• Interview
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  • Ulrike Rostan
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  • 02.10.2008

Die Namen der Nummern

Im August 1943 wurden 86 jüdische KZ-Häftlinge getötet, um ihre Skelette in der Anatomie der "Reichsuniversität Straßburg" auszustellen. Treibende Kraft war der Anatomie-Professor Dr. August Hirt gewesen, mit dem Auftrag waren die Nachwuchsanthropologen Bruno Beger und Hans Fleischhacker betraut worden. Dem Journalisten Dr. Hans-Joachim Lang ist es sechzig Jahre später gelungen, die Opfer dieses Verbrechens zu identifizieren.

 

Dr. Hans-Joachim Lang - Foto: H.-J. Lang

Dr. Hans-Joachim Lang

> Herr Lang, Sie erhalten jetzt im Rahmen der Erstsemestereinführung der Medizinstudenten von der Uni Tübingen die Leonhart-Fuchs-Medaille für Ihr Buch "Die Namen der Nummern". Welchen Zusammenhang gibt es mit Tübingen?

Es gibt Berührungspunkte mit der Universität. Der Anthropologe Dr. Hans Fleischhacker hat sich hier habilitiert. Und Prof. August Hirt ist Ende 1944 mit der nach Tübingen verlegten Straßburger Universität hierher gekommen. Wäre das nationalsozialistische System nicht besiegt worden, wäre Hirt ganz in den medizinischen Lehrbetrieb integriert worden.

> Was bedeutet diese Medaille für Sie?

Von offizieller Seite ist das die erste Auszeichnung. Sie hat daher tatsächlich besondere Bedeutung für mich. Sehen Sie, man kann keiner Fakultät zum Vorwurf machen, dass vor sechzig Jahren ein Wissenschaftler herangezogen wurde, der in ein solches Verbrechen an Juden verstrickt gewesen ist - ich spreche Fleischhacker an, der sich hier habilitiert hat. Doch diese Geschehnisse gehören untrennbar zur Geschichte der medizinischen Fakultät. Bei offiziellen Anlässen scheuen sich Universitäten nicht, die Glanzpunkte ihrer Geschichte vorzutragen. Da erwarte ich, dass auch die dunklen Zusammenhänge im Rahmen von Jubiläen und Festschriften mit einbezogen werden, um deutlich zu machen, dass sich die Universität oder die Fakultät ihrer Geschichte bewusst ist und Schlussfolgerungen daraus für ihre Arbeit in der Gegenwart zieht.

> Wie sind Sie mit dem Verbrechen, das 65 Jahre zurück liegt, in Berührung gekommen?

In den späten 80er-Jahren besetzten Sinti und Roma die Aula der Tübinger Universität, weil eine frühere Anthropologieprofessorin mit Material aus der Nazizeit arbeitete. Ich habe für eine Sonderseite des Schwäbischen Tagblatts die Geschehnisse aufgearbeitet und wurde dabei das erste Mal mit der NS-Vergangenheit der Medizin und Anthropologie konfrontiert.

> Sie waren damals schon Journalist?

Ja. Im Rahmen der Recherchen hat mich jemand auf August Hirt aufmerksam gemacht. Er war 1944 nach Tübingen gekommen, doch seine Spuren verloren sich nach 1945. In der Literatur konnte ich nichts über seine Biografie und seinen weiteren Verbleib finden. Da ich einen Anhaltspunkt bekam, wo er hingeflüchtet war, bin ich dort hingefahren. Es war in der Gegend des Schluchsees im Schwarzwald. Ich habe vor Ort noch Leute gefunden, die sich an ihn erinnern konnten. Hirt hat dort Selbstmord begangen. Darüber habe ich dann auch geschrieben.

> Dabei hätten Sie es ja bewenden lassen können.

Nun, das Ganze hat in mir nachgewirkt. Ich war unzufrieden, weil noch niemand die Opfer identifiziert hatte - meiner damaligen Meinung nach kein Ding der Unmöglichkeit. So bin ich mit dem Thema intensiver in Kontakt gekommen. Ich habe einfach die Fühler ausgestreckt, ob ich darüber vielleicht irgendwo noch etwas herausfinden kann. Herrmann Langbein, den langjährigen Vorsitzenden des Auschwitz-Komitees und Holocaust-Überlebenden, habe ich angeschrieben und ihn gefragt, warum noch niemand die Opfer identifiziert hat, wenn die Nummern überliefert sind. Er meinte, dass es unmöglich sei, das herauszubekommen. Er habe das selbst probiert und nur ein Opfer identifizieren können - den jüdischen Kaufmann Menachem Taffel.

> Sie wussten also schon von der Existenz dieses Zettels mit den Nummern?

Ja.

> Woher?

Ganz früher, als ich mich mit Hirt beschäftigt habe, ist mir das Buch von Alexander Mitscherlich und Fred Mielke in die Hand gekommen, Medizin ohne Menschlichkeit. In diesem Buch sind Dokumente des Nürnberger Ärzteprozesses abgedruckt. Ein Helfer von Hirt, Henry Henrypierre hat demnach ausgesagt, dass die Leichen, die nach Straßburg gebracht worden waren, Nummern am Unterarm gehabt hätten und dass er die Nummern heimlich aufgeschrieben habe.

> Wo liegt der Zettel heute?

Wenn ich das wüsste.

> Sie haben ihn also nie gesehen?

Ich habe ihn nie gesehen. Ich vermute, dass er wie viele andere Dokumente, die im Kontext der französischen Militärjustiz entstanden sind, in einem zentralen Archiv liegt, das dem französischen Verteidigungsministerium untersteht. Was ich gefunden habe, ist ein Mikrofiche einer Abschrift - und zwar in Washington.

> Wann haben Sie ernsthaft angefangen zu suchen?

Ein richtiges Schlüsselerlebnis hat es nicht gegeben, wenn Sie das meinen. Viele Gespräche, zum Beispiel mit Ernst Klee, der sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat, haben dazu geführt, dass ich die Namen und die Geschichte der Menschen hinter den Nummern herausbekommen wollte.

> Die Recherchen haben Sie aber letztendlich privat betrieben?

Ja. Ich habe zeitweise meine Arbeit beim Schwäbischen Tagblatt reduziert und bin in meiner Freizeit und in Urlauben in die entsprechenden Archive gegangen. Ich bin kein studierter Historiker. Aber mich hat Geschichte schon immer interessiert und so waren die Recherchen für mich auch ein Lernerlebnis.

Kühlkammer, die als Gaskammer verwendet wurde - Foto: H.-J. Lang

Die Kühlkammer eines ehemaligen Hotels in der Nähe des KZ Natzweiler diente als Gaskammer. 

> Gab es Momente, in denen Sie aufhören wollten?

Eigentlich nicht. Allerdings habe ich oft befürchtet, dass ich nicht weiterkommen würde. Zum Beispiel kam trotz Referenzen von Serge Klarsfeld und Herta Däubler-Gmelin, der damaligen Justizministerin, aus dem französischen Verteidigungsministerium die lapidare Antwort, dass man mir nicht weiterhelfen könne - ein halbes Jahr nach meiner Anfrage! Ähnliches erlebte ich mit dem Archiv des Internationalen Suchdienstes in Arolsen, das erst seit wenigen Monaten auch für die Forschung zugänglich ist. Nach sechs Monaten Wartezeit wurde ich mit einer Fotokopie der Benutzungsordnung abgespeist. Diese Opferschutz- oder Datenschutzvorschriften hierzulande sind tatsächlich auch Täterschutz gewesen. In Jerusalem wurde das umgekehrt gehandhabt, wie ich später erfahren habe. In Yad Vashem konnte ich die Mikrofilme von Dokumenten aus Bad Arolsen, die Juden betrafen, einsehen. Und das hat mir sehr geholfen.

> Hat Ihnen die akribische Bürokratie der Nationalsozialisten die Recherchen erleichtert?

Letztendlich ja, wobei man im selben Atemzug sagen muss, dass ungleich mehr Material vernichtet worden ist. Es hat eine riesige Registratur in Auschwitz gegeben, die dieses bürokratische System noch hätte deutlicher werden lassen, wenn sie erhalten geblieben wäre. Aus Zeugenschilderungen weiß man davon. Es ist wirklich minutiös alles aufgezeichnet worden. Klar, die Nummern haben in dem Fall geholfen. Aber das war letztlich nicht alles. Ich habe sehr viele Details mit Hilfe von Melderegistern und Standesämtern der Orte, aus denen die Leute stammten, herausgefunden.

> Gibt es etwas, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Oh je, da gibt es vieles - zwei Dinge kann ich vielleicht herausgreifen. Es hat mich im Nachhinein schon sehr beschäftigt, warum es so lange dauern musste, bis jemand auf die Idee gekommen ist, den greifbaren Weg zu gehen. In dem Anatomiekeller in Straßburg sind bei der Befreiung durch die Alliierten 16 Leichen komplett vorgefunden worden, die bis auf drei noch die KZ-Nummer trugen. Da hätte doch jemand auf die Idee kommen können, die Opfer zu identifizieren. Nämlich aufgrund der Autopsieunterlagen, die schon im französischen Militärgerichtsverfahren 1952/53 gegen die NS-Verbrecher im Lager Natzweiler-Struthof vorlagen und von denen Kopien im Archiv der Universität Straßburg sowie bei der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg archiviert worden sind.

Von der Justiz kann man das nicht erwarten, die hat sich doch in erster Linie mit den Tätern beschäftigt. Mich hat später einmal der Vorsitzende Richter der Schwurgerichtskammer kontaktiert, die 1970/71 in Frankfurt das Strafverfahren gegen die Anthropologen Bruno Beger und Hans Fleischhacker führte. Er sagte mir, dass es ihn sehr berührt habe, dass damals nur die Täterseite so im Vordergrund gestanden und die Justiz nicht die Möglichkeit gehabt habe, auch noch nach den Opfern zu recherchieren.
Das hätten ja auch nicht die Juristen machen brauchen…

> Sondern Mediziner?

Zum Beispiel.

Und dann ist mir die Begegnung mit den Angehörigen der Opfer sehr nah gegangen. Anfangs hatte ich große Bedenken, mit ihnen in Kontakt zu treten, weil ich befürchtete, alte Wunden aufzureißen. Aber die waren ja noch offen! Was mich auch berührt hat, ist, dass ich wirklich auch Schicksale aufgeklärt habe. Ein Franzose zum Beispiel hatte angenommen, sein Vater sei 1943 in Drancy ums Leben gekommen. Er selbst war als Kleinkind mit seiner jüngeren Schwester von den Eltern die Pyrenäen geschickt worden und hat danach nie wieder etwas von ihnen gehört. Er hat nie verstanden, warum sie ihn damals weggegeben haben. Erst jetzt, nachdem er um ihr Schicksal weiß, kann er nachvollziehen, dass sie dies aus Fürsorge getan und ihm damit das Weiterleben ermöglicht haben.

> Haben Sie heute noch Kontakte?

Ja. Es gibt einige Angehörige, mit denen ich befreundet bin. Vor zweieinhalb Jahren ist auf dem Jüdischen Friedhof in Straßburg im Rahmen einer richtig schönen und großen Zeremonie ein Grabstein mit allen Namen der jüdischen Opfer auf das anonyme Massengrab gesetzt worden. Viele Angehörige sind zum Teil von sehr weit her gekommen - das war ganz ergreifend.

Grabstein - Foto: H.-J. Lang

 

Der Grabstein mit den 86 Namen der jüdischen Opfer

> Ist auch jemand von deutscher Seite dabei gewesen - zum Beispiel aus Medizinerkreisen?

Ich bin damals von der jüdischen Gemeinde in Straßburg gebeten worden, Tipps zu geben, wen man zu dieser Zeremonie einladen könnte. Nun kann ich nicht sagen, ob die von mir vorgeschlagenen Gäste eingeladen worden sind oder ob manche Einladung irgendwo versandet ist. Doch ich gehe davon aus, dass die jüdische Gemeinde die Einladungen verschickt hat - und es ist keiner gekommen.

> Also Sie hätten erwartet, dass mehr deutsche Gäste kommen?

Ich hätte es erwartet.

> Aus welchen Kreisen?

Aus medizinischen Kreisen. Es wäre schön gewesen, wenn ein Medizinfunktionär gekommen wäre, als symbolische Geste, oder ein deutscher Politiker. Von französischer Seite sind dagegen einige Regionalpolitiker gekommen.

> Das führt zu meiner Frage, welche Reaktion Sie von Medizinerseite auf Ihr Buch hatten?

Das ganze Spektrum. Es gibt einzelne Mediziner, mit denen ich während meiner Recherchen in Kontakt gekommen bin, die sehr interessiert sind an dem Thema. Aber ich habe auch viel Gleichgültigkeit erlebt.

> Von offizieller Seite haben Sie aus Medizinerkreisen keine Rückmeldung bekommen?

Nachdem das Buch erschienen war und auch als Taschenbuch herausgekommen ist, habe ich schon viel Resonanz bekommen. Aber von offizieller Seite ist diese Medaille der Uni Tübingen die erste. Es muss ja gar keine Medaille sein; wenn jemand geschrieben hätte, hätte mich das auch gefreut. Allerdings möchte ich das jetzt nicht als Klage verstanden wissen. Man merkt schnell, ob das Interesse echt ist oder in ritualisierter Form erfolgt. Und letzteres ist dann nicht notwendig.

> Wie geht die Medizin überhaupt mit ihrer Vergangenheit um?

Es ist ja oft dargestellt worden, dass solche Leute wie Hirt Ausnahmeerscheinungen waren. Doch August Hirt ist nicht vom Himmel heruntergefallen. Er kam wie Fleischhacker aus gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Zusammenhängen heraus und das muss die Medizin auch zur Kenntnis nehmen. Die Geschichte der Anthropologie hat ja auch nicht erst 1933 angefangen. Die Methoden der Anthropologie sind bereits schon vorher über die Grenzen dessen hinausgegangen, was seriöse Wissenschaft ist.

> Die Schädel von Opfern sind teilweise erst Jahrzehnte nach dem Krieg aus Universitätssammlungen entfernt worden. Welche Rolle spielt diese Tatsache?

Das geht bis zu Gewebeschnitten, die hie und da wohl jetzt noch in Sammlungen enthalten sind. Ich bin mir gar nicht sicher, ob nicht auch in Straßburg noch Gewebeschnitte vorhanden sind. Das macht deutlich, wie sehr die Wissenschaft in die Verbrechen involviert gewesen ist. Es geht hier nicht nur um einzelne Personen, die besonders bestialische Verbrechen begangen haben, sondern um eine Wissenschaft, die sehr, sehr weit involviert gewesen ist und das ganze selber vorangetrieben hat oder getrieben wurde.

Es gab sicherlich Mitarbeiter, die nicht gerne mitgemacht haben, doch andere Wissenschaftler haben plötzlich aus Karrieregesichtspunkten oder aus einem falsch verstandenen Forscherehrgeiz alle Schranken verloren.
Und natürlich ist ganz klar, dass aus ethischen Gründen Körperteile von Opfern nicht Bestandteil anatomischer oder anthropologischer Sammlungen sein können. Die gehören dort nicht hin.

> Mit welchem Gefühl haben Sie die Suche über die Jahre betrieben?

Ich fühle mich für die Geschichte des Landes, in dem ich lebe, verantwortlich. Das ist etwas anderes als Schuld. Viele begründen ihr Desinteresse damit, dass nur die Generation der Eltern und Großeltern betroffen war, sie selbst nicht. Und da halte ich dagegen, dass eine Wissenschaft eine Geschichte hat, dass ein Land eine Geschichte hat und die Kultur, in der ich mich bewege. Ein Teil unseres Wohlstands beruht darauf, dass die Juden damals ausgeraubt worden sind. In wissenschaftlichen Bibliotheken stehen Bücher von Menschen, die flüchten und ihr Hab und Gut zurücklassen mussten.
Bei den Juristen in Tübingen gibt es eine Bibliothek eines Völkerrechtlers, der in Berlin Selbstmord begangen hat, als er festgenommen worden war. Seine mittellose Frau hat darauf hin seine Bibliothek verscherbelt. Und, wie auch immer, haben das die Tübinger Juristen spitzgekriegt und haben diese Bibliothek nahezu für einen Appel und ein Ei bekommen. Ein Großteil der Bücher stehen heute noch in der Seminarbibliothek. Ich habe die Geschichte publiziert und da passiert nichts. Ich schreibe dem Dekan und er reagiert nicht einmal. Das sind die Dinge, die mich sprachlos machen.

Herr Lang, ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch.


Dr. Lang arbeitet als Journalist. 2004 erscheint sein Buch "Die Namen der Nummern". Er erhält den Preis der belgischen "Foundation Auschwitz" und jetzt die Leonhart-Fuchs-Medaille der Uni Tübingen. Auf der folgenden Internetseite hat er die Biografien der Opfer und 5 Täterprofile dokumentiert. Auch Reaktionen der Medien sind dort nachzulesen.

www.die-namen-der-nummern.de

 

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