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  • Anna N. Wolter
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  • 28.06.2018

Arbeiten und Leben in Skandinavien

Bei Medizinern, die vom Auswandern träumen, stehen Norwegen, Schweden oder Dänemark ganz oben auf der Wunschliste. Tatsächlich bieten die Skandinavier Ärzten viele Annehmlichkeiten. Dass es auch Nachteile gibt, wird dabei oft übersehen.

 

Rentiere - Foto: Vladimir Melnikov/Fotolia

Rentiere - Foto: Vladimir Melnikov/Fotolia

 

Viele Deutsche leiden an einer drolligen Krankheit: Kaum lässt man eine Bemerkung zum Thema Skandinavien fallen, bekommen sie einen verklärten Blick. Sie ­hal­luzinieren von roten Holzhäusern, blonden ­Menschen und idyllischen Landstrichen, in denen die Welt noch in Ordnung ist. Kurz: Sie leiden am „Bullerbü-Syndrom“. In „Wir Kinder von Bullerbü“ erleben Lasse, Inga, Ole und Co. eine Bilderbuchkindheit in einem kleinen schwe­dischen Dorf, bestehend aus drei roten Holzhäusern. Mit solchen Geschichten traf Astrid Lindgren genau den Nerv der Deutschen, die sich nach einem unbeschwerten Familienleben mit viel Natur sehnen – und prägte hierzulande das Klischee eines Skandinaviens als Prototyp einer heilen Welt. Doch ist das tatsächlich ein Klischee? Immerhin stehen die drei skandinavischen Länder im Glücksranking der UN in den Top Five. Ganz vorne liegt Dänemark, das Land mit der gleichmäßigsten Einkommensverteilung weltweit. Die Schweden sind nicht nur spitze im Verkaufen von billigen Möbeln, sondern auch beim Thema Gleichstellung der Geschlechter. Und in der norwegischen Volksseele ist neben der Liebe zur Natur auch der hohe Stellenwert der Vereinbarkeit von Familie und Beruf verankert. Kein Wunder also, dass viele deutschsprachige Mediziner sehnsüchtig über die Ostsee blicken und vom Auswandern träumen. Doch ist das Leben als Arzt dort oben wirklich besser als in Deutschland?

 

Ab nach Lappland

Tatsächlich sind die Arbeitsbedingungen in Skandinavien ausgesprochen attraktiv. Die drei Länder locken vor allem mit geregelten Arbeitszeiten. Hier wird keiner schief angeguckt, wenn er konsequent um 16.30 Uhr nach Hause geht. Wer Elternzeit nimmt oder sich öfter wegen seinem kranken Kind verspätet, erntet keine Karrierenachteile – sondern Verständnis. Wochenend- und Nachtdienste werden großzügig vergütet, entweder mit bis zu 200 Prozent in Zeit oder mit deutlichen Zulagen zum Gehalt. Ansonsten verdient man in skandinavischen Krankenhäusern nicht besser als hierzulande – das kaufkraftbereinigte Nettoeinkommen liegt z. B. bei schwedischen Ärzten mit drei bis fünf Jahren Berufserfahrung zwischen 28.000 und 32.000 Euro (Im Vergleich: Bei deutschen Ärzten sind es zwischen 32.000 und 40.000 Euro). In Norwegen sind die Gehälter zwar höher – die Lebenshaltungskosten aber auch!

Der Verdienst spielte bei Frank Moryäners Entscheidung, ins nordschwedische Lappland auszuwandern, allerdings sowieso keine große Rolle. Vielmehr hatten er und seine Freundin Meike genug von ihrer Arbeit in einem norddeutschen Krankenhaus. „Wir waren genervt von dem Hierarchiegetue. Alle wollten einem reinreden. Ich war nur ein Knecht, der Befehle ausführen musste“, erzählt der Auswanderer. Auf einer Messe in Hamburg ließen sie sich von schwedischen Headhuntern zu einem Besuch im „Dreikronenland“ einladen – und waren gleich überzeugt. Heute haben sie eine 40-StundenWoche und deutlich mehr Freizeit als früher. „Wenn ich hier an einem Sonntagnachmittag vier Stunden lang Bereitschaft habe, bekomme ich dafür als Ausgleich einen ganzen Tag lang frei. Damit kann ich gut leben“, erzählt er. Der Arzt lebt seit über sechs Jahren in Åsele, einer Gemeinde mit fast 3.000 Einwohnern in Nordschweden, und ist in einem staatlichen Gesundheitszentrum angestellt. Als Allgemeinmediziner ist er die erste Anlaufstelle für alle Patienten in seiner Gemeinde. Das nächste Krankenhaus liegt in der 100 km entfernten Stadt Lycksele, niedergelassene Fachärzte gibt es nicht. Viel Verantwortung für einen Arzt – und das auch noch in einem fremdsprachigen Land.

Doch die Schweden haben den Einstieg für das junge Paar leicht gemacht: „Das erste halbe Jahr hatten wir Zeit, die Sprache zu lernen und das neue System kennenzulernen“, erzählt Frank Moryäner. Dafür besuchten sie erst mal einen intensiven Sprachkurs. Im Anschluss daran begleiteten sie jeweils ihre ­Kollegen und machten am Nachmittag immer ihre Schwedisch-Hausaufgaben. Erst nach dieser Eingewöhnungszeit hatten sie ihre ersten Patienten, für die sie sich jeweils eine Stunde Zeit nehmen durften. Die folgenden Jahre machten Frank und Meike ihre Weiterbildung zum Allgemeinmediziner. Dafür mussten sie nicht, wie in Deutschland, einen starren Weiterbildungskatalog abarbeiten. Vielmehr überlegten sie zusammen mit einem Tutor, welche Seminare und Praktika für ihre Arbeit als Allgemeinmediziner in einem dünnbesiedelten Gebiet sinnvoll sind, z. B. Geburtshilfe oder Notfallmedizin. Die Praktika absolvierten sie in verschiedenen Krankenhäusern des Landes, u. a. an der Uniklinik in Umea. Dafür mussten sie manchmal mehrere Monate aus Åsele fort. Um eine neue Wohnung mussten sie sich aber nie kümmern – die wurde von der Klinik gestellt.

Franks Patienten hatten nie ein Problem damit, dass sein Schwedisch anfangs noch etwas holprig war. Sie waren froh, überhaupt einen festen Arzt zu haben. Denn Lappland steht weder bei schwedischen noch bei ausländischen Medizinern auf der Wunschliste besonders weit oben. Frank kann das nicht verstehen: „Hier im Norden können wir so viel draußen machen. Von Langlauf über Hundeschlittenfahren bis zum Snowkiten. Das Freizeitangebot ist riesig. Klar, die Winter sind dunkel und lang. Dafür haben wir leuchtend weißen Schnee und kein graues Schmuddelwetter. Und als Klinikarzt in Deutschland sieht man die Sonne im Winter auch nur selten.“

 

Mensch am See in Skandinavien - Foto: photocase

Foto: photocase 

 

Kommunikation auf Augenhöhe

Nicht nur die Winter sind kalt im Norden. Auch den Skandinaviern sagt man nach, unterkühlt zu sein. Trotzdem: Die Kommunikation am Arbeitsplatz funktioniert tadellos. Frank fand in seiner Weiterbildung immer ein offenes Ohr. Auch der Kontakt mit seinen Kollegen im Krankenhaus in Lycksele ist ausgesprochen positiv: „Wir telefonieren häufig mit den Ärzten im Krankenhaus, da wir immer wieder Fragen haben oder ein Radiologe oder Orthopäde ein Röntgenbild beurteilen muss. Das Miteinander ist sehr wertschätzend. Da behandelt mich keiner von oben herab und belehrt den kleinen Allgemeinmediziner. Hier läuft alles auf Augenhöhe.“ Generell gilt es in Skandinavien als unfein, sich für etwas Besseres zu halten oder sich mit Titeln oder Positionen hervorzutun. Hier wird, bis auf den König, jeder geduzt. Die Norweger stehen den Schweden da in nichts nach. „In Norwegen prahlt keiner mit seinem Gehalt“, sagt Wolfgang Wannoff, Geschäftsführer der Vermittlungsagentur Panacea4U. Der Ham­burger hilft mit seiner Firma, deutschen Ärzten ­in Norwegen und Schweden Fuß zu fassen, und kennt die Ge­pflogenheiten der Wikingernachfahren sehr gut. „Selbst ein Chefarzt würde seinen Titel nicht erwähnen, wenn er sich vorstellt. Außerdem vermeiden die Norweger in Besprechungen harte Konfrontationen und versuchen immer einen Konsens zu finden.“

Zum guten Miteinander gehören dabei auch die regelmäßigen Kaffeepausen – „fika“ auf Schwedisch. Bei Frank ist „fika“ fester Teil des Tagesplans. Täglich zwei feste Kaffeepausen  und eine geregelte Mittagspause, die nur selten dem vollen Terminplan zum Opfer fallen? Im deutschen Klinikalltag fast undenkbar. Doch im Norden ticken die Uhren langsamer. Das stellte auch Saskia Helm bei ihrem Chirurgie-Tertial in Trondheim fest: „Auf die Ärzte und Pfleger kommen in Norwegen im Schnitt viel weniger Patienten als in Deutschland. So hatte ich mehr Zeit für meine Arbeit und konnte das Gelernte in Ruhe reflektieren.“ Vor allem für „alte Hasen“ aus Deutschland kann das ge­mäßigte Arbeitstempo der Nordlichter ge­wöhnungsbedürftig sein. Wolfgang Wannoff warnt: „Auch die Kommunikation läuft dort anders. In Besprechungen wird immer erst über Privates gesprochen, zum Beispiel, wie das Wochenende war oder wie es den Kindern geht. Ich habe schon deutsche Oberärzte erlebt, die sich darüber ärgerten und schneller zur Sache kommen wollten. Das funktioniert dort nicht.“

 

Warten auf die Krebs-OP

Wenn Privatgespräche vor Besprechungen das Einzige wären, an das sich deutsche Ärzte gewöhnen müssten, dann  wäre Europas Norden tatsächlich ein Paradies für Mediziner. Doch es gibt eine Kehrseite: Auch wenn die Skandinavier Vorreiter in der Kinderbetreuung und Geschlechtergleichstellung sind – in der Patientenversorgung sind sie es nicht. Das liegt an einem sehr starren Versorgungssystem. Jeder Bürger „gehört“ zu einem bestimmten Gesundheitszentrum und sollte sich zunächst nur an dieses wenden. Die freie Arztwahl gibt es zwar theoretisch – doch in der Praxis funktioniert sie nicht immer reibungslos. Außerdem gibt es fast keine niedergelassenen Fachärzte und wenn, haben sie eine lange Warteliste. Chronisch kranke Patienten durch immer denselben Facharzt kontinuierlich betreuen zu lassen, ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. Dafür liegen die Termine einfach zu weit auseinander. Generell sind die langen Wartezeiten eines der Hauptprobleme in den skandinavischen Gesundheitssystemen. Das erlebte auch Saskia: „Wir hatten Patienten, bei denen der Verdacht auf eine maligne Erkrankung bestand. Doch sie mussten auf einen CT-Termin sechs Wochen warten.“ Und selbst wenn die Dia­gnose Krebs gestellt wird – schnell in den OP geht es selten. Im westschwedischen Värmland z. B. warten Erkrankte im Schnitt 233 Tage auf eine Prostataoperation.

Und nicht nur die Wartelisten für operative Eingriffe sind lang, auch die Notaufnahmen sind häufig überlastet. Der Grund: Kommt der zuständige Hausarzt nicht weiter, überweist er den Patienten ins Krankenhaus in die Sprechstunde einer Fachdisziplin oder in die Notaufnahme. Dazu kommen noch weitere Patienten, die gar nicht erst bei ihrem Hausarzt vorbeischauen, sondern sich direkt im Krankenhaus vorstellen. Um diese abzufangen, gibt es deshalb eine Hotline, an der eine Schwester rund um die Uhr versucht, die Ernsthaftigkeit einer Erkrankung abzuschätzen. Sie rät den Patienten dann entweder abzuwarten und den nächstmöglichen Arzttermin wahrzunehmen oder sich auf der Notaufnahme vorzustellen. Ein gefährliches System: In mehreren Fällen kam es bereits zu tödlichen Komplikationen, nachdem eine Schwester zum Abwarten geraten hat.  

 

Ergo: gute Alternative – kein Paradies

Deutschsprachige Ärzte, die von einer Zukunft in Dänemark, Schweden oder Norwegen träumen, sollten sich diese Rahmenbedingungen bewusst machen. Und auch die anderen Bereiche der skandinavischen Lebenswelt sind weit davon entfernt, perfekt zu sein. Auch auf Stockholms Straßen kommt es zu brutalen Gewaltdelikten, und die großen Betonvorstädte rund um Malmö oder Göteborg haben wenig mit dem Schweden-Idyll der Inga-Bergström-Filme zu tun. Dazu kommen hohe Steuern und Lebenshaltungskosten. Für ein Bier in Oslo darf man gerne mal acht Euro blechen. Und in einem abgelegenen Dorf nördlich des Polarkreises muss man sich auf dunkle, einsame Winter einstellen. Wer sich davon nicht abschrecken lässt, hat gute Chancen auf eine Stelle in Skandinavien. Denn wie in Deutschland herrscht auch im Norden Ärztemangel. Besonders Psychiater, Allgemeinmediziner und -chirurgen werden gebraucht. Allerdings gibt es nicht ganz so viele offene Stellen wie hierzulande – immerhin sind die skandinavischen Länder deutlich kleiner als Deutschland. Besonders begehrt sind Allgemeinmediziner für die dünn be­siedelten Gebiete im Norden, wo immer mehr Ärzte in Rente gehen. In Åsele müssen sich die Bewohner jedoch erst mal keine Sorgen um die Zukunft ihrer medizinischen Versorgung machen. Frank und Meike können sich nicht vorstellen, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Erst letztes Jahr kauften sie sich einen kleinen Bauernhof, bestehend aus drei roten Holzhäusern. Ganz so wie in Bullerbü.

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