• Fachartikel
  • |
  • via medici
  • |
  • 09.06.2017

Suizidalität bei Medizinstudierenden

Das Medizinstudium ist oft extrem herausfordernd. Bei manchen Studierenden geht das auf die seelische Gesundheit und führt im schlimmsten Fall zum Selbstmord.

 

 

Mit dem Studienplatz in Medizin ging für Ariane* ein Traum in Erfüllung. Kranken Menschen helfen und Gutes tun – das würde sie glücklich machen. So einfach ihr das Abi fiel, so hart traf sie der Lernstoff im ersten Semester. Stundenlang saß sie hinter ihrem Schreibtisch und scheiterte dann doch an der großen Anatomie-Klausur. Im gleichen Zeitraum erkrankte auch noch ihre Schwester an Blutkrebs – all die Sorgen schlugen sich auf Arianes Seele nieder und irgendwann konnte sie morgens nicht mehr aufstehen. Alles war dumpf und ihr kam zum ersten Mal der Gedanke, ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Ariane repräsentiert eine aus 10 Medizinstudierenden, die schon einmal Selbstmordgedanken gehegt haben [1]. Zum Glück merkte ihre beste Freundin sehr schnell, dass mit ihr etwas nicht stimmt, suchte das Gespräch und überredete sie schließlich eine Therapie zu machen.

Wie häufig ist Suizid unter Medizinstudierenden?

In einer im JAMA Journal veröffentlichten Studie [1] berichten die Forscher, dass 27,2% der 122.356 Teilnehmer schon einmal an Depressionen erkrankt sind oder waren – deutlich mehr als in der Durchschnittsbevölkerung. Etwa 11% der Teilnehmer gaben an, schon einmal einen Selbstmordgedanken gehabt zu haben.

Studienleiter Douglas Mata erzählt: "Die meisten Menschen mit Suizidgedanken begehen letztendlich akut keinen Versuch. Dennoch erhöhen diese Gedanken die Wahrscheinlichkeit eines Selbstmordversuchs innerhalb des folgenden Jahres um das 10 bis 100 fache."

Warum sind Medizinstudierende besonders häufig von Selbstmordgedanken betroffen?

Mata untersucht schon seit den 70er Jahren die mentale Gesundheit von Medizinstudierenden auf der ganzen Welt. Vergleicht man die Ergebnisse, sieht man immer das gleiche Bild: die Selbstmordraten steigen nicht, aber sie fallen auch nicht.

Die Daten zeigen, dass die Studierenden vor ihrem Medizinstudium oftmals eine bessere mentale Gesundheit haben als Studierende anderer Studiengänge. Doch das ändert sich mit dem Eintritt ins Medizinstudium. Auslöser sind Stress, Schlafmangel, Konkurrenzdruck, traumatische Erlebnisse in der Patientenversorgung und die Tatsache, dass sie oft weit entfernt von ihrer Familie studieren. Zudem sind Medizinstudierende oft extrem perfektionistisch und machen sich selbst sehr viel Druck gute Noten zu schreiben. In Ländern wie etwa den USA kommt noch die finanzielle Belastung dazu, da das Studium extrem teuer ist und die Studierenden meist Kredite aufnehmen müssen.

Assistenzärztin Kerstin* war vor drei Jahren kurz davor, sich das Leben zu nehmen. Schon früh im Studium bekam sie Essstörungen, Depressionen und Angstzustände. Die Anforderungen in den Kursen machten ihr zu schaffen und sie hatte ständig das Gefühl, ihre Leistungen könnten nicht ausreichen. Als ihr dann in einer Famulatur ein Oberarzt sagte, sie würde das Studium niemals schaffen, war das fast der Todesstoß für sie. Gerettet hat sie die Psychologin der Uni Beratungsstelle. Einmal die Woche hat sie sich mit ihr und anderen Betroffenen ausgetauscht, hat zusätzlich eine Psychotherapie gemacht und gelernt mit ihren Ängsten umzugehen.

 

Hilfe holen, bevor es zu spät ist

Beratungsstellen gibt es in Deutschland an allen Unis und man sollte sich nicht scheuen, Hilfe anzunehmen – je früher, desto besser. Manche Unis gehen sogar noch weiter: Die St Louis University School of Medicine in Missouri, USA, hat sogar ihr Curriculum geändert, um den Druck auf die Medizinstudierenden zu verringern. So haben sie etwa die Vorlesungsstunden reduziert, das Benotungssystem geändert und bieten Seminare zum Thema Achtsamkeit an.

       

"Athleten wissen schon lange, dass sie nur 100% Leistung bringen können, wenn sie ihrem Körper immer wieder Ruhephase gönnen", sagt Kerstin. "Daran sollten sich Medizinstudierende ein Beispiel nehmen, denn es ist schlichtweg unmöglich 6 Jahre lang alles zu geben, ohne das die Psycho und der Körper leiden. Gönnt euch Ruhepausen und wenn nötig auch mal ein Freisemester. Achtet und hört auf euch selbst, damit ihr später glückliche Ärzte werden könnt."

 

*Name von der Redaktion geändert

 

[1] Rotenstein LS, Ramos MA, Torre M, et al. Prevalence of depression, depressive symptoms, and suicidal ideation among medical students. JAMA 2016;316:2214-36.

Mein Studienort

Medizinstudenten berichten aus ihren Unistädten

Werde Lokalredakteur Die Unistädte auf Google Maps
Medizin im Ausland

Erfahrungsberichte und Tipps aus über 100 Ländern

Erfahrungsbericht schreiben Auslands-Infopakete