• Artikel
  • |
  • Julia Rojahn
  • |
  • 30.08.2017

Wo ein Kläger, da ein Richter

Nach einer spät diagnostizierten Appendizitis beschwert sich der Patient über die behandelnde Ärztin. Sie wird vor die Gutachterkommission der Ärztekammer geladen. Und obwohl sie sich nichts vorzuwerfen hat, wird das Verfahren eines ihrer unangenehmsten beruflichen Erlebnisse.

 

 

Montag morgen, Dienstbeginn für Katja Dornquast[*] auf der gastroenterologischen Station. Sie ist im 4. Jahr ihrer Weiterbildung, die Routine auf Station ist ihr schon in Fleisch und Blut übergegangen. Mit dem Kollegen vom Nachtdienst bespricht sie, was ansteht, und fragt dann die Schwestern nach dringenden Anliegen. „Schau dir als erstes mal Herrn Cengiz in Zimmer 412 an“, sagt eine zu ihr. „Der ist am Wochenende gekommen und soll nachher eine Gastroskopie bekommen – die er ablehnt.“

 

Unklare Bauchschmerzen

Dr. Dornquast schaut in die Unterlagen: Yessin Cengiz war am Freitag Abend wegen Bauchschmerzen gekommen. Am Samstag hat der Oberarzt einen Ultraschall gemacht: unauffällig. Auch Temperatur und Blutwerte waren im Normbereich – mit ganz leichter Erhöhung der Entzündungszeichen. Starke Schmerzen hatte er aber nach wie vor und auch einmal erbrochen. Daher haben die Kollegen ihn übers Wochenende dabehalten, Schmerzmittel gegeben und eine Magenspiegelung für heute angesetzt. „Na, dann wollen wir mal sehen, warum er die nicht will“, denkt die Ärztin und geht zu seinem Zimmer.

 

Unwilliger Patient

„Er war recht jung“, erinnert sie sich, „so um die 30.“ Und momentan sehr erbost: „Was soll das, warum bekomme ich kein Frühstück?“, legt er los. „Ich habe keine Schmerzen mehr, ich will keine Magenspiegelung, ich will nach Hause!“ Dornquast setzt sich ans Bett und bemüht sich um einen ruhigen Tonfall. Klärt ihn noch einmal über die Gastroskopie auf und dass man schauen muss, was los ist. Der Patient lehnt trotzdem ab: „Ich hab nichts im Magen, das merke ich!“

Der Ärztin bleibt nichts anderes übrig, als zu notieren, dass er die Untersuchung nach Aufklärung über die möglichen Risiken ablehnt. Beide unterschreiben. „Soweit war es ein Standardfall“, meint sie. Der Patient ist beschwerdefrei, der Oberarzt selbst hatte einen Ultraschall gemacht und nichts gefunden. Cengiz macht Anstalten, seine Sachen zu packen.

 

Blutwerte alarmierend

Katja Dornquast sieht schnell nach, was heute noch geplant war: Eine weitere Blutentnahme und noch ein Ultraschall. Ob er das noch mitmacht? Sie schlägt vor: „Lassen sie mich wenigstens noch einmal Blut abnehmen. Wenn die Werte in Ordnung und Sie beschwerdefrei sind, können Sie gehen.“ Sie tastet den Bauch ab: Er ist weich und unauffällig. „Er musste gerade im schmerzarmen Intervall gewesen sein“, meint sie im Nachhinein, „vielleicht war der Blinddarm da schon perforiert.“

Nachdem sie das Blut als „eilig“ zum Labor gegeben hat, steht für die Ärztin zunächst der übliche Montagmorgen-Betrieb auf Station an. Keine Stunde später kommt ihr Yessin Cengiz auf dem Gang entgegen: „Ist das Ergebnis da?“, ruft er schon von Weitem. „Kann ich endlich gehen?“ Sie ist allmählich genervt, wortlos geht sie zum Computer. Tatsächlich sind die Werte gerade gekommen – und nicht gut: Leukozyten und CRP sind massiv angestiegen. Der äußere Eindruck einer Besserung trügt also.

 

Entlassung gegen ärztlichen Rat

Sie erklärt dem Patienten die Situation und schlägt vor, einen neuen Ultraschall zu machen und die Chirurgen hinzuzuziehen. Obwohl ihr Gegenüber ärgerlich abwinkt, versucht sie, freundlich zu bleiben. „Der hat was“, denkt sie, „den musst du irgendwie überreden.“ Das kommt allerdings nicht gut an: „Ich habe keine Beschwerden mehr, ich will nach Hause!“, protestiert Herr Cengiz. Dr. Dornquast ist langsam mit ihrem Latein am Ende. „Sie müssen zumindest unterschreiben, dass Sie gegen ärztlichen Rat gehen“, sagt sie. Damit ist er sofort einverstanden.

Auf dem dafür vorgesehenen Bogen ergänzt sie noch, dass sie ihn bei unklarer Erkankung gehen lässt, dass es theoretisch eine Blutung sein kann, eine Hohlorganperforation oder auch eine Entzündung. Und vor allem: Dass er überwacht werden muss. Yessin Cengiz liest ungeduldig den Text durch und unterschreibt. „Dann wollte er gleich zurück ins Zimmer, seine Sachen holen“, sagt Dr. Dornquast. Sie erklärt ihm, dass er noch auf den Entlassbrief warten müsse. „Ich schreibe ihn per Hand“, verspricht sie, „das geht schneller.“

Nach wenigen Augenblicken ist er zurück, die gepackte Tasche unterm Arm. Dornquast beendet den Brief und legt Untersuchungs- und Laborbefunde bei. Als sie ihm die Hand drückt und alles Gute wünscht, sagt er: „Ich brauche auch noch Schmerzmittel zum Mitnehmen.“ Dornquast stutzt. „Das ist aber komisch“, meint sie, „Sie haben doch gesagt, Sie hätten keine Schmerzen mehr?“ Doch, ein bisschen täte es noch weh, und sie hätte ja auch gesagt, dass er irgend etwas hätte.

„Ich gebe Ihnen definitiv keine Schmerzmittel“, erwidert die Ärztin. „Sie gehören ins Krankenhaus, und wenn Sie das nicht wollen, kann ich Ihnen auch keine Medikamente mitgeben.“ Den zweiten Grund für ihre Weigerung nennt sie ihm nicht: „Ich wollte nicht, dass wir irgendeine Symptomatik verschleiern“, sagt sie. „Und die Schmerzen wären hoffentlich ein Grund mehr für ihn, noch am gleichen Tag den Hausarzt aufzusuchen.“ Yessin Cengiz geht ohne weitere Diskussion. Dr. Dornquast ist halb erleichtert, halb besorgt.

 

Ärger mit der Hausärztin

Und tatsächlich: Schon am Mittag kommt ein Anruf von seiner Hausärztin. Da sei ein schwerst schmerzgeplagter Patient in ihrer Praxis – wie hätte sie den denn gehen lassen können? „Haben Sie den Brief nicht gelesen?“ fragt Dornquast zurück. „Er hat hier gesagt, er sei praktisch beschwerdefrei. Andererseits wollte er zwar noch Schmerzmittel mitnehmen – auf jeden Fall wollte er aber gehen und keine weiteren Untersuchungen.“ Die Hausärztin klingt überrascht: „Er hat mir erzählt, Sie hätten nur eine Magenspiegelung machen wollen, und wenn er die nicht machen ließe, könne er gleich gehen.“

So ginge das nicht, fährt sie fort, er hätte jetzt eindeutig Schmerzen im Unterbauch, und es könne ja durchaus der Blinddarm sein. Was Dornquast nur bestätigen kann. „Gut“, meint daraufhin die Hausärztin, „ich weise ihn gleich wieder ein – aber direkt in die Chirurgie!“

 

Noch am Abend operiert

Am nächsten Tag fragt Katja Dornquast auf der Chirurgie nach: Cengiz hatte tatsächlich eine perforierte Appendizitis mit Peritonitis und ist noch am vorigen Abend operiert worden. Schon die Blutwerte seien bei der Aufnahme so schlecht gewesen, dass eine OP eindeutig nötig gewesen sei.

„Warum musste der morgens auch unbedingt gehen?“, denkt sich Dornquast. Wäre er geblieben, hätte man das Ganze ein paar Stunden beschleunigen können. Sich selbst macht sie keine Vorwürfe: „Ich weiß nicht, was ich hätte anders machen sollen.“ Auch mit einem Nachspiel rechnet sie nicht – solche Fälle gibt es schließlich immer wieder, gerade beim Blinddarm. Später führte ihre Klinik zwar die Regel ein, dass jeder Patient mit Bauchschmerzen einem Chirurgen vorgestellt wird. „Aber am Wochenende hätten auch die Chirurgen noch nichts im Ultraschall gesehen“, ist sich die Internistin sicher.

 

Patient beschwert sich bei der Ärztekammer

Wochen später bekommt sie einen Brief von der „Gutachterkommission für Fragen ärztlicher Haftpflicht“ ihrer Bezirksärztekammer. Es geht um Herrn Cengiz: Ihr wird ein Behandlungsfehler vorgeworfen, weil sie den Patienten hat gehen lassen. „Bei Kollegen hatte ich zwar schon mitbekommen, dass sie zur Gutachterkommission mussten“, erzählt sie, „aber selbst vorgeladen zu werden, war ein Schock.“ Sie soll eine Stellungnahme zu dem Fall verfassen. Auch der Termin für die „mündliche Erörterung“ steht schon fest.

Zwar ist sie weiterhin überzeugt, bei der Behandlung nichts falsch gemacht zu haben – aber kann sie sich wirklich an jedes Detail im Ablauf erinnern und sich dafür rechtfertigen? Sie weiß noch nicht einmal, was der Patient ihr genau vorwirft. „Die folgenden Wochen ging mir das nicht mehr aus dem Kopf“, berichtet die Ärztin. Stundenlang brütet sie über ihrer schriftlichen Stellungnahme. Auch ihren Kollegen erzählt sie von der Beschwerde. „Ja, so kann's gehen“, hört sie von den Erfahreneren. „Du hast ihn ja unterschreiben lassen, oder?“ Hat sie – aber ob das der Kommission reichen wird? Ein Trostpflaster: Ihr Chef will mitkommen zur Kommission – obwohl er den Patienten nicht selbst gesehen hat.

 

Termin bei der Kommission

Schließlich ist es soweit: Nach einem anstrengenden Arbeitstag steht Katja Dornquast gegen 18 Uhr im Gebäude der Bezirksärztekammer. Mit einem flauen Gefühl im Magen und nagenden Fragen im Kopf. „Immer dachte ich: Können die Gutachter mir aus irgendwas einen Strick drehen? Was, wenn der Patient alles ganz anders darstellt, als es war – wenn er wieder behauptet, ohne Magenspiegelung hätte er nicht bleiben dürfen?“ Wie soll sie beweisen, dass es anders war?

Vor dem Tagungsraum der Kommission stehen ein paar Stühle auf dem Flur. Auf einem sitzt schon ihr Chef, auf dem anderen ein niedergelassener Arzt, den sie kennt. Sein Fall ist noch vor ihrem dran, sie müssen über eine Stunde warten. „Das hat mich ziemlich zermürbt“, sagt Dr. Dornquast. Sie weiß zwar, dass die Kommission nur ein Gutachten verfasst und kein gerichtliches Urteil fällt. „Aber ich kannte ein oder zwei Kollegen, bei denen auf Grundlage des Gutachtens ein Zivilverfahren wegen Schadenersatz folgte“, sagt sie. Und dass dann ein Vorgesetzter für die Fehler eines Assistenzarztes einsteht oder man aufgrund seines Ausbildungsstatus großzügiger behandelt wird, hat sie noch nicht gehört.

Endlich werden sie hineingerufen. An einem Tisch sitzen die 3 Kommissionsmitglieder: ein Jurist, ein Niedergelassener und ein Klinikarzt aus der betreffenden Fachrichtung – heute also ein Gastroenterologe. Katja Dornquast nimmt ihnen gegenüber Platz. So muss sich die Anklagebank anfühlen. „Eigentlich war ich mir ja sicher, richtig gehandelt zu haben“, erinnert sie sich, „trotzdem fühlte ich mich auf einmal ganz schuldig.“

Sie muss alles noch einmal aus ihrer Sicht erzählen. Erst mitten drin wird ihr bewusst, dass Herr Cengiz gar nicht erschienen ist. Trotzdem fragen die 3 Herren inquisitorisch nach: „Hätten Sie den Patienten nicht irgendwie dabehalten können? Haben Sie wirklich alles versucht, ihn zu überzeugen und über alles genau aufgeklärt?“ Die Stimmung ist ernst, keiner macht Anstalten, sie aufzulockern. Von dem kollegialen Zusammenhalt, den Ärzte sonst oft Patienten gegenüber zeigen, ist nichts zu merken.

 

Rechtfertigungsdruck

„Sehr unangenehm war, als sie mir meinen unter Druck hastig per Hand geschriebenen Entlassbrief unter die Nase hielten“, erzählt Dornquast. „Da hatte ich nicht extra erwähnt, dass er noch am gleichen Tag zur Hausärztin soll.“ Gesagt hatte sie es ihm natürlich. „Aber das hätten Sie auch im Brief schreiben müssen!“, meint eines der Kommissionsmitglieder. Zu ihrer Verteidigung fällt Dornquast nicht viel ein: „Der Patient stand hinter mir und hatte es eilig, die Schwestern wollten 50 Sachen gleichzeitig – und ich hatte ihm ja schon alles ausführlich erklärt.“ Ihr Chef wird noch gefragt, ob sie immer so gründlich dokumentiert wie in diesem Fall. Kann ihr das etwa auch nachteilig ausgelegt werden?

Das Thema wird nicht weiter vertieft, und kurz darauf ist die Sitzung auch schon vorbei. „Die schriftliche Stellungnahme bekommen Sie per Post“, sagt der Vorsitzende noch, und dann stehen sie draußen. „Schönen Abend“, verabschiedet sich der Chef.

Katja Dornquast versucht, ihre Gedanken zu sortieren. War sie überzeugend genug? Warum ist der Patient nicht gekommen? Ist es ihm nicht mehr so wichtig, oder will er sowieso vor Gericht gehen?

 

Die Verunsicherung bleibt

Wochenlang hört die Ärztin nichts. In der Klinik dokumentiert sie noch sorgfältiger. Nachts und am Wochenende ruft sie bei jedem unklaren Bauchschmerz den Chirurgen dazu. „Ich wollte mich unbedingt absichern“, sagt sie. „Auf einmal sah ich überall Anlässe für potenzielle Behandlungsfehler.“

Dann kommt der Brief: „Unserer Einschätzung nach liegt kein Behandlungsfehler vor“, lautet das Fazit. Katja Dornquast atmet auf. Sicher fühlt sie sich aber noch nicht: „Ich wusste ja nicht, ob jetzt Ruhe ist, oder ob es weitergeht“, meint sie. So wütend wie sie Herrn Cengiz erlebt hat, traut sie ihm zu, kein Mittel unversucht zu lassen. Und ein Gerichtsverfahren, weiß sie von Kollegen, kann sich über Jahre hinziehen. „Das würde mich psychisch extrem belasten“, ist sie sicher.

Zum Glück bleibt ihr ein Prozess erspart: Sie hört nie wieder etwas vom Fall Cengiz. „Aber ich habe den Eindruck, immer mehr Patienten beschweren sich“, meint sie. „Daher kann es schon gut sein, dass es mich irgendwann doch noch mal trifft.“

 


Streitschlichter ersparen Gerichtsverfahren

Ziel des Gutachterverfahrens

Das Verfahren vor den Gutachterkommissionen der Ärztekammern (z. T. auch Schlichtungsstellen genannt) dient primär dem Zweck, Streitfälle zwischen einem Patienten und dem behandelnden Arzt bzw. Krankenhaus zu schlichten. Durch eine objektive, unabhängige Begutachtung ärztlichen Handelns soll die Gutachterkommission

- sowohl dem evtl. durch einen Behandlungsfehler Geschädigten die Durchsetzung berechtigter Ansprüche erleichtern
- als auch dem Arzt die Zurückweisung unbegründeter Ansprüche ermöglichen.
Das Verfahren ist freiwillig und für die Beteiligten kostenlos.

Zusammensetzung der Kommissionen 

Die Kommissionen bestehen jeweils aus

- einem Juristen,
- einem beruflich erfahrenen niedergelassenen Arzt und
- einem Arzt, der in demselben medizinischen Fachgebiet wie der betroffene Arzt tätig ist.


Sie arbeiten ehrenamtlich, sind unabhängig und nicht weisungsgebunden. Die Landesärztekammern selbst sind an diesem Verfahren nicht beteiligt.

Meist auf Initiative des Patienten

Das Verfahren kann sowohl von Patienten als auch von Ärzten eingeleitet werden. Ganz überwiegend schalten jedoch Patienten die Kommissionen ein. Meist möchten sie dabei eine Klärung ihres Falls erhalten – also eine Antwort auf die Frage, ob sie Opfer fehlerhaften ärztlichen Handelns geworden sind, oder ob die Behandlung lege artis war. Ein Gesundheitsschaden wäre dann „schicksalhaft“.

- Oft geht es Patienten also nicht primär um Schadensersatz und Schmerzensgeld, sondern sie möchten vor allem Klarheit über die Ursachen ihres Gesundheitsschadens.


Auch eine mangelnde Kommunikation zwischen Patient und behandelndem Arzt mag vielfach Anlass für die Einschaltung der Gutachterkommission sein. Diese hat dann die wichtige Aufgabe, die Situation zwischen Patient und Arzt zu befrieden und die Auseinandersetzung möglichst außergerichtlich beizulegen.

Ablauf des Verfahrens

Um eine Entscheidung vorzubereiten, holt die Gutachterkommission zunächst Stellungnahmen der Beteiligten ein, ggf. auch der vor- und nachbehandelnden Ärzte. Die maßgebenden Unterlagen werden ebenfalls beigezogen. Ziel ist es, den strittigen Sachverhalt möglichst schnell aufzuklären. Zusätzlich kann die Kommission externe Sachverständigengutachten anfordern – Zeugen vernimmt sie dagegen nicht.

- In vielen Fällen bittet die Kommission vor der Abfassung des Gutachtens die Parteien zu einer gemeinsamen mündlichen Erörterung über Art und Verlauf der Behandlung.

In ca. 70 % der Fälle findet die Gutachterkommission keinen Behandlungsfehler.

Bescheid im Schnitt nach 9 Monaten

Die oben erwähnte Vorgehensweise bringt es mit sich, dass ein Verfahren durchschnittlich 9 Monate dauert. Es endet mit einem „unanfechtbaren“ Bescheid, der die eingeholten Sachverständigengutachten berücksichtigt, diese rechtlich bewertet und das Ergebnis eingehend begründet. Die Beteiligten erhalten neben dem Bescheid auch die Sachverständigengutachten.

- Dank dieser Transparenz akzeptieren die meisten Patienten die Entscheidung der Kommission.

Manche Patientenvertreter sehen die Gutachterkommissionen allerdings kritisch, weil an ihrer Finanzierung neben den Ärztekammern auch die Haftpflichtversicherer beteiligt sind.

Häufigster Befund: kein Behandlungsfehler

Im Jahr 2011 wurden deutschlandweit 11 107 Anträge bei den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen gestellt, das entspricht etwa der Zahl des Vorjahres. Dabei wurden 7452 Sachentscheidungen getroffen, die Gesamtzahl der Vorwürfe betrug 14 095. Die Kommissionen kamen zu folgenden Entscheidungen:

- Bei 5165 Fällen (69 %) lag kein Behandlungsfehler oder Risikoaufklärungsmangel vor.
- 2241-mal (30 %) wurde ein Behandlungsfehler und
- 46-mal (1 %) ein Risikoaufklärungsmangel festgestellt.

Wie geht es weiter?

Obwohl der Bescheid für die Beteiligten nicht bindend ist, dient er oft als Grundlage für Regulierungsgespräche mit den Haftpflichtversicherungen der Ärzte bzw. Krankenhausträger. Meist enden diese in einem außergerichtlichen Vergleich.

- Wenn die Gutachterkommission einen Behandlungsfehler festgestellt hat, ist somit nur in Ausnahmefällen ein gerichtliches Verfahren erforderlich.
- Umgekehrt lassen sich aber Patienten nicht unbedingt von einem Gerichtsverfahren abhalten, wenn der Bescheid der Kommission nicht in ihrem Sinne ausgefallen ist.

Dem Antragsteller oder -gegner bleibt es nämlich unbenommen, nach der Entscheidung einer Gutachterkommission den Rechtsweg zu beschreiten. Das Gericht kann dann das Votum der Kommission als Urteilsgrundlage nutzen – es ist jedoch im Rahmen seiner freien Beweiswürdigung nicht an die Entscheidung gebunden.

Konflikt entschieden, aber nicht unbedingt befriedet

Das Ziel, einen Streit zwischen Arzt und Patient wirklich zu befrieden, erfüllt ein Verfahren vor der Gutachterkommission allerdings nicht immer – wie im hier geschilderten Erlebnis, wo der Patient nicht mehr zur Erörterung erschienen ist. Für die Ärztin war es aber sicher wichtig, quasi offiziell vom Vorwurf eines Behandlungsfehlers „freigesprochen“ zu werden.

Jörg Bossenmayer ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Medizinrecht in der Kanzlei Hartmann Gallus und Partner in Stuttgart. Er gehört zum Experten-Panel von Lege artis. E-Mail: info@kanzlei-hgp.de

 

[*Name geändert]             

 

Schlagworte
Mein Studienort

Medizinstudenten berichten aus ihren Unistädten

Werde Lokalredakteur Die Unistädte auf Google Maps
Medizin im Ausland

Erfahrungsberichte und Tipps aus über 100 Ländern

Erfahrungsbericht schreiben Auslands-Infopakete