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  • Hendrik Bensch
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  • 04.09.2015

Ärztin in Ecuador: Von Parasiten und Schamanen

Stundenlang sind Patienten zu Fuß oder mit dem Pferd unterwegs, um sich in einer Missionsklinik im Süden Ecuadors behandeln zu lassen. Ärzte aus der ganzen Welt helfen hier den Armen.

 

Mehr als zwei Stunden war der Mann mit der tiefen Fleischwunde gewandert. Aus den Bergen durch den Urwald bis hin zur Missionsklinik im Tal. Die Machete hatte die oberen Hautschichten des Daumens tief durchschnitten. Um die Blutung zu stoppen, hatte er sich Haare von seinem schwarzen Pferdeschwanz in die Wunde gelegt. In der Klinik hatte der italienische Zahnarzt Stefano den Daumen genäht, weil an diesem Tag kein Allgemeinmediziner vor Ort war.

Eine Woche danach war der kleine Mann zur Klinik zurückgekehrt und stand nun vor Stefano. Auf dem Kopf ein kleiner schwarzer Hut, der typische Hut der Saraguros, einem indigenen Volk im Süden Ecuadors. Unter der typischen halblangen, schwarzen Hose trug er Gummistiefel für die matschigen Wege in den Bergen. In seinem von der Sonne gegärbten Gesicht stand ein Lächeln, als wollte er sagen: „War doch nur kleiner Kratzer, nicht wahr?!“

Der Mann ist einer der Patienten der Missionsklinik „Nuestra Señora de Guadalupe“. Die Klinik liegt in dem kleinen Dorf Guadalupe im Süden Ecuadors, etwa 50 Kilometer von der peruanischen Grenze entfernt. Im Jahr 2000 ist hier auf Betreiben einer Ordensschwester und des österreischen Pfarrers Georg Nigsch eine Missionsklinik entstanden. Viele Freiwillige aus
umliegenden Dörfern haben die Klinik mit aufgebaut, um den Menschen aus der Umgebung eine bessere Gesundheitsversorgung zu bieten. Seitdem arbeiten hier freiwillige Mediziner aus der ganzen Welt: Augen- und Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, Allgemeinmediziner und Zahnärzte sowie Zahntechniker (siehe Tippkasten). Viele kommen immer wieder zurück. Zusammen mit zwei ecuadorianischen Helferinnen und einer amerikanischen Koordinatorin kümmern sie sich um die Patienten. Im vergangenen Jahr kamen mehr als 7.000 Patienten über die wackelige, rote Hängebrücke auf das Missionsgelände.

 

Missionsklinik „Nuestra Señora de Guadalupe“. Morgens stehen die Patienten schon Schlange. Foto: Hendrik Bensch

 

Die ersten Patienten sind um 6 Uhr da

Morgens gegen 7.30 Uhr laufen die ausländischen Helfer mit dem Frühstück auf die Veranda ihrer Unterkunft. Sie liegt nur einen Steinwurf von der Klinik entfernt. Von dort aus hat man einen freien Blick ins Tal: Frühmorgens treiben noch kleine Wolken träge über die Hänge, so wie Wattebäusche. In den Palmen fliegen bereits Gelbbürzelkassike mit ihren knallgelben Schwanzfedern umher. Schwalben rasen über die Veranda zu ihrem Nest. Handtücher trocknen wegen der feucht-warmen Tropenluft auf den Gartenstühlen, während aus Stefanos Computer italienische Musik erklingt.

Vor der Klinik stehen bereits seit 6 Uhr die ersten Patienten an. Manche waren stundenlang zu Fuß oder mit dem Pferd unterwegs, um sich behandeln zu lassen.

 

Patienten kommen auf dem Pferd - Foto: Hendrik Bensch

Patienten kommen oft zu Pferde zur Klinik. Foto: Hendrik Bensch

 

So wie Maria Morocho*. Die 65-Jährige sitzt im schwarzen Woll-Poncho, schwarzem Überrock und mit bunter Halskette im Behandlungszimmer von Joana. Die Allgemeinmedizinerin  ist eigentlich Assistenzärztin in einer großen Berliner Klinik. Für vier Wochen ist die 31-Jährige nun in Ecuador. Viele Patienten nennen sie einfach „doctorita“, kleine Ärztin – wobei sie selbst meist größer ist als die Patienten. „Es gibt hier viele Leute, die wenig oder kein Geld für die Behandlung haben“, erzählt Joana. „Diesen Menschen möchte ich helfen.“

 

Patientin in Ecuador - Foto: Hendrik Bensch

Die Ärztin Joana behandelt eine Patientin in der Missionsklinik. Foto: Hendrik Bensch

 

Patientin Maria wohnt in einem Dorf in den umliegenen Bergen und lebt von dem, was sie anbaut. Auch mit 65 Jahren sitzt sie noch jeden Tag tief in der Hocke auf ihrem Feld, harkt Unkraut und erntet Kartoffeln, Yukka oder kümmert sich um die Bananenpalmen. Ihre Knie schmerzen stark. Joana muss ihr dehalb heute Cortison in die Knie spritzen. Wenig später reitet die 65-Jährige auf ihrem Pferd wieder zurück in die Berge.

Wer kein Geld hat, zahlt auch schon mal mit einem Huhn

 

Marias Geld hat gerade eben für die Behandlungskosten von einem US-Dollar und für das Medikament gereicht. Spender aus den USA subventionieren die Medikamente, sodass sie weniger kosten als beispielsweise in Deutschland. Wer kein Geld hat, bezahlt aber auch schon mal mit einem Huhn. Oder sie helfen für ein paar Stunden im Garten.

Ein Grund dafür, warum viele die Klinik in Guadalupe aufsuchen, liegt im ecuadorianischen Gesundheitssystem. In dem demokratischen Andenland gibt es zwar mittlerweile in fast jedem größeren Dorf ein Centro de Salud, ein Gesundheitszentrum. Um dort einen Termin zu bekommen, müssen Patienten jedoch zunächst in Quito beim ecuadorianischen Gesundheitsamt anrufen. Wenn sie aufwändigere Untersuchungen benötigen, schicken Ärzte sie in ein Labor oder eine Klinik. Danach müssen sie noch einmal zum Centro de Salud, um die Ergebnisse mit dem Arzt zu besprechen. Der Weg bis zur Diagnose dauert deshalb manchmal wochenlang – Zeit, die die Menschen eigentlich bräuchten, um für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. „Eine private, schnellere Behandlung ist jedoch für viele zu teuer“, erzählt Joana. „Deshalb kommen sie zu uns.“

Unter ihren Patienten sind Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Senioren mit allen möglichen medizinischen Problemen: von Haut- über Unterleibs- bis hin zu Augenproblemen. Joana gefällt diese Abwechslung. „In Deutschland gehen die Leute meistens direkt zum Facharzt. Hier kommen alle zu mir als Allgemeinärztin“, erzählt die Berlinerin. „Ich kann nun alles, was ich im Studium und in den ersten Ausbildungsjahren gelernt habe, anwenden.“ Und sie hat mehr Zeit für die Untersuchungen als in Deutschland, da täglich nur etwa 15 Patienten zu ihr kommen. Bei seltenen Krankheitsbildern hat sie genug Zeit, um einzelne Punkte nachzulesen.

 

Ecuadorianer lieben Zuckerbomben

Bei der Arbeit sieht Joana immer wieder Fälle, die es so nicht in Deutschland gibt. Zum Beispiel war vor kurzem ein junger Mann bei ihr, der als Taucher in der Nähe einer Mine arbeitet. Die Schwermetalle, die bei der Goldsuche eingesetzt werden, hatten sich in seinem Körper abgelagert. In den Fingernägeln waren weiße, halmondförmige Ablagerungen eingewachsen. In einem anderen Fall kam ein Patient mit der seltenen Autoimmunkrankheit Lupus erythematodes zu ihr. Auch die vielen Parasitenerkrankungen wie Madenwürmer oder Amöbenruhr waren für die Assistenzärztin neu.

 

Patienten vor einer Apotheke in Ecuador - Foto: Hendrik Bensch

Patienten vor der Apotheke der Missionsklinik. Foto: Hendrik Bensch

 

Die meisten Patienten leiden jedoch an Beschwerden, die auch in Deutschland üblich sind: Kinder mit verstopften Ohren, ältere Männer und Frauen mit zu hohem Blutdruck und Ödem, Patienten mit Bronchitis oder Nebenhöhlenentzündung, die durch das feuchte Klima entstehen. „Da die Ecuadorianer gerne Süßes essen und trinken, gibt es auch immer wieder Patienten mit Pilzerkrankungen“, berichtet Joana. Zahnarzt Stefano muss wegen der Vorliebe für Zuckerbomben jeden Tag viele Zähne ziehen.

Die Ausstattung der Klinik setzt der jungen Berliner Ärztin Grenzen. Es gibt zwar Urin-, Glukose-, Hematokrit- und Schwangerschaftstests. Auch ein älteres Modell eines Ultraschallgeräts und ein EKG-Gerät können die Ärzte nutzen. Für alle weiteren Untersuchungen müssen die Patienten aber in eine Klinik – zum Beispiel, um ein Röntgenbild zu erstellen, oder wenn der TSH-Wert zur Diagnostik der Schilddrüse bestimmt werden muss.

 

Es kommt auf die menschlichen Sinne an

Die begrenzte Ausstattung fordert Joana. „Ich muss mich viel stärker als in Deutschland darauf verlassen, was mir die Leute erzählen, was ich sehe oder ertaste, weil mir das Labor und das Röntgengerät fehlen“, erzählt die 31-Jährige. „Krankheiten wie COPD oder Asthma, für die man in Deutschland eine Lungenfunktionsuntersuchung braucht, kann ich hier nur mit dem Stethoskop ermitteln.“ Bei unklaren Krankheitsbildern lassen sich zudem viele Differentialdiagnosen nicht ausschließen. Und ihr fehlt die Möglichkeit, auf kurzem Weg eine zweite Meinung einzuholen. ,,Wenn man stärker auf die eigenen Sinne und Fähigkeiten als auf Apparate angewiesen ist, gibt das viel Selbstvertrauen. Und vielleicht werde ich nun auch das eine oder andere Röntgenbild in Zukunft weniger machen.“

Sehr wichtig sind für die "doctorita" ihre sehr guten Spanischkenntnisse – denn die meisten Einheimischen sprechen kein Englisch. Eine Herausforderung ist hingegen manchmal das andere Krankheitsverständnis in Ecuador. „Hier denken die Patienten, dass es für alle Krankheiten eine Heilung gibt. Dass das nicht so ist, muss man ihnen häufig klar machen“, erzählt die deutsche Ärztin. Zum Beispiel dann, wenn es um hohen Blutdruck oder Diabetes geht. Deshalb komme es auch darauf an, den Patienten ausführlich zu erklären, warum sie welche Diagnose stellt und warum sie welche Behandlung wählt. Zum Abschied gibt es dafür auch schon mal eine feste Umarmung. „Das ist ein tolles Dankeschön für meine Arbeit“, erzählt Joana und strahlt.

Trotz des Vertrauens in die ausländischen Ärzte lassen sich viele auch von Schamanen behandeln. Zum Beispiel dann, wenn sie Kleinkinder haben, die viel schreien. Bei der Zeremonie legt der Schamane eine Decke über das Kind. Die Mutter springt drei Mal darüber. Das soll helfen.

 

Landestypisches Haus in Ecuador - Foto: Hendik Busch

Landestypisches Haus in Ecuador - Foto: Hendrik Bensch

 

Lachen mit den Schwestern

Für die ausländischen Ärzte sorgt nicht nur der Klinikalltag für Abwechslung vom Leben in Deutschland. Da die Einrichtung eine Missionsklinik ist, gibt es auf dem Gelände nicht nur eine Kirche. Auch ein paar Schwestern vom Orden „De Santa Teresita del Niño Jesús“ leben nebenan. Sie laden die ausländischen Helfer jeden Tag – höchst pünktlich um 12 und 18 Uhr – zum Essen ein.

Streng oder allzu frömmisch geht es keineswegs zu. Heute Abend erzählt zum Beispiel Hermana Sthella auf Spanisch am laufenden Band Witze. So wie diesen: „Sitzt ein Ehepaar im Bett. Plötzlich geht das Licht aus. Sagt sie ganz liebevoll zu ihm: ,Wir könnten die Zeit jetzt auch nutzen ... .' Als das Licht wieder angeht, ist der Ehemann mit dem Fernseher verschwunden.“ Alle Schwestern und Ärzte brechen in Gelächter aus.

Nach dem Abendessen ist die Sonne in Guadalupe schon hinter den Bergen untergegangen. In Äquatornähe ist der Tag nunmal kürzer. An diesem Abend setzen sich die Ärzte noch auf die Veranda. Aus dem Dorf schallt die Musik der Zumba-Tanzgruppe herauf. Vor ihnen läuten die Zirkaden die Nacht ein – und aus Stefanos Computer erklingt die Stimme von U2-Sänger Bono zum Song: Beautiful Day.

* Name geändert.

Infos für Interessierte 

Die Missionsklinik „Nuestra Señora de Guadalupe“ sucht laufend Hausärzte, Allgemeinmediziner, Internisten, Zahnärzte, Zahntechniker sowie Hals-Nasen-Ohrenärzte, Augen- sowie Kinderärzte und Chirurgen. Gesucht werden Mediziner mit mindestens zwei Jahren Berufserfahrung, am besten Fachärzte. Für Studierende gibt es leider keine Plätze.


Wer interessiert ist, muss mindestens drei Wochen Zeit mitbringen. Kost und Logis erhalten die Freiwilligen umsonst. Voraussetzung sind gute Spanischkenntnisse. Ausnahmen werden dabei für Chirurgie-Teams gemacht. Die Zugehörigkeit zur katholischen Kirche ist nicht notwendig.
Finanziert und unterstützt wird die Klinik maßgeblich von Spenden aus der Diözese Feldkirch in Vorarlberg/Österreich, vom „Friends of the Mission Clinic of Our Lady of Guadalupe” in den USA und vom Förderkreis deutscher Zahnärzte und Zahntechniker „Clinica Santa Maria e.V.”.
Für welchen Zeitraum Ärzte gesucht werden, erfährst du hier. Das Bewerbungsformular kannst du hier herunterladen. Auf der Website findest du zudem Erfahrungsberichte von ehemaligen Helfern.

Dieses Video vermittelt einen Einblick in das Leben und die Arbeit in der Klinik:

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