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  • Anna Wolter
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  • 07.03.2017

Informierte Patienten – Dr. Google – Freund oder Feind?

Rund 70 % der Internetnutzer sucht im Web nach Gesundheitsthemen. Das ist erfreulich, denn informierte Patienten verstehen ihre Ärzte besser. Doch die Onlinesuche birgt auch Risiken: Gute Internetseiten lassen sich nur schwer von unseriösen abgrenzen und Fehlinformationen führen zu falschen Vorstellungen des Patienten. Wie gehe ich als Arzt damit um?

Ein mögliches Szenario

Der Papierstapel ist riesig, den der Patient auf den Schreibtisch legt. „Ich hab das mit der Krebstherapie, über die wir letzte Woche gesprochen haben, nochmal gegoogelt. Und bei manchen Sachen, die Sie gesagt haben, bin ich jetzt ziemlich unsicher. Können wir da vielleicht nochmal darüber reden?“ Der Arzt verdreht innerlich die Augen. Er hat seinen Patienten doch letzte Woche ausführlich bezüglich der Therapie beraten und die bestmögliche Lösung für ihn vorgeschlagen. Und jetzt soll er sich durch den Papierberg wühlen und das ganze Thema noch einmal aufrollen? Dazu hat er ehrlich gesagt keine Lust – und erst recht keine Zeit.

 

Die Nutzung steigt

So kann sie aussehen, die Begegnung mit dem „informierten Patienten“. Und von ihnen gibt es laut dem statistischen Bundesamt immer mehr: Im Jahr 2015 suchten knapp 40 Millionen Menschen im Internet nach Informationen zum Thema Gesundheit – das sind 67 % der Internetnutzer ab 10 Jahren. Im Vergleich zu 2010 war dies ein Zuwachs um 11 %. Diese Zahl wird in Zukunft weiter steigen, denn während die ältere Generation, die das Internet kaum nutzt, immer weniger Vertreter haben wird, rücken die „Digital Natives“ nach. Diese Entwicklung ist einerseits erfreulich, denn besonders im Hinblick auf das Shared-Decision-Making vereinfacht der informierte Patient die Kommunikation. Dem steht allerdings das Risiko gegenüber, dass sich die Patienten durch eine falsche Nutzung der Onlinequellen fehlerhafte Vorstellungen zu Krankheitsbildern und Therapien machen. Für viele Ärzte stellt sich die Frage: Ist „Dr. Google“ eine große Chance – oder ein Problem?

 

Kein internetspezifisches Problem

Professor Rainer Bromme, Professor für Pädagogische Psychologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, fällt die Antwort auf diese Frage leicht: „Es ist schon immer so, dass Menschen ihre Krankheit verstehen wollen und dafür nicht nur den Arzt fragen. Die Websuche ist nur eine weitere Quelle, über die sich die Patienten heute informieren können.“ Getan haben sie das aber schon immer: Früher wurde sich halt mit dem Nachbar oder der Tante über das Thema Gesundheit ausgetauscht.

 

Wer sucht online - und warum?

Persönlicher Austausch und Unterstützung

Auch heute noch sind Verwandte und Freunde eine wichtigere Informationsquelle als das Internet – Gespräche mit Ärzten und Therapeuten bleiben weiterhin auf Platz 1. Warum suchen Patienten dann überhaupt online nach Informationen? Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung sind es drei Motive, die Patienten zu ihrer Onlinerecherche bewegen:

1. Steigerung des eigenen „Empowerments“, also Informationen besser zu verstehen und in Fragen der eigenen Gesundheit unabhängiger zu werden


2. Suche nach persönlichem Austausch mit anderen


3. Suche nach informationeller Unterstützung bei gesundheitlichen Risiken und Krankheiten allgemein und nach Tipps für eine gesündere Lebensweise


Dabei bewegt v. a. die Unzufriedenheit mit dem Hausarzt die Patienten dazu, Antworten auf ihre gesundheitsbezogenen Fragen vermehrt im Internet suchen.

 

Die Fülle an Informationen ist zu groß

Mit der Suche beginnen aber auch die Probleme. Denn nun sieht sich der Patient einer kaum zu bewältigenden Fülle an Informationen gegenüber. „Da es keine Filter oder Sortierung gibt, ist es für die Patienten schwierig, verlässliche Informationen zu finden – die außerdem relevant für die eigene Krankheit sind“, so Bromme. Eine Untersuchung an Schülern und Studenten zeigte, dass viele Menschen Schwierigkeiten haben, zu entdecken, dass sich Webseiten widersprechen. Und kaum jemand überprüft, wer eigentlich für den Inhalt der Seite verantwortlich ist. Für die Patienten bedeutet das: Ob der Inhalt einer Seite verlässlich und unabhängig ist, oder ob beispielsweise wirtschaftliche Interessen dahinterstecken, können nur die wenigsten beurteilen. Das kann zu Fehlinterpretationen, falschen Erwartungen und fragwürdigen Ansprüchen führen, die mühsame ärztliche Korrekturarbeit verlangen. So werden laut einer Umfrage unter Hausärzten und Gynäkologen informierte Patienten häufig als fordernder und schwieriger erlebt – auch wenn damit nicht gezeigt ist, dass diese Patienten tatsächlich unangemessene Forderungen stellen.

 

Online informieren: Aber wie?

Selber recherchieren

Um das Internet gewinnbringend in die Beratung einzubringen, brauchen Patienten also jemanden, der ihnen hilft, verlässliche Informationen zu ihrer Erkrankung zu finden. Da es aber keine fertigen Kataloge mit guten Seiten gibt, muss sich der Arzt am besten selbst hinter den Rechner setzen: „Die Ärzte kennen ihr Klientel am besten. Sie sollten also überlegen, nach welchen Schlagworten Ihre Patienten suchen würden. Wer das mal zu Hause ausprobiert, kann überprüfen, auf welchen Seiten die Patienten bei ihrer Suche eigentlich landen. Und dabei trifft man sicher auch auf Websites, die man weiterempfehlen kann. Die Links zu den seriösen Seiten kann man beispielsweise sammeln und im Wartezimmer auslegen“, rät Bromme.

 

Verständnis und Compliance steigen

Auch wenn viele Ärzte dem informierten Patienten kritisch gegenüberstehen, sollte man nicht außer Acht lassen, dass er viele Vorteile mit sich bringt: Bei einer Umfrage mit rund 3.000 Internet-Nutzern äußerten rund 80 %, dass sie nach einer Internetrecherche den Arzt besser verstehen würde. Rund die Hälfte gab an, dass sie nun mit ihrem Medikament und der richtigen Einnahme besser umgehen könnte. So kann die richtige Internetsuche nicht nur das Verständnis für die eigene Krankheit, sondern auch die Compliance verbessern. Unterschätzen sollte man die Bedeutung des informierten Patienten auch nicht bei komplexen Krankheitsbildern und Behandlungsoptionen. Hier ist die Eigeninitiative häufig erwünscht und der Patient wird eher als kooperativ wahrgenommen. Mit ihm können Entscheidungen besser getroffen werden, da es eine Diskussionsgrundlage gibt. Außerdem können informierte Patienten auch eine positive Herausforderung sein. Denn selbst der kompetenteste Mediziner kann vom informierten Patienten lernen – v. a. bei seltenen Erkrankungen.

 

Schweiger und Besserwisser

Verschwiegenes Wissen

Um die Chancen des Internets zu nutzen, muss sich der Patient allerdings trauen, über seine Recherche zu sprechen. Wie eine Studie aus den USA zeigt, tun das aber nicht alle, da sie die Autorität des Arztes nicht in Frage stellen wollen. Das kann schwierig werden, v. a. wenn die vom Patienten gefundenen Informationen nicht mit der Erklärung und Empfehlung des Arztes übereinstimmen. Deshalb kann es hilfreich sein, den Patienten zu fragen, ob er sich im Vorfeld bereits informiert hat.

 

Auf der ärztlichen Kompetenz bestehen

Schwieriger wird der Umgang mit Patienten, die sich im Internet (oder anderswo) eingehend informiert haben, wenn das Gespräch zu einer Debatte darüber wird, wer eigentlich die größere Kompetenz hat. Hier ist es zwar wichtig, den Patienten auch dann noch ernst zu nehmen und seine Eigeninitiative wertzuschätzen. Dennoch müssen Sie ihm klarmachen, dass die medizinische Kompetenz bei Ihnen liegt – und nicht im Internet. Sprechen Sie direkt an, dass es offensichtlich um die Frage geht, wer eigentlich in der Sache die richtige und zielführende Antwort hat. Im Kern geht es dann um die Frage, welcher Instanz der Patient am meisten vertraut: Der Internetquelle oder Ihnen? Das kann den Weg dazu öffnen, dass der Patient eher über seine Zweifel und Bedenken spricht, statt Ihnen vermeintliche oder tatsächliche andere Expertenmeinungen vorzuhalten.

 

In der Echokammer

Aber wie gehe ich mit Patienten um, die geradezu abstruse Ansichten haben, z. B. Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen wollen? Diese werden in ihrer Weltanschauung durch das Internet oft noch gestärkt, da sie gezielt nach Foren und Internetseiten suchen, die ihre Ansichten unterstützen – ein Effekt, den man als „Echokammer“ bezeichnet. Diese Patienten sind zwar selten, aber sie sind besonders schwer zu überzeugen. „Hier sollte man versuchen herauszufinden, warum diese Person so sehr auf ihre Ansicht beharren will. Vielleicht gelingt es mir, sie zu überzeugen, ihr Kind impfen zu lassen, ohne gleich ihre Weltanschauung zu knacken“, sagt Bromme. Er rät dazu, im Gespräch eine Mischung aus wissenschaftlichen Fakten und persönlicher Erfahrung vorzutragen. „Man kann zum Beispiel sowas sagen wie: ,Es gibt reichlich wissenschaftliche Beweise dafür, dass eine Impfung mehr nutzt als das sie schadet. Ich kenne zwei Kinder, die schwere Schäden haben, weil sie nicht geimpft wurden'.“

 

Googeln ist gut - Vertrauen ist besser

Internet als Partner

Wie problematisch das Phänomen Dr. Google tatsächlich ist, hängt aber letztendlich vom Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patienten ab. „Die Mehrheit der Patienten-Arzt-Kontakte sind ja keine Erstkontakte“, so Bromme. „Das heißt, Arzt und Patient kennen sich in der Regel schon eine Weile. Und ein Patient, der seinem Arzt vertraut, wird seine Kompetenz nicht infrage stellen, nur weil er online etwas Widersprüchliches gelesen hat.“ Das Internet sollte vielmehr als Kooperationspartner und nicht als Problemfaktor gesehen werden. „Wer sagt, dass er durch das Internet Probleme mit seinen Patienten hat, der hatte sicher auch schon Schwierigkeiten, bevor Google aufkam.“

 

Gezielte Fortbildungen

Die Mehrheit der Ärzte begrüßt hingegen die Eigeninitative der Patienten. Viele wünschen sich jedoch, ihre Patienten besser fachkundig beraten zu können. Hier wären wissenschaftlich fundierte Ärztefortbildungen zum Thema „Internet und Medizin“ wünschenswert. Denn sicher ist: Die Anzahl an Patienten, die sich online über Symptome, Diagnosemethoden und Therapien informieren, wird wachsen. Hierauf gilt es sich einzustellen. „Und das ist wie mit der Schwerkraft“, so Bromme. „Sie kann mir gefallen, oder nicht. Aber wenn ich sie ignoriere, falle ich um.“

 


 

Literatur

Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes vom 05.04.2016. Im Internet: https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/zdw/2016/PD16_14_p002pdf.pdf?__blob=publicationFile Stand 15.04.2016

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Stadtler M, Scharrer L, Brummernhenrich B, Bromme R. Dealing with uncertainty: Readers' memory for and use of conflicting information from science texts as function of presentation format and source expertise. Cognition and Instruction 2013; 31: 130-150

Baumgart J. Ärzte und informierte Patienten: Ambivalentes Verhältnis. DtschArztebl 2010; 107: 2173-2173

Back AL. The myth of the demanding patient. JAMA Oncol 2015; 1: 18-19

Friedrichsen M, Schachinger A. E-Patientenstudie 2014 in Deutschland: Was machen 40 Millionen deutsche Gesundheits-Surfer und Patienten im Internet?. Im Internet: http://www.epatient-rsd.com/wp-content/uploads/2014/10/E-Patienten_Studie_2014_Pressemappe.pdf Stand 18.04.2016

Imes RS, Bylund CL, Sabee CM. et al. Patients' reasons for refraining from discussing Internet health information with their health-care providers. Health Comm 2008; 23: 538-547

Stadtler M, Bromme R, Kettler S. Dr. Google – geschätzter Kollege? Die Rolle des Internets in der Arzt-Patienten-Interaktion. Zeitschrift für Allgemeinmedizin 2009; 85: 254-259

 

 

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