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  • Claudia Ley
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  • 18.12.2014

Brief aus der Praxis, Nr. 20: Traumberuf Arzt?

Seit nun gut zwei Jahren teilt Claudia ihre Erfahrungen in der Inneren Medizin in ihren Praxisbriefen mit euch. An Spannung und Begeisterung ihrerseits, hat es darin wohl nie gefehlt. Doch nun will sie dem Fachgebiet den Rücken kehren.

 

Claudia Ley

 

Ich gestehe, nach dem Studium war ich selber recht unschlüssig, in welche Richtung es mit mir weitergehen sollte. Alles an der Medizin schien mir interessant, nichts stieß mich wirklich ab, allerdings zog mich auch nichts unwiderstehlich an.

Schon während des PJs stand ich vor diesem Problem, und entschied mich deshalb für das Wahlfach Allgemeinmedizin. Da hatte ich von allem etwas und fände vielleicht den entscheidenden Anstoß für meinen weiteren beruflichen Werdegang. Na ja, es war dann auch ganz interessant. Aber auch nicht wirklich das Non-plus-Ultra, das ich unbedingt weiter verfolgen wollte. Ich war also genauso weit wie vorher. Wollte mich unbedingt noch verbessern, meine Kenntnisse auf dem unendlichen Gebiet der Medizin erweitern und vor allem: eine gute Ärztin werden. Aber worin?

Meine Entscheidung für eine Stelle in der Inneren Medizin geschah schließlich aus Pragmatismus heraus: Ganz egal, wohin es mich später noch verschlagen sollte, eine gewisse Grunderfahrung als Internistin würden bestimmt nicht schaden. Zudem ließe sich diese Weiterbildungszeit auch auf vielen anderen Fachgebieten anrechnen.
Wie ihr in meinen bisherigen Briefen lesen konntet, habe ich diesen Schritt auch nie bereut, im Gegenteil, das Fach begeisterte mich mehr und mehr, sodass ich insgeheim bereits plante, als Facharzttitel den allgemeinen Internisten anzustreben. Ich darf euch zunächst nochmals erzählen, was mir so gut an meiner Tätigkeit gefiel, bevor ich auf die negativen Seiten eingehen werde, die mich schließlich zum Aufhören zwangen.

Aus meiner Sicht ist der Arzt fast auf keinem anderen Fachgebiet derart auf seine sechs Sinne angewiesen, wie in der inneren Medizin. Ich muss mir den Patienten ansehen, seinen Aussagen zuhören, einzelne Körperpartien palpieren, seine Ausdünstungen beachten, die möglicherweise bereits auf einen Harnwegsinfekt hinweisen oder einfach nur bestätigen, dass eine körperliche Verwahrlosung vorliegt. Zur Vervollständigung der Anamnese bedarf es zudem eines gewissen rhetorischen und psychologischen Geschicks. Die Wahrnehmung und Interpretation des Kranken ist in meinen Augen eine hohe Kunst, die sich nicht von heute auf morgen erlernt, sondern einiger Erfahrung bedarf. Zumal auf dem Entscheidungsweg von Diagnostik und Therapie oft eine gewisse Intuition gefordert ist.

Gerade diese Herausforderung lockte mich, dieses "Detektivspiel", bei dem ich auf keiner Ebene meiner Sinneswahrnehmungen versagen durfte. Nichts ist schöner, als die Euphorie, die sich einstellt, wenn der "geschulte" Blick im Lauf der Zeit das Problem des Patienten schon früh erkennt, Diagnostik und Therapie gezielt und zeitnah die Diagnose bestätigen und der Chefarzt anerkennend dazu nickt. Es fühlt sich toll an, gebraucht zu werden, zu wissen, dass meine Arbeitskraft nicht so schnell zu ersetzen wäre, jeden Tag ein riesiges Arbeitspensum zu bewältigen und stolz und zufrieden darauf zurückzublicken.

Es fühlt sich toll an, in dankbare Patientengesichter zu blicken, einen zuvor schwer kranken Menschen gesund nach Hause zu entlassen, Lob von den Angehörigen für das entgegengebrachte Engagement zu erhalten. Ich bin keine Göttin in Weiß, aber ich bin die Frau Doktor. Die, die helfen kann, die immer eine Lösung findet. Die man bewundert für ihre Kraft, Ruhe und Zuversicht, die sie ausstrahlt. Der man vertraut, weil sie so viel weiß und einen kompetenten Eindruck macht.

Leider folgt nun das große Aber: ich bin nicht ruhig und zuversichtlich, ganz im Gegenteil, ich bin oft völlig verunsichert, völlig unwissend und habe oftmals Angst. Angst, dass ich einen Fehler mache. Angst, dass der Patient einen Schaden davon trägt. Angst, dass ich etwas Entscheidendes übersehe. Und das passiert schnell im Stationsalltag, denn die Informationen prasseln von allen Seiten auf mich ein, die Schwester informiert mich über plötzlich aufgetretene Thoraxschmerzen von Patient X, während ich gerade bei Patient Y auf eine Hyperkaliämie von 6,5 mmol/l stoße und mich ein aufgeregter Radiologe am Telefon über einen dringend operationsbedürftigen Bridenileus benachrichtigt. Drei Patienten warten noch auf ihren Entlassungsbrief, zwei weitere sollen noch aufgenommen werden. Röntgenbesprechung um 12:00. Die Pflege ist verärgert, weil ich meine Anordnungen für den Folgetag noch nicht vorgenommen habe.

Vor meiner Tür steht eine energische junge Frau, die Tochter von Frau G., die endlich wissen will, was eigentlich mit ihrer Mutter passiert. Und zwar nicht einfach mal so husch husch, sondern ausführlich. Herr R. weigert sich, seine Medikamente einzunehmen, weil ihm der Arzt zuerst erklären soll, was das denn genau ist. Dass ich ihm Sinn und Zweck seiner Medikation vor zwei Stunden während der Visite bereits erklärt habe, hat er im Rahmen seiner Demenzerkrankung schon wieder vergessen.

Immer öfter ertappe ich mich bei dem Wunsch, Patienten und ihre Angehörige einfach auf den Mond zu schießen: One-way-ticket, no return. Abends leide ich zunehmend unter zermürbenden Spannungskopfschmerzen, Aspirin wird zu einer Art Grundnahrungsmittel. Am schlimmsten empfinde ich jedoch die Dienste mit ihren wechselnden Arbeitszeiten. Insbesondere nachts bin ich quasi arbeitsunfähig. Mein Kreislauf fährt Punkt 22 Uhr runter, muss ich trotzdem wach bleiben, stellt sich eine Art Dauer-Schüttelfrost bis zum Morgen-grauen ein. Mir ist kalt, ich bin müde, kann nicht klar denken, stehe ratlos vor meinen Patienten und bete insgeheim, dass sich nicht allzu viele Notfälle während meiner Nachtdienste ereignen.

Dann naht auch schon wieder das nächste Wochenende, das nicht zum Erholen, sondern zum Arbeiten gedacht ist: gerade die Bereitschaftsdienste haben es oftmals ganz schön in sich, denn wenn es hoch her geht, deckt ein Einzelner einfach nicht den Bedarf ab, denn sonst werktags fünf Kollegen abdecken. Bei mir kam dann irgendwann der Moment, ab dem ich morgens nicht mehr aufstehen wollte, nicht mehr ins Krankenhaus fahren wollte, keine Patienten mehr sehen wollte. Irgendetwas war in mir zerbrochen.

Mit meinem Freund wechselte ich abends kaum noch ein Wort, wollte einfach nur meine Ruhe haben. Träumte manchmal davon, einfach für immer einzuschlafen, nie mehr aufzuwachen, nie mehr dieser tagtäglichen, mir immer größer scheinenden Herausforderung auf Station gegenüberzustehen.

Und dann habe ich es getan: gekündigt. Ohne Anschlussstelle. Verzweifelt, weil ich nicht wusste, wie ich die zwei Monate bis fristbedingtem Vertragsende noch durchhalten sollte. Gott sei Dank nahm mir die Entscheidung zur Kündigung aber eine große Last von der Seele, sodass mir die Arbeit plötzlich wieder erstaunlich leicht fiel: ich wusste nun, dass es bald ein Ende hatte. Auch erleichtert, dass mir weder Vorgesetzte, noch Kollegen den plötzlichen Abschied übel nahmen, denn gerade sie waren für mich lange der ausschlaggebende Faktor gewesen, weiter durchzuhalten.

Ich möchte dabei betonen, dass die Klinik, an der ich gearbeitet habe, sowie meine Mitarbeiter dort keinerlei Schuld an der Situation hatten, ganz im Gegenteil. Ich bereue keine Sekunde, die ich in der Inneren Medizin verbracht habe, und es ist gut möglich, dass ich eines Tages in irgendeiner Form wieder dorthin zurückkehren werde.

Ähnlich wie nach dem Studium stand ich nun jedoch wieder vor der Entscheidung: wie nun weiter?
Aktuell will ich, einmal den Mut zum Ausstieg gefunden, nochmal eine ganz andere Fachrichtung "probieren". Weit weg von den Patienten, trotzdem nah dran am klinischen Alltag. Ohne Nacht- oder Wochenenddienste. Um es kurz zu machen: Ich bin in der Pathologie gelandet, wo ich gerade meine ersten Erfahrungen mit Zuschneiden und Aufarbeiten von Präparaten, sowie deren mikroskopische Untersuchung sammele.

Erstes Fazit: Auch hier ist es spannend, insbesondere, da Einsendungen von nahezu allen anderen Fachrichtungen eingehen. Von Darmpolypen bis zu Unterschenkelamputaten, von Abortmaterial bis Cholesteatom, das Spektrum ist immens breit. Auch hier gilt es, den Detektiv zu spielen: Was vermute ich nach makroskopischer Begutachtung als Ursache der beschriebenen Symptome, wie und wo entnehme ich also Material zur Einbettung und pathohistologischen Beurteilung? Was für eine Färbung wäre hierfür hilfreich? Könnte eine immunohistochemische Aufarbeitung weiterhelfen?

Ihr seht schon, ich habe mich in meiner neuen Arbeitsumgebung bereits gut eingelebt und erfreulicherweise auch zu meiner ursprünglichen Begeisterung für die Medizin zurückgefunden. Macht euch also auf weitere Briefe aus der Praxis, in Zukunft wohl eher mit pathologischem Inhalt, gefasst.

 

Es grüßt euch bis dahin voller Vorfreude,
Eure Claudia

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