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  • Daniel Stein
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  • 14.08.2019

Wie menschlich darf ein Arzt sein?

Als Arzt bewegt man sich stets auf schmalem Grat zwischen Freund und Fremdem, der Mittelweg ist oft nur schwer zu finden. Empathie ist wichtig in der Arztwelt, zu viel davon jedoch nicht gern gesehen. Spricht Mitgefühl für einen guten oder gar schlechten Arzt? Wie weit kann man gehen, ohne dem Patient oder sogar sich selbst zu schaden?

Die letzte Nachricht

Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Tag meiner ersten Famulatur. Ich schloss mich dem Oberarzt zur Visite an. Nach einem recht langen Rundgang trafen wir auf den letzten Patienten auf unserer Liste: ein 50-jähriger verheirateter Mann, bei dem vor Kurzem ein Adenokarzinom im Pankreaskopf diagnostiziert wurde. Er sollte seine erste Chemotherapie erhalten. Seine Frau stand uns gegenüber und berichtete, sie habe kürzlich ihre Tochter bei einem Unfall verloren. Nun bange sie um ihren Mann. Sie machte keinen traurigen Eindruck, eher einen selbstsicheren. 

Während wir mit der Chemotherapie begannen, drehte sie sich zu ihrem Mann und sagte: “Du schaffst das! Es wurden nicht einmal Metastasen gefunden, du musst nur noch die Chemo überstehen! Du lässt mich gefälligst nicht im Stich. Ich werde nicht alleine zuhause sitzen nach allem was passiert ist. Und wir haben eine Kreuzfahrt für August gebucht. Wer soll mich begleiten, wenn du nicht mehr hier bist?“ Sie tat so, als wäre sie emotional kaum betroffen, ich habe aber gesehen, dass sie den Tränen nah war.

Die bittere Realität

Leider wissen nur wenige, wie fatal die Diagnose eines Pankreaskarzinom sein kann. Metastasen bestehen in den meisten Fällen, sind jedoch zu klein um zum Zeitpunkt der Diagnose erkannt zu werden und erscheinen erst später im Verlauf. Die Lebenserwartung ist daher oftmals sehr gering.

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf war mein Mitgefühl stärker denn je. Sich vorzustellen, einen geliebten nahestehenden Menschen mit so etwas konfrontiert zu sehen oder gar plötzlich zu verlieren, muss ein grausames Gefühl sein. Als Arzt darf man aber nicht parteiisch werden, man muss Stärke und Ausdauer symbolisieren, um dem Patienten einen Hoffnungsschimmer zu geben. Oder? So hat der Chefarzt, ohne seine Miene zu verziehen, den beiden den Ablauf der kommenden Monate beschrieben und zeigte sich gefühlsmäßig neutral.

Aber ist das wirklich, was ein Patient braucht?

Wie menschlich darf man sein?

Schwäche zu zeigen gilt noch immer als Stigma, nicht nur im Arztberuf. Ob es nun emotionale Schwäche ist oder einfach die Tatsache, dass wir etwas nicht wissen. Zum einen ist die Gesellschaft selbst dafür verantwortlich, die uns vermittelt, dass Schwäche oft ausgenutzt wird. Andererseits darf man auch nicht vergessen, dass viele Ärzte sich selbst schützen wollen, damit sie ihren Beruf ausüben können ohne jede zweite Minute in Tränen auszubrechen.

Aber kann das nicht mit der Zeit zu einer Entfremdung und Empathielosigkeit führen? Ist die Kluft zwischen Arzt und Patient nicht schon groß genug, wenn man bedenkt, dass ein Arzt weniger als 12 Minuten Zeit für einen einzelnen Patienten hat? Viele Faktoren zwingen uns dazu, schnell und effektiv zu arbeiten, das Menschliche bleibt oft außen vor.

Diese Kluft zu schließen, erfordert mehr als nur Empathie. Es ist ein guter Schritt, sich selbst treu zu bleiben, um humane Entscheidungen fällen zu können, in denen wir auch Fehler zugeben dürfen. Es ist wichtig, ein gutes Vertrauensverhältnis mit den Patienten zu schaffen. Das kann uns dabei helfen, Sorgen und Kummer des Patienten zu verstehen und darauf fachmännisch einzugehen. Dazu müssen wir uns aber eingestehen, dass wir auch Patienten gegenüber diverse Gefühle haben, die hin und wieder zum Ausdruck kommen und das auch dürfen.

Mein Appell an dich

Lass dich menschlich nicht von diesem Beruf unterkriegen und abstumpfen. Sei die Person, die du für deine Patienten sein möchtest, ohne dich dabei schlecht zu fühlen. Das heißt nicht, fachlich etwas einbüßen zu müssen. Aber nimm dir die Zeit, deinen Patienten zuzuhören und auch auf Ihre Gefühle einzugehen. Sei dir stets bewusst, dass viele Patienten mit einer schweren Lebenslage konfrontiert sind, und nicht nur einen Arzt brauchen, der sie fachlich gut betreut, sondern auch jemanden, der zuhört und das Gefühl vermittelt, zu verstehen und auf Augenhöhe zu kommunizieren. Denn wir alle würden uns wohl einen solchen Arzt wünschen, wären wir auf der anderen Seite.

 

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