• Bericht
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  • Emmanuel Winkler
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  • 22.05.2014
  • Interplast Indien - Foto: E. Winkler

    Mahamath und sein Vater sind glücklich. Seine alten Verbrennungsnarben können endlich versorgt werden.

     
  • Interplast Indien - Foto: E. Winkler

    Von 8 bis 20 Uhr wird durchgehend operiert. Nur so ist der ehrgeizige OP-Plan zu schaffen.

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  • Interplast Indien - Foto: E. Winkler

    Nach der Operation führt ein ausgebildeter Wundpfleger die schwierigen Verbandswechsel durch.

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  • Interplast Indien - Foto: E. Winkler

    Aufgrund schwerer Verbrennungskontrakturen im Hals-Mund-Bereich ist die fiberoptische nasotracheale Intubation bei vielen Patienten die einzige Möglichkeit, die Atemwege zu sichern.

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  • Interplast Indien - Foto: E. Winkler

    Die Chirurgen besprechen gemeinsam mit den Patienten, welche Operationen möglich sind und was durch den Eingriff erreicht werden soll.

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14 Tage für 100 neue Leben - Interplast in Indien

In Deutschland ist plastisch-rekonstruktive Chirurgie Teil der Grundversorgung.Für Milliarden Menschen weltweit ist sie ein unerreichbares Privileg. Die Ärzte der Organisation Interplast versuchen ihren Teil dazu beizutragen, dass sich das ändert. Hier der Bericht eines Arztes, der bei einem Einsatz in Indien dabei war.

 

Im Foyer des Pasam Health Center (PHC) drängen sich über 500 Menschen. Viele leiden an den Folgen von Verbrennungen. Doch nur 100 von ihnen können behandelt werden, 75 davon per Operation. Für mehr bleibt in den nächsten Tagen keine Zeit. Die Chirurgen rufen einen Patienten nach dem anderen auf und prüfen, ob und wie er operiert werden kann. Wir Anästhesisten machen parallel eine präanästhesiologische Visite. Dabei wird rasch klar, dass die Sicherung der Atemwege bei einigen schwierig werden dürfte: Bei ihnen sind nach Verbrennungen im Kopf- und Halsbereich die Kontrakturen im sternomentalen Bereich so weit fortgeschritten, dass sie den Mund nicht mehr öffnen können.

 

Nahrung können solche Patienten nur noch mit dem Strohhalm zu sich nehmen. Doch mein Kollege, der schon bei einigen Interplast-Einsätzen dabei war, ist gut vorbereitet und hat ein flexibles Einweg-Bronchoskop mitgebracht. Damit werden wir nasotracheale Intubationen gefahrlos durchführen können: „Bei dieser unsicheren Ana­tomie kann man sonst schnell in eine lebens­bedrohliche cannot-intubate-cannot-ventilate-Situation gelangen“, erklärt er.

 

OP-Zentrum für zwei Wochen

Wir befinden uns in Kodaikanal, einem südindischen Bergort auf 2.200 m Höhe an der Grenze der indischen Bundesstaaten Tamil Nadu und Kerala. Ich bin Anästhesist im zweiten Ausbildungsjahr und zum ersten Mal bei einem Interplast-Einsatz dabei. Unser Team besteht aus drei Chirurgen, drei Anästhesisten, zwei Pflegekräften und einer PJ-Studentin. Unterstützt werden wir von engagierten, jungen indischen Chirurgen und Pflegeschülern, die von einem entfernten Krankenhaus freigestellt worden sind, um mit uns im PHC zu arbeiten. Das PHC wird von Dr. Mascarenhas geleitet. Der Mediziner hat jahrelang in Deutschland als Augenarzt gearbeitet, bevor er 1985 diese Klinik im medizinisch unterversorgten Gebiet Südindiens gegründet hat.

 

Neben seiner Arbeit im PHC, wo er unentgeltlich die arme Bevölkerung behandelt, besucht er in einem alten Minibus umliegende Dörfer, um die Menschen mit den notwendigsten Medikamenten zu versorgen. Finanziert wird das Projekt von einem deutschen Förderverein. Mit dessen Hilfe konnten auch zwei OP-Säle gebaut werden. Weil es an qualifizierten Fachkräften fehlt, sind diese jedoch die meiste Zeit außer Betrieb – bis auf zwei Wochen im Jahr, in denen das Interplast-Team anrückt und dann binnen weniger Tage so viele Patienten wie möglich operiert.  

 

2.500 km bis zur Klinik

Bis zum Abend untersuchen die Chirurgen die Patienten. Erst kurz bevor es dunkel wird, ist der letzte Patient gesehen und der OP-Plan steht. Währenddessen bereiten wir die OP-Säle für die nächsten Tage vor. Insgesamt 16 Koffer mit über 330 kg Material werden ausgepackt: Medikamente, Anästhesiematerial, chirurgische Instrumente, sterile Handschuhe und mehr. Da vor Ort praktisch nichts vorhanden ist, mussten wir vieles mitbringen. Am nächsten Morgen geht es in aller Frühe los: Als wir aufbrechen, mischt sich in die Vorfreude auf den ersten OP-Tag auch Anspannung und Unsicherheit.

 

Schließlich sind für die meisten von uns die Arbeitsbedingungen hier komplett neu. Auf den gewohnten medizinischen Luxus muss hier verzichtet werden. Doch nach den ersten erfolgreichen Eingriffen kehrt Routine ein. Ein Patient nach dem anderen wird operiert. Wir sehen ganze Gliedmaßen, die durch Verbrennungsnarben entstellt und defiguriert sind. Kann ein Patient aufgrund einer Narbenkontraktur an der Hand nicht mehr richtig greifen, wird die Verwachsung in einer komplexen Operation gelöst und der Defekt mit einem an anderer Stelle entnommenen Vollhauttransplantat gedeckt. Zum Teil sind über 60% der Körperoberfläche geschädigt.

 

Viele Patienten sind schon einmal im PHC versorgt worden. Die 25-jährige Sandra wird z. B. schon zum dritten Mal behandelt: Nachdem der Hals und die rechte Hand in den Vorjahren operiert worden sind, wird nun die linke Hand versorgt. Dr. Schmidt-Barbo, der sich speziell um die Versorgung der Handkontrakturen kümmert, freut sich, die Patientin zu sehen: „Ich sehe es als große Bestätigung, wenn die Patienten mehrmals von uns behandelt werden wollen.“ Bei seinen ersten Einsätzen hatte er noch Zweifel, ob sie überhaupt erfolgreich sein können: „In Deutschland werden Verbrennungen ja sofort adäquat versorgt. So sieht man solche Verläufe erst gar nicht. Deshalb war ich zunächst unsicher, ob die Patienten von unseren Eingriffen überhaupt profitieren – bis mal ein Patient extra zu uns in die Klinik kam, um uns zu zeigen, wie erfolgreich die OP bei ihm war: Er konnte seine Hand wieder ganz normal einsetzen, seinem Beruf nachgehen und war wieder in die Ge­sellschaft integriert.“

 

Jeder Patient hat seine eigene bewegende Geschichte. Was hier manche durchgemacht haben, kann man sich kaum vorstellen. Da ist Prahjna, 20 Jahre alt. Ihr Bruder erzählt, sie seien über 48 Stunden mit dem Zug hierhergefahren. Die beiden kommen aus dem 2.500 km entfernten Neu-Delhi. Das entspricht ungefähr fünfmal der Distanz München–Berlin. Sie haben den weiten Weg auf sich genommen, obwohl sie sich nicht einmal sicher sein konnten, dass ihr überhaupt geholfen werden kann. Gesicht und Hals von Prahjna sind durch Säure total entstellt. Dr. Mascarenhas erklärt: „Leider gibt es immer noch Fälle von Säureattentaten. Die Opfer sind nicht nur körperlich entstellt, sondern sie leiden auch unter der gesellschaftlichen Ausgrenzung. Die Täter gehen dagegen oft straffrei aus.“ Bei Prahjna wird die Kontraktur am Hals gelöst und die Augen werden operiert, damit sie ihre Lider wieder schließen kann.

 

Fernziel: Interplast-India

An jedem OP-Tag wird von 8 bis 20 Uhr operiert. Am Ende sind wir überglücklich, dass wir nicht nur den ehrgeizigen OP-Plan schaffen, sondern noch zusätzlich drei Patienten versorgen können, die die ganzen Tage vor der Klinik gewartet haben. Und es gibt noch einen Grund zur Freude: Unter Aufsicht wird ein Patient von einem rein indischen OP-Team versorgt! Teamleiter Dr. Gruhl ist begeistert: „Das ist der richtige Weg: Langfristig wollen wir uns überflüssig machen. Heute sind wir dem Fernziel Interplast-India ein Stückchen näher gekommen.“Nach den OPs ist es eminent wichtig, dass die schwierigen Verbandswechsel korrekt durchgeführt werden und die Patienten Physio­therapie bekommen.

 

Deshalb bleiben nach unserer Abreise eine Allgemeinärztin und ein ausgebildeter Wundpfleger noch drei Wochen vor Ort, um das indische Personal zu unterstützen. Einen Monat nach unserer Abreise erfahren wir, dass der letzte Patient gesund entlassen wurde. Damit kehrt nun ein bisschen Ruhe ein im PHC. Das Zentrum bleibt zwar geöffnet, doch die OP-Säle werden wieder fast ein Jahr lang leer stehen. Schön wäre, wenn sie irgendwann länger öffnen könnten. Es gäbe genug zu tun. 

 

Interplast: Zahlen, Daten, Fakten

Interplast-Germany e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, der Menschen in Entwicklungsländern mit angeborenen Fehlbildungen oder Unfallfolgen durch plastisch-chirurgische Operationen zu einer besseren Lebensqualität verhilft. Dabei werden in erster Linie Patienten mit Gesichts- und Handfehlbildungen, Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, schweren Verbrennungsnarben, Hauttumoren und Defekten durch Kriegsfolgen operativ behandelt. Die ehrenamtlichen Mitglieder der Operationsteams sind Spezialisten aus ganz Europa, die gezielt in medizinisch unter­entwickelten Gebieten eingesetzt werden. Finanziert werden die Einsätze durch Spenden und Mitgliedsbeiträge.

Seit der Gründung im Jahre 1980 wurden bei mehr als 900 Hilfseinsätzen über 70.000 Menschen operiert. Im Jahr 2011 fanden über 60 Einsätze statt, u. a. in Nepal, Tansania, Kambodscha, Bolivien, Ghana, Irak und dem Jemen. Ein Interplast-Team besteht meist aus zwei erfahrenen Chirurgen, zwei Anästhesisten, zwei Assistenten, zwei bis drei Pflegekräften und einem Studenten.
Weitere Infos: www.interplast-germany.de

 

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