• Bericht
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  • Jörg Kustermann
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  • 19.09.2013
  • Provisorischer Operationssaal. 3–4 Eingriffe führte das Team um Jörg Kustermann pro Tag durch. - Foto: J. Kustermann

    Provisorischer Operationssaal. 3–4 Eingriffe führte das Team um Jörg Kustermann pro Tag durch. (alle Fotos: J. Kustermann)

     
  • Waffen sind auf dem Krankenhausgelände verboten und müssen an der „Pforte“ abgegeben werden. - Foto: J. Kustermann

    Waffen sind auf dem Krankenhausgelände verboten und müssen an der „Pforte“ abgegeben werden.

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  • Gemeinsame Mahlzeit im unterirdischen, von syrischen Bürgern geführten „Bunkerkrankenhaus“. - Foto: J. Kustermann

    Gemeinsame Mahlzeit im unterirdischen, von syrischen Bürgern geführten „Bunkerkrankenhaus“.

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  • An der syrisch-türkischen Grenze. Die Einreise verlief für das Team unkompliziert – die Grenzbeamten waren den Ärzten wohlgesonnen. - Foto: J. Kustermann

    An der syrisch-türkischen Grenze. Die Einreise verlief für das Team unkompliziert – die Grenzbeamten waren den Ärzten wohlgesonnen.

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Einsatz in Syrien - Ali muss leben!

Eigentlich freute sich Dr. Jörg Kustermann auf ein paar freie Tage mit der Familie. Doch dann erhielt er einen Anruf: Ärzte ohne Grenzen benötigte einen Anästhesisten für einen Einsatz in Syrien. Der fünffache Vater überlegte nicht lange ...

Donnerstag, 21. März 2013. Spätnachmittag, ich komme gerade aus der Praxis. Anne von Ärzte ohne Grenzen ruft an. In kurzen Worten schildert sie die Situation. Ä.o.G. sucht dringend einen Anästhesisten für ein Projekt in Syrien. Der dafür vorgesehene italienische Kollege hat kurz vor seiner Abreise wegen ­Sicherheitsbedenken abgesagt. Das ist erlaubt und auch gut so. Niemand soll im Einsatz über seine Grenzen belastet werden. Doch nun hat das Projekt ein ernstes Problem. Wegen der zunehmenden Gefährdung sind die Mitar­beiter aus Syrien in eine türkische Grenzstadt gebracht worden. Jetzt soll die Versorgung im Krankenhaus im von der Opposition kontrollierten Gebiet auf syrischer Seite wieder aufgenommen werden. Das operative Team steht bereit – doch ohne Anästhesisten ist es nicht einsetzbar. Noch während Anne mir das am Telefon ohne Drängen erklärt, habe ich mich schon entschieden. Eigentlich wäre ich am übernächsten Morgen mit der Familie zwei Wochen in den Süden gefahren. Wir halten kurzen Familienrat, und ich sage Anne zu. Stunden später, mitten in der Nacht, in einer türkischen Grenzstadt. Ein altes Taxi hält vor einem spärlich beleuchteten Haus. Der Fahrer drückt mir einen Briefumschlag mit Schlüsselbund und Handy in die Hand. Dann zeigt er auf eine Tür, fordert mich zum Aussteigen auf und fährt davon. Die Tür lässt sich mit einem der Schlüssel öffnen. Im Treppenhaus hängt ein Zettel mit der Aufschrift „welcome Jörg second floor first door left“. Ich bin angekommen.

Alle 24 Stunden über die Grenze

Ä.o.G. hat im Juni 2012 die erste Klinik im umkämpften Syrien eröffnet. Mittlerweile betreiben Teams fünf kleine Krankenhäuser im Norden des Landes. Zwei davon in der Provinz Aleppo, wo auch ich helfe. Schulen oder andere stabile Gebäude wurden umgebaut und mit Splitterschutzwällen und Sandsäcken befestigt. Einfache OP-Säle, eine Notaufnahme, Kranken­stationen und eine Geburtshilfe wurden zum Teil in den besser geschützten Untergeschossen eingerichtet. Wir arbeiten in zwei 24-Stunden-Schichten. Immer wenn ein Team aus Syrien rausgeht, um zur Ruhe zu kommen, fährt das andere rein. Jedes Team ist vierköpfig: ein Chirurg, ein Anästhesist, eine Gynäkologin und ein Emergency-Doc. Wir sind die „expats“ (expatriates), die Ausländer, und arbeiten vor Ort mit den „locals“, den einheimischen Kräften, zusammen. Ich habe große Achtung vor den syrischen Kollegen. Stellvertretend sei der Chirurg Dr. Alaya (Name von der Red. geändert) aus Aleppo genannt. Er erzählt mir, wie er und ein Kollege verschleppt wurden. Er selbst konnte fliehen. Den Körper seines Freundes habe er einen Tag später fürchterlich entstellt im Fluss angeschwemmt gefunden. Er habe die Leiche anhand seiner Append­ektomie-Narbe identifiziert. Jetzt arbeitet Dr. Alaya im Krankenhaus von Ä.o.G. Wenn er frei hat und in dienstfreien Nächten, unterstützt er außerdem ein unabhängiges unter­irdisches Krankenhaus im Norden von Aleppo. Auch Ä.o.G. unterstützt solche unabhängigen Initiativen mit Material, Medikamenten und wie in meinem Fall auch mal mit Ausbildung für die syrischen Mitarbeiter. Leider erhält Ä.o.G. trotz wiederholter Anfragen keine Genehmigung, auch in von der Regierung kontrollierten Gebieten zu arbeiten.

 

Quälende Hilflosigkeit

Tage später: Ich stehe am Krankenbett des 13-jährigen Ali. Seine fragenden Blicke wandern von einem der umstehenden Helfer zum anderen. Er versteht unser in Englisch geführtes Fachgespräch nicht. Sein Blick trifft mich tief. Es ist ein verdammt mieses Gefühl, vor einem Kind zu stehen, wissend, dass es vermutlich ­sterben wird. Ali wird sterben, weil er in Aleppo beim Anstehen um Brot Opfer eines Flugzeugbombenangriffes wurde, weil dabei ein winziges Schrapnell seine Gedärme zerfetzt hat, weil er hier in Syrien in einem „geheimen“ Krankenhaus liegt und nicht etwas weiter nördlich in der sicheren Türkei und weil ich trotz meiner 24-jährigen Berufserfahrung als Anästhesist, Intensivmediziner und Notarzt letztlich hilflos bin. Das ist nur schwer zu ertragen. Ali ist kein Einzelfall. Neben ihm liegen erwachsene ­Männer, die ebenfalls vom Krieg gezeichnet sind. Verstümmelte oder amputierte Glieder, durchsiebte Bäuche, durchlöcherte Lungen und weggeschossene Unterkiefer sind die typischen Verletzungsmuster. Täglich erlebt Ali auf der Station, wie um ihn herum gestorben wird. Er ist dieser Situation schutzlos ausgeliefert. Er muss sein Schicksal ertragen, so wie wir seine fragenden Blicke ertragen.

 

Kaum Hilfe für chronisch Kranke

„Smuggling guns and arms across the Spanish border“ von Al Stewart klingt mir im Ohr, als wir bei Dämmerung die Grenze passieren. „Unsere Waffen“ sind wir selbst mit unserem medizinischen Wissen. Revolutionsromantik? Die ist uns fremd, wobei die Herkunft unserer Teammitglieder jedem Vergleich mit den Internationalen Brigaden des Spanischen Bürger­krieges standhalten würde. Wir sind maximal international. Ein Japaner als Landeskoordinator „head of mission“, eine Portugiesin, mehrere Spanier, zwei Argentinier, eine El Salvadorianerin, eine Italienerin, ein Franzose, ein Aus­tralier, zwei Deutsche, ein Palästinenser, ein Kanadier, ein Engländer, etliche Türken und Syrer, und alle haben ein gemeinsames Ziel: Wir versuchen den Opfern des Bürgerkrieges ein Mindestmaß an medizinischer Versorgung zukommen zu lassen. Geschätzte 95 % unserer Pa­tienten sind Zivilpersonen, und nur die Hälfte davon direkt Kriegsverletzte. Durch die wiederholten Bomben- und Raketenangriffe, auch auf Krankenhäuser, ist die medizinische In­fra­struktur weitgehend zerstört. Das trifft vor allem die von Rebellen kontrollierten Gebiete. Wohin sollen die chronisch Kranken gehen? Der alte Mann mit der Herzinsuffizienz, der keine Medikamente mehr bekommt und „in seiner eigenen Lunge ertrinkt“, der Niereninsuffiziente, der langsam bei steigenden Retentions­werten wegdämmert. Oder die Asthmapatientin, die eine ganze Nacht lang im Status asthmaticus um Luft und Leben ringt. Neben ihr sitzend das einzige verbliebene Familienmitglied, die zehnjährige Tochter, die das drohende Ersticken der Mutter mit ansehen muss.

 

Anästhesie-Schulung im Bunker

Arbeiten im Bunker: Draußen wartet Jonas, unser „Field Coordinator“ und hauptverantwortlicher Mitarbeiter direkt im Projekt. Er ist seit Monaten in Syrien, kennt die Menschen und hat die Kontakte, die für eine gute und möglichst sichere Arbeit unentbehrlich sind. Er hat mich gefragt, ob ich bereit wäre, weiter nach Süden zu fahren, um dort in einem Krankenhaus das Anästhesiepersonal in Regionalanästhesietechniken zu schulen. Wir machen uns auf den Weg. Aus Sicherheitsgründen fahren wir mit zwei Fahrzeugen in einem gewissen Abstand und meiden die Hauptstraße. Sie wurde in der Vergangenheit immer wieder von Kampffliegern unter Beschuss genommen. Auf Nebenstraßen erreichen wir nach einer Dreiviertelstunde das Ziel, ein unterirdisches Krankenhaus. Eine Notaufnahme, zwei OP-Säle, einer davon mit einem recht neuen deutschen Narkosegerät, eine Röntgenabteilung mit CT, Labor. Die Menschen, die hier arbeiten, sind Freiwillige und arbeiten ohne Lohn. Die Einrichtung gehört keiner politischen Gruppierung an. Meist wird nachts operiert.

Nach und nach kommen die Anästhesie­techniker zusammen; bis alle da sind, habe ich schon drei Tees trinken dürfen. Sofort wird wieder nachgeschenkt, bittersüßer schwarzer Tee. Das Training beginnt, Dr. Alaya übersetzt. Zufälligerweise habe ich ein kleines Handbuch zur Regionalanästhesie dabei, kann Bilder zeigen, auch auf meinem Laptop. Immer wieder neue Fragen, neues Interesse. Wie ein Schwamm wird das Wissen aufgesogen. Wir können nicht zu lange bleiben. Vor Einbruch der Dämmerung sollten wir zurück in der Basis sein. Vorher wird noch gemeinsam gegessen. In einem Keller­raum, der mit Bastteppichen und Matratzen ausgelegt ist, setzen wir uns auf den Boden. In der Mitte werden die Speisen aufgetragen. Es wird mit den Händen gegessen. Die Verabschiedung ist herzlich und mit der Bitte verbunden, doch morgen gleich wieder zu kommen. So fahre ich an meinem „Ruhetag“ wieder ins Bunkerkrankenhaus und werde freudig begrüßt. Die Jungs lächeln mich schelmisch an. Sie haben ein Video aufgenommen. Es zeigt, wie sie in der OP-Nacht die theoretisch gelernten Regionalanästhesieverfahren vom Vortag gleich in die Praxis umgesetzt haben. Sie machen es schon ganz gut, und ihre Erfolge beflügeln sie. Auch wir haben unsere Erfolge: Ali wird überleben. Wir haben ihn erneut operiert und spezielle Nährstoffinfusionen organisieren können. Die fast erstickende Mutter können wir im letzten Augenblick doch noch auf eine Intensivstation in der Türkei verlegen. Die Menschen in Syrien danken es uns. Dieser humanitäre Akt der praktizierten Solidarität gibt ihnen Hoffnung – trotz alltäglichem Krieg und Vernichtung.

 

Der letzte Tag

Wieder fallen Bomben auf Aleppo. Bei laufendem OP-Programm werden plötzlich zwei durch Splitterbomben verletzte Patienten eingeliefert. Diese unscheinbaren, oft nur einen Zentimeter großen Schrapnelle zerfetzen jedes Gewebe. Das Löchlein in der Bauchdecke des jungen Patienten sieht so harmlos aus. Als der Bauch in Narkose eröffnet wird, sehen wir zerfetzte Darmschlingen, die nun herausoperiert werden müssen. Fast gleichzeitig kommt noch ein Not-Kaiserschnitt dazu. Das Kind steckt halb im Geburtskanal fest. Die Saugglocke funktioniert nicht. Der Kaiserschnitt wird auf einer Trage im Nebenraum gemacht, die anderen Verletzten werden im Emergency Room versorgt. Jeder ist beschäftigt, selbst unsere Pharmazie­schwester, der Internist und die Übersetzer packen mit an. Nach einer guten Stunde hat sich die Lage beruhigt. Gerade rechtzeitig kommt die Ablösung aus der Türkei zur Übergabe. Bei meinem Abschied werde ich immer wieder gebeten, doch noch zu bleiben oder zumindest bald zurückzukommen. Aus dem „Bunker­krankenhaus“ ist extra ein Anästhesietechniker gekommen, um noch einmal persönlich Dank zu überbringen. Ich bin gerührt und mir kommt ein Buchtitel aus den Jahren der Nicaragua-Solidaritätsarbeit in den Sinn: „Und ich weiß, dass ich noch bleiben will ...“ Um Mitternacht steht dasselbe alte Taxi mit dem gleichen alten Taxifahrer vor unserer Unterkunft und fährt mich zum Flughafen. Stunden später lande ich in München – an einem friedlichen Sonntagmorgen in einem friedlichen Land.


Jörg Kustermann - Foto: Privat

 

Dr. Jörg Kustermann arbeitet als Anästhesist in einer Gemeinschafts-praxis in Ulm. Außerdem ist der fünffache Vater für Ärzte ohne Grenzen aktiv und nahm u.a. an Projekten in Zentralafrika und Angola teil. Kontakt über: via.medici@thieme.de

 

                                                                

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