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  • Markus Stiehm
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  • 24.09.2007

Wissenslücke bei Studenten: Ärzte-Verbrechen im 3. Reich

Künftige Ärzte wissen nur wenig über das dunkelste Kapitel deutscher Medizingeschichte. Das hat eine bisher einzigartige Studie der Humboldt-Universität Berlin bereits Ende 2001 herausgefunden. Die Ergebnisse, jetzt veröffentlicht im Deutschen Ärzteblatt, lassen deutliche Defizite in der Ausbildung zu einem ethisch kompetenten Arzt erkennen.

Obwohl das Interesse der Studierenden an diesem brisanten Thema groß ist, passiert an deutschen Unis so gut wie nichts zur Verbesserung der Lehre, weil die Uni-Oberen um das Image Ihrer Hochschulen fürchten. Die Initiatoren der Studie versuchen unermüdlich weiter, das Tabu zu brechen.

 

Über 300 Medizinstudenten befragt

Alexander Mitscherlich? Nie gehört. Fred Mielke? Nein. Josef Mengele? Ja, das war doch der mit den KZ-Versuchen. Dann waren die erstgenannten da vielleicht auch beteiligt.

So oder ähnlich fielen die Antworten von gut dreihundert Medizinstudenten aller Semester an der Berliner Humboldt-Universität aus. Gefragt war nach den wichtigsten Protagonisten der Aufarbeitung von nationalsozialistischen Ärzteverbrechen. Die Studierenden kannten nur den berühmtesten Täter – wie wohl jeder bundesdeutsche Bürger.

Die Berliner Studierenden nahmen voriges Jahr teil an der ASAMANS-Studie (Asking Students about Medicine and National Socialism). In dieser repräsentativen Studie wurde nicht nur das Wissen, sondern auch die persönliche Einstellung zu diesem Thema und die Motivation, sich damit zu beschäftigen, erfragt. Es galt, einen Fragebogen aus insgesamt 35 Fragen – zwölf Wissens- und 23 Einstellungsfragen – zu beantworten.

 

Große Wissenslücken

Keiner der Befragten beantwortete alle Wissensfragen zu Medizin und Nationalsozialismus richtig. Vor allem zum Komplex des Nürnberger Ärzteprozesses wussten die meisten nichts zu antworten. 1946/47 wurden einige der deutschen Ärzte, die an Menschenversuchen und Euthanasiemorden beteiligt waren, unter anderem wegen "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" angeklagt. Nur acht von 332 Berliner Studierenden wussten, dass der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich und der Medizin-Student Fred Mielke in diesem Prozess-Beobachter waren und die berühmte Dokumentation "Medizin ohne Menschlichkeit" verfassten. Auch bei allgemeineren Fragen mussten fast alle Teilnehmer passen: Den überproportionalen Anteil von Ärzten in der NSDAP im Vergleich zu anderen Berufsgruppen, der bei mehr als 45 Prozent lag, wollte nur jeder zehnte Studierende als richtig einstufen. Zum Vergleich: Juristen und Lehrer waren zu jeweils etwa 20 Prozent Parteimitglieder. Selbst die Kenntnisse zur Rolle der Charite ließen zu wünschen übrig: Ein Viertel der Befragten wusste immerhin, dass allein in den Jahren 1944 bis 45 etwa 30 Prozent der tätigen Ärzte aus ihrem Beruf vertrieben wurden. Aber nur jeder Zehnte konnte angeben, wo das Denkmal "Für die Verfolgten" steht - nämlich mitten auf dem Campus.

Das Interesse am Thema ist groß

Bemerkenswert ist, dass dies nicht am mangelnden Interesse liegt: Gut 60 Prozent gaben an, sie würden sich mehr Informationen über durchgeführte Menschenversuche wünschen. Fast alle Befragten - über 90 Prozent - gaben an, dass sie insgesamt mehr über Medizin im Nationalsozialismus wissen wollen. Die meisten halten die Auseinandersetzung für relevant für die spätere Tätigkeit als Arzt und fast die Hälfte findet es wichtig, darüber auch geprüft zu werden. Was bisher wenig stattfindet: im Staatsexamen wird eher nach ägyptischer oder babylonischer Heilkunst gefragt.

 

Versäumnisse in der Ausbildung?

Einerseits eine bedenkliche Unkenntnis verbunden mit schlecht besuchten Vorlesungen zu diesem Thema, andererseits aber der überwältigende Wunsch nach näherer Beschäftigung bei schlechten Noten für die Universität. Wie erklärt sich dieser Widerspruch? Die Autoren Peter Langkafel, Timo Drewes und Sebastian Müller führen dies vor allem auf Versäumnisse in der Ausbildung zurück.

Die von dem kürzlich approbierten Arzt Langkafel und den beiden Studenten Drewes und Müller in Eigenregie durchgeführte Studie sorgte für einigen Wirbel an der Universität. "Die Unterstützung des Dekans war da schon wichtig", erzählt Langkafel. "Dieses Thema war sehr lange Zeit ein Tabu, da es ein Imageproblem darstellt." Was treibt ihn an? Er überlegt nicht lange: Ihn störe besonders, dass "die Charite sich als ruhmvolle historische Fakultät in der Tradition von Virchow und Sauerbruch sieht, eine kritische Auseinandersetzung mit der Nazizeit aber fast gar nicht stattfindet."

Tatsächlich wird derzeit auch offiziell nach Lösungen gesucht, denn die Argumente der Fakultät gegen weitere Angebote im fakultativen Fach Geschichte der Medizin sind nun widerlegt. Weder sind die Studierenden desinteressiert, noch wissen sie schon alles über das Thema Nationalsozialismus, beispielsweise aus der Schule. Es wäre eigentlich notwendig, dieses Thema stärker in das Regelcurriculum einzubeziehen und nicht nur als Randthema besonders Interessierten anzubieten.

In der Ausbildungskommission der medizinischen Fakultät "beschäftigt sich eine neue Arbeitsgruppe damit, wie die Thematik gegebenenfalls Eingang in den studentischen Unterricht findet", erklärt dazu Professor Ingrid Reisinger, Prodekanin für Lehre.

 

Neue Konzepte sind erforderlich

Peter Langkafel weiß, dass das Jahre dauern kann. Er gibt dennoch seine Richtung vor: Es sei vor allem ein Problem der Vermittlung, "deshalb brauchen wir vollkommen neue Konzepte." Und vor dem Hintergrund einer Diskussion um Pflichtseminare fügt er hinzu: "Zwang führt da nicht zum Erfolg, Medizinstudierende haben schon genug Pflichtkurse."

Er hat die ernste Befürchtung, dass das Thema langsam bürokratisiert wird und wieder in der Schublade verschwindet. Langkafel will aber nicht aufgeben. Denn es ist eben auch ein strukturelles Problem des gesamten Medizinstudiums in Berlin: "Dem Bedürfnis der Studierenden nach Auseinandersetzung mit medizinethischen Themen insgesamt wird die Fakultät in nur geringem Maße gerecht."

 

Lösungsvorschläge der Studie

Dabei hat die ASAMANS-Studie allerlei Lösungsvorschläge parat:

  • Exkursionen an den Wannsee
  • Umbennungen von Stationen und Wegen des Klinikums
  • Bücher-Geschenke an die Studierenden
  • neu konzipierte Seminare

Es muss sich aber nicht nur die Medizinische Fakultät der HU in Berlin den Vorwurf gefallen lassen, die eigene Standesgeschichte zu wenig transparent und kritisch zu lehren. An der ältesten deutschen Universität sieht es anscheinend nicht viel anders aus: Professor Wolfgang Eckart, Leiter des Instituts der Geschichte der Medizin in Heidelberg, gibt zu: "Die Geschichte der Medizin hat einen schweren Stand. Das fängt schon mal damit an, dass unsere Hauptvorlesung, die es ja durchaus gibt, teilweise parallel zu anderen Kursen gelegt wird."

 

Geschichtsvermittlung im Fach Terminologie

In Heidelberg versucht er deshalb seit längerem sogar die Lateinkurse am Anfang des Studiums dazu zu benutzen, den Studenten einen Einblick in die Medizin des Nationalsozialismus zu geben.

"Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die erstaunten Augen und offenen Münder, die ich mit meinen Darstellungen beispielsweise der Euthansieverbrechen ernte, auch an anderen Universitäten zu beobachten sind." Genaue Zahlen gibt es bisher nicht. Die Studierenden wissen einiges zum Zweiten Weltkrieg, zu Hitler und Goebbels und zum Holocaust." Aber über Euthanasie und Menschenversuche? Fast nichts.

Er bestätigt das große Interesse auf Seiten der Studierenden: Seminare und Hadamar-Exkursionen seien – wenn sie denn mal angeboten wurden – gut besucht gewesen, so Eckart. Das strukturelle Problem sieht er ebenso, aber: "In den letzen Jahren wurden sogar einzelne Fragen zu diesem Thema in den Staatsexamina gestellt." Ein geradezu winziger Erfolg, wenn man weiß, dass insgesamt nur 4 Fragen von 220 zur Geschichte der Medizin gestellt werden.

 

Von Kollegen als Nestbeschmutzer diffamiert

Gegenwind kommt leider auch aus einer ganz anderen Richtung: Sein Engagement auf dem Gebiet der Heidelberger Beteiligung in Euthanasieverbrechen und Menschenversuche löst immer wieder Anfeindungen aus. Selbst Kollegen wollen davon nichts mehr hören. Nestbeschmutzer könne man nicht brauchen. Das wirft eine ganz andere Frage auf: Wie sieht es mit dem Wissen um diese Verbrechen allgemein in der Ärzteschaft aus? Und: Gibt es überhaupt einen Konsens über die Vermittlung der eigenen Standes-Vergangenheit? "Es gab bislang keine Studie dazu", bedauert Eckart.

 

Anfragen von anderen Unis

Wolfgang Eckart überlegt nun, den Fragebogen des Berliners Langkafel zu übernehmen, um auch in Heidelberg wissenschaftlich belegen zu können, wie mangelhaft das Wissen der künftigen Ärzte ist. Dass ein Studierender der Medizin im Zeitalter ständiger Ethikdebatten sein Studium absolvieren kann ohne je mit den schlimmsten Auswüchsen medizinischer Forschung konfrontiert worden zu sein – "Das kann doch eigentlich nicht sein!"

Peter Langkafel sitzt derweil in Berlin und wartet auf genau solche Anfragen. Die blieben bisher allerdings aus. Interesse an der Verwendung des in Berlin erstellten Fragebogens bekundete nur eine einzige staatliche Stelle – eine israelische Universität.

Erstelldatum des Artikels: Juni 2002

 

Linktipp

Im August 1943 wurden 86 jüdische Frauen und Männer aus 8 europäischen Ländern für eine Skelettsammlung ermordet - August Hirt, zuletzt Anatomieprofessor in Straßburg, war der Initiator der Ermordungen. Jahrzehntelang kannte niemand die Namen geschweige denn die Biografien der 86 Opfer. Der Journalist Hans-Joachim Lang hat nach langen und akribischen Recherchen alle Namen herausgefunden und darüber ein Buch veröffentlicht - über die Opfer, die Täter und das Geschehen damals. Viele Informationen lassen sich auch auf der zugehörigen Internetseite nachlesen:

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