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  • Inge Wünnenberg | TR
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  • 14.12.2017

Darf ich meine Nachkommen genetisch verändern?

Die Reparatur einer Erbkrankheit schon in der Phase der Befruchtung der Eizelle wäre ein Eingriff in die sogenannte Keimbahn und würde sämtliche Nachkommen betreffen. Ist ein solcher Eingriff ethisch zu vertreten?

Bislang war die Debatte über einen Eingriff in die Keimbahn mit Auswirkungen auf sämtliche nachfolgenden Generationen quasi theoretischer Natur. Nun aber sind solche Manipulationen dank des neuen Gen-Editing-Verfahrens CRISPR ziemlich praxisnah. Welches Potenzial in der Methode steckt, zeigt eine im August in dem renommierten Journal „Nature“ veröffentlichte Studie: Einem Team um den USForscher Shoukhrat Mitalipov ist es gelungen, in Embryonen einen Gendefekt zu beheben. Die Mutation betrifft ungefähr einen unter 500 Menschen und führt später im Leben zu einer schweren Herzkrankheit, der familiären hypertrophen Kardiomyopathie.

Für ihre Studie injizierten die Forscher von der Oregon Health & Science University in Portland einer Eizelle die CRISPR-Genschere gleichzeitig mit den Spermien des kranken Spenders. So konnte Mitalipov weitgehend verhindern, dass die Mutation nur in einem Teil der Zellen korrigiert wurde. Außerdem führte das Gen- Editing in mehr als 70 Prozent der Fälle zu gesunden Embryonen. Die Erfolgsquote war damit deutlich höher als jene der chinesischen Teams, die bereits in den vergangenen zwei Jahren ähnliche Experimente durchgeführt haben.

Doch die Reparatur einer Erbkrankheit schon in der Phase der Befruchtung der Eizelle wäre ein Eingriff in die sogenannte Keimbahn und würde sämtliche Nachkommen betreffen. Bisher sind Keimbahninterventionen deshalb für viele ein Tabu. In Deutschland verbietet das Embryonenschutzgesetz Experimente wie das von Mitalipov. Die Politologin Barbara Prainsack vom Londoner King’s College räumt ein, dass man die „Reparatur“ eines mutierten Gens auch als Herstellung des ursprünglichen gesunden Zustands für einen Menschen und dessen Nachkommen sehen könnte. „Das Problem ist nur, dass man nicht klar unterscheiden kann zwischen Enhancement, also einer Verbesserung, und Reparatur oder Therapie.“

Daher verdammt die Politologin, die der österreichischen Bioethikkommission angehört, Eingriffe in die Keimbahn nicht grundsätzlich: „Ich bin auf der Seite derer, die sagen, dass man das im Einzelfall entscheiden muss.“ Dem Argument der Gegner, dass die behandelten Kinder den gentechnischen Maßnahmen nicht zugestimmt hätten, begegnet Prainsack mit dem Hinweis auf andere, ebenso unfreiwillige und moralisch fragwürdige Einflüsse. „Auch Umweltverschmutzung, Stress, Mangelernährung und Gewalterfahrungen hinterlassen Signaturen und Marker“, sagt sie. Diese Veränderungen würden teilweise ebenfalls vererbt, und niemand hätte dem explizit zugestimmt.

Die Frage also, ob es erlaubt ist, die Fortpflanzungszellen zu verändern, scheint vor diesem Hintergrund und angesichts der sich rasant entwickelnden technischen Möglichkeiten des Gen-Editings schon beinahe überholt zu sein. Selbst Theologen wie Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats, haben offensichtlich kapituliert: „Ich würde mir wünschen, dass die Vereinten Nationen (UN) eine Resolution beschließen, dass zumindest die Implantation genmanipulierter Embryonen so lange verboten bleiben muss, bis dadurch verursachte Gesundheitsrisiken ausgeschlossen werden können“, sagt er. Aber dann werden die Therapien kommen, glaubt auch Dabrock. „Man scheint heute nur noch um den Zeitraum zu streiten, wann es denn so weit ist.“

 


Dies ist ein Artikel aus der Zeitschrift Technology Review 10/2017

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