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  • Dr. med. Maria Franke
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  • 10.03.2010

Perspektiven in England

Vor wenigen Jahren war England noch das Ziel auswanderungswilliger Jungmediziner aus Deutschland. Obwohl die Briten nach wie vor Ärzte brauchen, haben es deutschsprachige Mediziner heute nicht mehr ganz so einfach, wenn sie dort landen wollen. Wer ein bisschen Erfahrung im Gepäck hat, ist aber auch heute noch "reif für die Insel".

 

landflagge - Foto: davidq@photocase

 

Dr. Carsten Grimm hat "lebenslänglich Insel" - und darüber ist er überglücklich. Vor acht Jahren kam er als AiP nach Manchester. Nun ist er Allgemeinmediziner und Spezialist für Suchtmedizin und fühlt sich in England "pudelwohl". Anfangs wollte der Deutsche nur kurz bleiben. Doch dann fand er schnell Anschluss und lernte die Vorzüge der englischen Weiterbildung zu schätzen.An seinen ersten Stationstag vor acht Jahren erinnert sich Carsten Grimm lebhaft: "Es war chaotisch, aber freundlich."

Er verstand trotz passablem Schulbuchenglisch den nordenglischen Dialekt nicht, und das System war verwirrend anders: So war es für ihn zum Beispiel gewöhnungsbedürftig, dass sich die englischen Ärzte in Teams organisieren, die für Patienten in verschiedenen Stationen zuständig sind und mit verschiedenen Pflegeteams zusammenarbeiten. Zudem musste er zahllose neue Abkürzungen abspeichern und mit den englischen Krankenakten umgehen lernen. Diese bestehen aus mehreren umfangreichen Ausgaben, was sie ziemlich unübersichtlich macht. Carsten Grimm hat diese Stolpersteine dank der freundlichen Hilfe der Engländer aber allesamt locker gemeistert.

England - mehr Medizin, weniger Apparate

Aber was zieht nun deutsche Ärzte nach England? Freundlichkeit ist eine nette Beigabe. Primär sind es wohl aber eher die niedrige Sprachbarriere, der gute Ruf der Weiterbildung und flache Hierarchien. Statt hierarchischen Gerangels erwartet viele Deutsche ein ausgeprägter Teamgeist. Wolfgang Wannoff, Geschäftsführer von Panacea 4U, einer Agentur, die Ärzte nach England vermittelt, erzählt, dass sich deutsche Mediziner oft schwertun, ihre Vorgesetzten mit Fragen zu löchern. Sie sind eher gewohnt, vor Chefärzten zu kuschen.

Fragen sind in England aber unbedingt erwünscht! Und obwohl auch dort viel Bürokratie das Arbeiten erschwert, denken Ärzte deutlich patientenorientierter. Das wird z. B. darin deutlich, dass die Medizin mit weniger Apparaten auskommt als hierzulande. Englische Ärzte verlassen sich in erster Linie auf ihre Sinne und konzentrieren sich auf das klinische Bild. Carsten Grimm ist dies in der Gemeinschaftspraxis in Yorkshire, in der er arbeitet, in Fleisch und Blut übergegangen.

"Eine sorgfältige Anamnese und Untersuchung sind bei jedem Patienten Routine und meistens ausreichend für eine erste Diagnose." So wundert er sich, dass in Deutschland fast jeder Niedergelassene ein Ultraschallgerät hat. Für ihn gehört die Sonografie nicht zur Basisdiagnostik. Braucht er sie dann doch mal, so schickt er den Patienten gleich zum Spezialisten. Grimm ist überzeugt, dass dieses Vorgehen auch eine gute Qualität der Befunde sichert.

Die Weiterbildungsstellen sind gezählt

Noch gibt es einige von Carsten Grimms Sorte in England: deutsche Mediziner, die ihre gesamte Weiterbildung im Vereinigten Königreich absolviert haben. Aber sie werden rar. "Inzwischen ist es eine absolute Ausnahme, wenn es einem deutschen oder anderen europäischen Arzt gelingt, aus dem Stand heraus eine Weiterbildungsstelle in Großbritannien zu erlangen", beobachtet auch Wolfgang Wannoff. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Englische Uniabsolventen haben z. B. noch keine volle ärztliche Zulassung. Sie müssen zunächst eine zweijährige klinische Grundausbildung absolvieren, das Foundation Year (FY1, FY2). Die beiden Jahre werden meist en bloc vergeben, und das Foundation Year 1 entspricht in etwa dem hiesigen PJ. Deswegen haben frischgebackene deutsche Mediziner mit Vollapprobation formal keine Chance auf eine Foundation Year-Stelle.

Wenn englische Mediziner ihre volle Zulassung bekommen, haben sie bereits zwei klinische Jahre in der Tasche. Diese neue englische Grundausbildung ist seit August 2005 in Kraft und hat den damaligen Junior und Senior House Officer abgelöst. Seitdem sind Stellen für Klinikeinsteiger im staatlich geregelten englischen Gesundheitssystem noch genauer abgezählt. Ein erwünschter Nebeneffekt der Reform war es, die Anzahl ausländischer Ärzte zu reduzieren.

Denn als Carsten Grimm nach England kam, gab es zu viele junge Ärzte. Nun wird stärker gesiebt, sodass Ausländer nicht mehr so schnell ins System reinkommen. Auf der anderen Seite ist es jetzt aber auch für junge britische Ärzte schwieriger. Auf eine Foundation Year- Stelle kommen jetzt zwei Bewerber, also einer zu viel. Wer nach dem FY eine Weiterbildungsstelle, ein Specialty Training, anstrebt, muss erst die schwer zu nehmende Hürde des Membership Exams überwinden.

Danach vergibt entweder die jeweilige Fachgesellschaft (Royal College of ...) oder eine lokale Weiterbildungseinheit (Deanery) die Stellen. Auch hier bläst Bewerbern der heftige Wind der Konkurrenz ins Gesicht. In der Herzchirurgie bekommt nur einer von 41 die begehrte Weiterbildungsstelle. Auch deutsche Absolventen dürfen sich auf diese gefragten Stellen bewerben, man sollte allerdings darauf achten, dass man mit dem FY vergleichbare Qualifikationen und Ausbildungszeiten nachweisen kann.

Hat man die gleichen Kompetenzen wie ein englischer Jungmediziner erworben, kann man sich am Glücksspiel beteiligen. Hat man dann das Glück, eine Specialty Training-Stelle zu ergattern, ist der fünfjährige Weg zum Facharzt gebahnt. Das Arbeitsleben auf einem solchen Posten ist, ähnlich wie das eines Arztes im FY, sehr bewegt. Man rotiert etwa alle vier bis sechs Monate in verschiedene Krankenhäuser einer Region, für die man seine Stelle erhalten hat. Doch aufgepasst: Neben den Stellen mit voller Weiterbildungszeit (run-through training) gibt es auch Weiterbildungsstellen, die nur eine Ermächtigung für maximal zwei Jahre Weiterbildung haben (fixed-term specialist training).

Lückenfüller: Locum und RMO

Angesichts der restriktiven Vergabe von Weiterbildungsstellen könnte man annehmen, dass Ärzte in England im Überfluss vorhanden sind. Dem ist aber nicht so. Im Gegenteil. Nach wie vor hat das britische Gesundheitssystem einen großen Bedarf an Ärzten. Grund ist, dass die Arbeit auf immer mehr Köpfe verteilt werden muss, zum einen, damit die Arbeitszeiten den Vorgaben aus Brüssel entsprechen, und zum anderen, weil auch in England der Anteil an Ärztinnen steigt, die in Teilzeit arbeiten.

Neben den zahlenmäßig begrenzten Weiterbildungsstellen gibt es daher viele Stellen, die diese Lücken füllen und den Arzt, der sie besetzt, dem Facharzt nicht näher bringen. Dazu gehören die sogenannten RMOs (resident medical officers), die als Festangestellte vor allem in Privatkliniken wochenweise Dienste kloppen und nur geringen Status genießen. Locums sind hingegen freiberuflich tätige Vertretungsärzte, die bis zu mehreren Monaten an einem Krankenhaus benötigt werden.

Solche Posten gibt es für Ärzte aller Ausbildungsgrade. Besonders begehrt sind allerdings Middlegrade Doctors, also Assistenzärzte im dritten oder vierten Weiterbildungsjahr. "Für deutsche Ärzte, die schon ein paar Jahre auf dem Buckel haben, stehen die Chancen auf eine Locum-Stelle also sehr gut. Es gibt viele freie Stellen", schätzt Carsten Grimm die Lage ein. Wolfgang Wannoff erklärt, dass auch immer noch Fachärzte in England gesucht werden. Zwar hat sich die Lage in den chirurgischen Fächern entspannt, aber in der Inneren Medizin ist der Bedarf noch groß.

Feuerwehrmediziner, also Hausärzte, die für Dienste am Wochenende nach England fliegen, werden dagegen immer weniger gebraucht. Zudem ist der Job für Deutsche nicht mehr so attraktiv. Denn die Aushilfsärzte dürfen aufgrund neuer Bestimmungen für Bereitschaftsdienste nicht mehr so viele Stunden am Stück arbeiten und werden auch nicht mehr so gut entlohnt.

England konkret

In Zeiten, in denen es schwer ist, eine Specialty Training-Stelle zu ergattern, öffnen sich mit RMO- und Locum-Stellen also neue Perspektiven. Auf Stellensuche kann man auf der Homepage des British Medical Journal (BMJ), direkt beim NHS oder bei Vermittlungsagenturen gehen. Die "Aushilfsjobs" können auch ein Sprungbrett sein. Wer einmal als Locum in England gearbeitet hat, kennt das System und beherrscht die Sprache.

Damit hat er seinen Wettbewerbsnachteil gegenüber englischen Bewerbern wettgemacht und kann als Quereinsteiger leichter an einen Specialty Training-Posten herankommen. Wissenschaftlich Interessierte können aber auch Forschungsstellen zum Einstieg ins System nutzen. Wer die Facharztanerkennung in Deutschland anstrebt, könnte darauf spekulieren, dass ihm die Zeit als Locum von der Ärztekammer in Deutschland anerkannt wird.

Doch Wolfgang Wannoff warnt davor, sich darauf zu verlassen: Da man als Locum oft nur wenige Wochen bis Monate an einem Ort eingesetzt ist, würde man die Mindestzeit von sechs Monaten für die Weiterbildung, die von deutschen Ärztekammern gefordert wird, oft nicht erreichen. Und selbst wenn diese Hürde genommen ist, wird es schwierig, sich die Zeit als deutsche Weiterbildung vom englischen Vorgesetzten bestätigen zu lassen.

Wer unbedingt gleich direkt ins britische Specialty Training-System durchstarten möchte, dem empfiehlt Arztvermittler Wannoff, sich gut auf die aufwendige und bürokratische Bewerbung vorzubereiten, also einen Sprachkurs mit Bewerbungstraining zu belegen und sich auf jeden Fall coachen zu lassen. Am besten von einem englanderprobten deutschen Arzt. Denn ohne Vorbereitung ist das Panel Interview, ein Bewerbungsgespräch vor einem Komitee, nicht zu schaffen.

Wannoff weiß, dass Fragen wie "Haben Sie schon Qualitätssicherheitsstudien durchgeführt?" einen ganz schön ins Trudeln bringen können. Und Vorsicht vor dem ausgeklügelten rhetorischen Ballett der Briten. Die höfliche Frage "Could you please … if you don't mind?" lässt weniger Raum für eine freie Entscheidung, als man primär vermuten könnte. Ein "No" ist die falsche Antwort.

Linktipps

Für das Foundation Year kannst du dich hier bewerben:

Offizielle Seite des Foundation Programme

Infos zur englischen Facharztweiterbildung

Locumstellen werden auf folgenden Seite angboten:

BMJ Careers

NHS Jobs

 

Die Arbeitszulassung für England bekommst du hier:

 

General Medical Council

 

Weitere Fragen kann dir z.B. eine Vermittlungsagentur beantworten:

 

Panacea 4U

 

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