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  • Daniela Erhard
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  • 12.04.2017

Weiterbildung im Ausland – Großbritannien

Bessere Arbeitsbedingungen, höhere Löhne, oder einfach mal raus aus Deutschland – das sind nur einige Gründe, warum junge Ärzte einen Teil oder die gesamte Weiterbildung im Ausland absolvieren. Doch geht das so einfach?

Eigentlich wollte Carla Lauf nur 2 Monate ihres PJs in Edinburgh verbringen. Doch dann ermunterten ihre dortigen Kommilitonen die Medizinstudentin aus Mannheim: „Bewirb dich doch mit uns für das weitere Ausbildungsprogramm.“ Das war 2004, kurz vor Laufs 2. Examen. Sie reichte ihre Unterlagen über das Internetportal der Organisatoren ein und erhielt eine Stelle. „Ich musste mich nur einmal kurz vorstellen. Das war's“, wundert sich die angehende Gastroenterologin noch heute. Inzwischen geht es nicht mehr ohne Auswahlgespräche und Tests. 

Der Anfang: 2 Jahre "Foundation"

Bevor man in Großbritannien mit der eigentlichen Weiterbildung beginnt, steht zunächst das 2-jährige „Foundation Programme“ an. Als Carla Lauf im August 2005 in einer Glasgower Klinik anfing, gehörte sie zu den ersten, die in das neu geschaffene Programm aufgenommen wurden.

Jedes Foundation Year (FY) besteht aus 3 Tertialen, wobei das erste Jahr mit unserem PJ vergleichbar ist:

  • Im FY1 rotiert man durch die Innere Medizin, Chirurgie sowie ein Wahlfach.
  • Im FY2 muss man mindestens ein Mangelfach bzw. Allgemeinmedizin belegen. Außerdem bietet sich hier die Gelegenheit, 4 Monate in der Forschung zu verbringen.
Carla Lauf hat es nicht bereut, trotz PJ nochmals beide Foundation Years durchlaufen zu haben. „Man bekommt ein viel breiteres Wissen, wenn man durch die verschiedensten Fächer rotiert“, so Lauf. „Außerdem hat mir die praktische Erfahrung aus dem PJ sehr geholfen, mit den Arbeitsanforderungen klarzukommen.“

Wer seine Stelle im FY antritt, muss damit rechnen, schon am ersten Tag zum Nachtdienst eingeteilt zu werden. Einer Bekannten von Carla Lauf ist es so ergangen. Sie selbst hatte nach 3 Wochen den ersten Dienst. „Klar kann man bei Unsicherheiten einen Facharzt wachklingeln“, sagt die Ärztin. „Aber man hat einfach so viel zu tun, dass man nicht ständig den Senior holt – und daher selbst entscheiden muss.“

Alternativen zum Foundation Programme

Die Foundation ist Pflicht – und Voraussetzung für die Weiterbildung. Mittlerweile werden deutsche Absolventen jedoch nicht mehr wie Carla Lauf ins normale Foundation Programme aufgenommen. Sie gelten formal als überqualifiziert für das FY1. Trotzdem ist eine reguläre Weiterbildung an einer britischen Klinik möglich, z. B.

  • wenn man nach dem PJ noch ein einzelnes FY2 ableistet oder
  • nach dem PJ insgesamt 1 Jahr Arbeitserfahrung in mindestens 2 Fachgebieten gesammelt hat.
Mit dieser äquivalenten Erfahrung ist man ebenfalls zur Bewerbung um eine Weiterbildungsstelle zugelassen.

Anrechnung auf die Weiterbildung?

Möchtest du nach der Foundation – wie Carla Lauf – deine Weiterbildung in Deutschland machen, kannst du versuchen, Teile davon bei deiner zuständigen Landesärztekammer (LÄK) anrechnen zu lassen.

Voraussetzung ist jedoch, dass du mehr als 6 Monate an einer Klinik tätig warst. Durch die Wechsel während der Rotation kann das schwierig werden. Bei Carla Lauf hat es funktioniert. Sie hat ihre Foundation an 2 kooperierenden Krankenhäusern absolviert und hatte dort z. T. dieselben Betreuer. Diese stellten ihr ein Zeugnis über den gesamten Zeitraum aus. „Die 12 Monate in den Fächern der Inneren Medizin hat mir die Ärztekammer für meine Weiterbildung in der Gastroenterologie anerkannt.“

Wichtig für die Anerkennung von Leistungen auf die Weiterbildung ist ein ausführliches Zeugnis – und zwar als Kopie des Originals sowie in beglaubigter deutscher Übersetzung. Am besten stellst du den Antrag direkt nach deiner Rückkehr. Bei den meisten LÄK ist das online möglich.

Weiterbildungsprogramme

Zugangsbedingungen

Auch mit abgeschlossenem Foundation Programme ist es noch schwierig, eine Weiterbildungsstelle zu ergattern. Das Bewerbungs- und Auswahlverfahren ist hart und die Konkurrenz groß: In der ersten Runde kommen durchschnittlich etwa 2 Bewerber auf eine Stelle – je nach Fach kann das Verhältnis auch deutlich höher ausfallen. „In meinem Freundeskreis hat eigentlich niemand eine Stelle in seinem Wunschfach bekommen“, sagt Lauf. Die meisten hätten dann Angebote in der Allgemeinmedizin angenommen – und praktizierten nun als General Practitioner.

Neben den üblichen schriftlichen Tests und Auswahlgesprächen müssen Ausländer zudem einen internationalen Englischtest (IELTS) mit mindestens 7 Punkten pro Prüfeinheit abschließen.
Selbst wer gut Englisch kann, sollte die Sprache nicht unterschätzen, mahnt Carla Lauf. „Vor allem das medical English muss man beherrschen, sonst gerät man schnell in Rückstand.“

Plane einen Großbritannien-Aufenthalt gründlich und vor allem rechtzeitig!

  • Die Bewerbungen für Foundation / Weiterbildungsprogramm starten bereits im Juli / Dezember des Vorjahres.
  • Auch der Sprachtest kann nicht überall und jederzeit abgelegt werden.

Das Speciality Training

Das eigentliche Weiterbildungsprogramm in Großbritannien dauert je nach Fachgebiet zwischen 3 und 7 Jahren. In Fächern wie Pädiatrie, Gynäkologie oder Allgemeinmedizin findet das Specialty Training im sog. Run-through-Modus statt. Hier ist einem die Assistenzarztstelle für die Dauer der Weiterbildung sicher. Bei entsprechendem Lernerfolg rutscht man automatisch ins nächste Weiterbildungsjahr.

In den chirurgischen und psychiatrischen Fächern sowie in der Anästhesie und der Notfallmedizin durchläuft man zunächst ein jeweils 2-jähriges Core Training (CT), an das sich die weitere Spezialisierung anschließt. Nach dem 2. CT-Jahr steigt man direkt ins 3. Jahr des Specialty Trainings ein – allerdings muss man sich um diese Stellen wieder bewerben.

Anerkennung des britischen Facharztes

Hast du nach deiner Weiterbildung in Großbritannien das Abschlusszertifikat (CCT) erworben, wird dein Facharzttitel gemäß EU-Richtlinie 2005/36/EG auch in Deutschland anerkannt. Allerdings gibt es in Großbritannien insgesamt 65 Fachgebiete – und damit mehr als bei uns.

So kann man z. B. seinen Facharzt in Palliativ-, Intensiv-, Notfall- oder Tropenmedizin machen, während diese Fächer in Deutschland nur Zusatzweiterbildungen darstellen. Die Briten trennen außerdem Dermatologie und Geschlechtskrankheiten in 2 eigenständige Fachgebiete auf. Erkundige dich vorab bei deiner Ärztekammer, ob und in welcher Form dein späteres Zertifikat anerkannt wird.

Sonstige Möglichkeiten

Kürzere Aufenthalte

Alternativ kannst du auch einen Teil der Weiterbildung in Großbritannien absolvieren. Geeignet dafür sind Stellen als Locum (Locum Appointed for Training; LAT). Dabei handelt es sich um Positionen, die zur Weiterbildung anerkannt sind, aber nicht durch Ärzte im Specialty oder Core Training besetzt wurden. Das Problem: Diese Stellen sind zeitlich befristet, und zwar auf wenige Monate. Wie für alle Auslandsaufenthalte gilt aber auch hier: Die LÄK erkennen Tätigkeiten < 6 Monaten grundsätzlich nicht an! Auch Hospitationen, Gastarztaufenthalte oder Kurse werden nicht auf die Weiterbildung angerechnet.

Voraussetzungen

Viele Arztstellen in Großbritannien stehen ausländischen Bewerbern nur offen, wenn sie bereits Arbeitserfahrung im Land gesammelt haben. Oft werden 6 Monate bis 2 Jahre gefordert. Doch auch Gastaufenthalte während des PJs oder der Famulatur sind hilfreich: „Man kennt das System schon“, betont Carla Lauf. Das erleichtert den Weg zur Weiterbildungs- oder Locumstelle. Die British Medical Association empfiehlt als Dauer für solche Aufenthalte 2 bis maximal 4 Monate.


Arbeitsbedingungen

Egal für welche Art des Aufenthalts du dich entscheidest – die Rahmenbedingungen sind gut: Vor allem die Bezahlung ist besser als in Deutschland.

Während das Jahresgrundgehalt in der Foundation noch bei 22.400–27.800 £ (ca. 27.800–34.470 €) brutto liegt, sind in den ersten 3 Jahren des Core bzw. Specialty Trainings auf einer Locum-Position 29.700–46.700 £ möglich. Das entspricht z. Z. rund 37.000–58.000 €.
Zwar seien die Arbeitszeiten laut Dienstplan höher als bei uns, so Lauf. „Dafür macht man aber auch kaum Überstunden, und es gibt weniger Bürokratie.“

Fazit

Fazit Aufenthalte in Großbritannien sind nach wie vor attraktiv. Stellen sind jedoch nicht mehr so einfach zu bekommen wie früher. Die deutschen Ärztekammern erkennen die meisten Facharzttitel des britischen Systems an – Leistungen aus kürzeren Aufenthalten können (ggf. teilweise) auf die Weiterbildung angerechnet werden. Weitere Infos rund um Foundation und Specialty Trainings gibt es unter

http://www.foundationprogramme.nhs.uk

und

http://www.mmc.nhs.uk

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