige Nachkontrollen, deren Abstände allmählich ausgeweitet wurden.

Dann der herbe Rückschlag: Nach sechs Jahren Beschwerdefreiheit bekam die Frau plötzlich einen fokal komplexen epileptischen Anfall, der die behandelnden Ärzte natürlich sofort aufhorchen ließ. Im MRT bestätigte sich der grausame Verdacht: ein Rezidiv des erfolgreich besiegt geglaubten Lymphoms. Wieder wurden verschiedene Tests zur Feststellung der Sensibilität der Tumorzellen durchgeführt und eine intensivierte Chemotherapie eingeleitet. Doch diesmal vergebens, es kam zu weiteren epileptischen Anfällen bei progredienter Hirndruckproblematik und deutlicher Größenzunahme der Raumforderung trotz mehrfacher Wechsel der Chemotherapeutika. Der Allgemeinzustand der Frau verschlechterte sich ebenfalls, sie verlor massiv an Gewicht, entwickelte bei rechtsseitiger Hemiparese eine Aphasie, die ihr das Sprechen schließlich unmöglich machte und eine Schluckstörung, die eine parenterale Zusatzernährung über den vorhandenen Port erforderte.

Während dieser schweren Phase wurde sie getreu durch ihre Schwester und deren Ehemann unterstützt, die den täglichen weiten Weg ins Krankenhaus nicht scheuten, um die Angehörige zu pflegen, zu füttern und vor allem seelisch und moralisch zu stützen. Da die Patientin schon zum Zeitpunkt der Erstdiagnose ihrer schweren Krankheit nicht gezögert hatte, eine Patientenverfügung zu verfassen und darin eben diese Schwester und ihren Mann zu Entscheidungsbevollmächtigten ernannt hatte, wurde den behandelnden Kollegen die schwierige ethische Entscheidung über das Fortsetzten oder die Beendigung der weiteren kurativen Interventionen doch erheblich erleichtert.

Der Kampf gegen den Tod mittels Chemotherapeutika, der der Patientin nur noch Qual und Leiden bereitete, er wurde nach Rücksprache mit den Angehörigen aufgegeben. Von einem Tag auf den anderen änderte sich die Situation der Patientin, es erfolgte so rasch wie möglich die heimatnahe Verlegung in unser Krankenhaus, wo über die weitere Versorgung bzw. Unterbringung der Patientin entschieden werden sollte.

Hier setzt mein Part ein, der sogleich mit einem Faux-pas beginnt: den spezialisierten Kollegen der Neuroonkologie blind vertrauend übernahm ich sämtliche Medikamentenanordnungen, die mir alle bereits in palliativer Absicht umgestellt erschienen. Hochdosiert Dexamethason zur Reduktion des Hirndrucks, Levetiracetam zur Vermeidung weiterer epileptischer Anfälle, Pantozol zur Vermeidung von schmerzendem Reflux der bettlägerigen Patientin und eine tägliche Infusionslösung mit Proteinen, Kohlenhydraten, Fetten und Vitaminen zur weiteren Ernährung. Dazu natürlich die allabendliche Antithrombosespritze. Ich schaltete den Sozialdienst ein, um mit der Schwester der Patientin die Möglichkeiten der häuslichen Krankenpflege bzw. Unterbringung in einem Hospiz zu diskutieren, verordnete nebenbei ein wenig Krankengymnastik und suchte trotz mangelnder weiterer therapeutischer Konsequenzen tagtäglich den Kontakt zur Patientin, um ihre Hand zu halten, ihr gut zu zu reden oder sie einfach nur anzulächeln.

Da ihre Familie sie zu sich nach Hause nehmen wollte, wurde ein Pflegebett sowie Unterstützung durch Pflegedienst und Brückenpflege organisiert, ich selber nahm telefonisch Kontakt zum Hausarzt auf, um die weitere Verordnung der teuren Zusatzernährung und der möglicherweise im weiteren Verlauf noch benötigten Hilfsmittel sicher zu stellen. Dieser fragte mich dann recht verwundert, ob mir denn die Patientenverfügung der Frau bekannt wäre und ich trotzdem an lebensverlängernden Maßnahmen wie der parenteralen Ernährung festhalten wolle. Ich gestehe, ich war tatsächlich für einen Moment völlig perplex, denn dass ich durch die aufwändigen Infusionen das Leiden der Patientin unnötig verlängerte, war mir bis dahin überhaupt nicht bewusst geworden.

Von der Patientenverfügung hatte ich natürlich nur beiläufig im Verlegungsbericht erfahren, selber gelesen hatte ich sie nicht. So kam es dann, nicht unbedingt zur Freude von allen Beteiligten, die die weitere Versorgung mit parenteraler Ernährung im ambulanten Bereich bereits mühevoll organisiert hatten, zu einem weiteren klärendem Gespräch zwischen mir, der Patientin und ihrer Schwester mit deren Ehemann, in dem mir das bisher „übersehene“ Dokument nochmals vorgelegt und der mutmaßliche Wille von der Patientin diskutiert wurde. Ich selber stufte nach einigem Überlegen parenterale Ernährung und Thromboseprophylaxe als nicht mehr erwünschte lebensverlängernde Therapie ein, worin mir die Angehörigen nach einigem Zögern ebenfalls zustimmten.

Trotzdem fiel der Schritt schwer, die Portnadel der Patientin endgültig zu ziehen und dem Körper ein weiteres letztes Mittel im Kampf gegen den Krebs zu entziehen. Die Patientin selber weinte zwar viel während der entscheidenden Gespräche über ihre Zukunft, doch am Tag ihrer Entlassung nach Hause verabschiedete sie sich mit einem derart strahlenden Lächeln von mir, das mich für alle Zweifel und Gewissensbisse entlohnte: ich schäme mich zwar dafür, erst so spät eine endgültige Entscheidung für meine Patientin getroffen zu haben, aber ich bin stolz darauf, sie dennoch und unabhängig von allen vorangegangenen Anordnungen durchgesetzt zu haben. Gegen das Leben, aber auch gegen das weitere Leiden, vor allem aber: für die Patientin.

Viel Mut zu eigenständigem Nachdenken, Reflektieren und Handeln, während und nach dem Studium, wünscht euch eure Claudia

 

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