• Interview
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  • Maren Hönig
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  • 07.09.2020

Wie ist die Arbeit als deutsche Ärztin in der Schweiz?

Über die Arbeit von Ärztinnen und Ärzten in der Schweiz gibt es viele Vorurteile. Maren hat eine Ärztin gefragt, die es besser wissen muss. Dr. Gina Speiermann ist Deutsche und arbeitet in der Schweiz.

 

Der Bedarf an Ärztinnen und Ärzten in der Schweiz groß. Doch die abgehenden Studierenden der sieben Schweizer Medizin-Universitäten sind so wenige, dass sie nur ein Fünftel des Bedarfs decken. Ein Großteil der Ärzte, die in der Schweiz arbeiten, kommen daher aus dem Ausland. Die meisten davon aus Deutschland,  gefolgt von Italien und Frankreich.
Unser Nachbarland begibt sich ganz bewusst in eine Abhängigkeit, spart nebenbei die Kosten für die lange und teure Ausbildung der Mediziner und bekommt im Gegenzug top ausgebildete Ärzte. Jene kommen allerdings nicht ganz umsonst. Damit diese Symbiose im Bereich des medizinischen Sektors zwischen den Ländern bestehen kann, benötigt es eine Art „win-win“-Situation.

Wie die Konditionen für Deutsche sind, die in der Schweiz arbeiten, habe ich von Dr. Gina Speiermann erfahren. Aktuell arbeitet sie als Oberärztin in der Gynäkologie des Kantonsspitals Münsterlingen. Ihr Medizinstudium absolvierte sie in München, wo sie im Herbst 2013 das Examen ablegte. Seit 2014 war sie in unterschiedlichen Häusern in der Schweiz tätig und beendet dort nun auch ihre weiterführende Facharztausbildung.

 

Frau Dr. Speiermann, wie haben die Schweizer auf Sie als „Ausländerin“ reagiert? Man hört oft das Vorurteil, dass Deutsche nicht herzlich aufgenommen werden.

Überhaupt nicht! In meiner gesamten Zeit in der Schweiz, egal ob Zürich, Frauenfeld, Münsterlingen oder an anderen Spitälern, hatte ich nie das Gefühl, nicht dazu zu gehören. Die Eingliederung ist gut, es sind viele andere Deutsche auf den Stationen. Die Schweizer wissen um die Situation, dass deutsche Ärzte gebraucht werden, weil die Schweiz selbst zu wenig Ärzte ausbildet. Die Mentalität ist sehr offen, auch wenn es sicher immer individuell ist. Wenn man freundlich auf die Schweizer zu geht, sind sie auch freundlich im Gegenzug. Ein einziges mal in meiner Laufbahn schimpfte eine Patientin, die nicht einmal meine war, im Aufzug „Schrecklich! Alles Deutsche hier!“ Von Seiten meiner Kollegen oder eigenen Patienten jedoch erfuhr ich niemals etwas in diese Richtung. Daher glaube ich sagen zu können, dass man von den Schweizern durchaus offen empfangen und aufgenommen wird.

 

Stimmt es, dass die Arbeitsbelastung in der Schweiz wesentlich höher ist als in Deutschland?

Auch das ist sicher individuell. Ja, es ist Fakt, dass eine Mindestanzahl von 50 Stunden pro Woche hier die Norm sind. Jede Überstunde wird einem im Gegenzug allerdings auch angerechnet und - je nach Spital - fair bezahlt. Der Arbeitsalltag eines Mediziners erfordert immer und überall volle Konzentration, egal wo man seine Tätigkeit ausübt. Hier in der Schweiz erfordert es das System, dass die Abläufe detaillierter und strukturierter geregelt sein müssen. Gleichzeitig habe ich im Schnitt mehr Zeit für meine Patienten als es in Deutschland vielleicht üblich ist. Hier wird insbesondere viel Wert auf genaue elektronische Dokumentation gelegt, was natürlich Zeit erfordert, aber für einen viel besseren Austausch unter den versorgenden Ärzten und dem Pflegepersonal sorgt. Dies wiederum ermöglicht eine allumfassendere Versorgung der Patienten.

 

Gibt es Unterschiede in der fachärztlichen Weiterbildung zwischen Deutschland und der Schweiz?

Wie schon gesagt, legt das schweizer System größten Wert auf eine strenge, detaillierte Dokumentation. Alles wird elektronisch festgehalten. Man tauscht sich ausführlich über die Patientenbelange aus. Die langzeitliche Betreuung fällt dabei oft leichter. Der Fokus des Schweizer Systems auf viel Theorie und Intellekt fällt vermutlich auch bei der Facharztausbildung ins Gewicht. Von einer Freundin, welche ihren Facharzt in der Gynäkologie in Deutschland gemacht hat, weiß ich, dass der Fokus dabei mehr auf den praktischen Fähigkeiten liegt. Außerdem muss man für den Facharzt in der Schweiz an mindestens zwei unterschiedlichen Spitälern gewesen sein, wohingegen man diesen in Deutschland immer an ein und demselben Haus beenden kann. Darin sehe ich eventuell einen Vorteil, da Stellen länger besetzt sind. Die Teamstabilität ist durch diese Beständigkeit auf Dauer eventuell besser. Allerdings empfand ich es nie als Nachteil, an mehreren Spitälern zu sein. Dadurch erweitert man ja gleichzeitig seinen Erfahrungshorizont und lernt mehrere mögliche Behandlungsstrategien kennen.

 

Zwar habe ich das Gefühl, die Antwort bereits zu kennen, dennoch meine letzte Frage: Haben Sie die Entscheidung in der Schweiz zu arbeiten jemals bereut?

Keine Sekunde! Sicher gibt es im Leben bzw. in der Karriere immer Momente, in denen man sein Handeln, seine
Entscheidungen hinterfragt und auch ich stand bereits an solchen Punkten. Doch ich würde mich immer wieder genauso entscheiden.

Das sind erfüllende Worte und es ist jedem Medizinstudierenden zu wünschen, dass man am Ende seines langen Weges der Ausbildung einmal zurückblickt und sich denkt, die folgerichtigen Entscheidungen getroffen zu haben. Dass man glücklich mit seiner Tätigkeit ist, in genau jenem Land oder auf jenem Kontinent, in/auf dem man den Beruf des Arztes ausführen darf.

 

 

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