• Tipp
  • |
  • Via medici
  • |
  • 13.01.2005

So punktet man beim Bewerbungsgespräch

Via medici hat einen standardisierten Fragebogen an 1.400 Chefärzte geschickt, 475 haben unsere Fragen beantwortet. Hier die Ergebnisse zum Thema Bewerbungsgespräch.

Arzt mit iPad - Foto: picture factory, Fotolia.com

 

"Mit offenem Hemdkragen, leicht zerknittert und erheblich verspätet, erschien ich am Aschermittwoch im Vorzimmer von Professor V., Ordinarius für Neurologie einer süddeutschen Universitätsklinik. Ich hatte bis dahin nur in der Psychiatrie gearbeitet und keine Ahnung von Neurologie als Wissenschaft. Als mich ein starrer Blick der Chefsekretärin traf, wurde mir sogleich bewusst, dass es falsch war, im Vorzimmer eine Zigarette zu rauchen. Ich drückte sie im Blumenkasten aus. Die Sekretärin schickte mich in die Patientenaufnahme. Sie hatte mich offenbar nicht für einen Bewerber gehalten. Nach längerem Warten wurde ich an das Chefvorzimmer zurückverwiesen. Dort wartete ich eine Stunde, bis der Chef erschien. Er war sehr in Eile, bot mir aber knapp und höflich einen Stuhl und damit zugleich die Stelle eines wissenschaftlichen Assistenten an ..."

Dieses Bewerbungsgespräch fand vor 25 Jahren statt. Der einstige Medizinalassistent ist inzwischen Chefarzt einer neurologischen Abteilung. Seit damals hat sich einiges geändert. Es ist schwierig geworden, eine AiP- oder gar eine Assistentenstelle zu bekommen und noch schwieriger, die Wunschstelle zu ergattern. Die Chefärzte müssen aus einem Stapel von Bewerbermappen ihre Kandidaten herausfischen und laden einige Auserwählte zum Vorstellungsgespräch ein.

 

Nicht nur die Chefs treffen die Entscheidung

Bei fast allen Bewerbungsgesprächen werden Sie die Chance haben, Ihren (hoffentlich) künftigen Chef kennenzulernen. Nur 3 von 100 Chefärzten lassen sich durch einen ihrer Mitarbeiter vertreten. In etwa der Hälfte aller Fälle werden Sie zwei oder mehr Personen gegenübersitzen oder nacheinander von mehreren Mitarbeitern des Hauses befragt werden. Dabei handelt es sich meist um einen Oberarzt, aber auch Assistenzärzte, Pflegedienstleiter oder Mitarbeiter der Personalverwaltung können anwesend sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie "Ihren" Termin mit Konkurrenten teilen müssen, ist eher gering. Nur knapp 4% der Chefärzte bevorzugen diese zeitsparende Methode. Auch wenn dem Bewerber das Gespräch vielleicht wie eine halbe Ewigkeit vorkommt: In 61% der Fälle dauert es zwischen einer viertel und einer halben Stunde. 31% der Chefs nehmen sich bis zu einer Stunde Zeit. Allerdings schaffen es 4% der Chefärzte, ihre Wahl nach einem höchstens 15minütigen Gespräch zu treffen. Übrigens: Wer zu spät zu seinem Vorstellungsgespräch erscheint, weil er keinen Parkplatz gefunden, den Zug verpaßt oder verschlafen hat, hat es sich mit 91% der Chefärzte verdorben!

 

Das Outfit ist wichtig

Ein Bewerbungsgespräch sollte sorgfältig vorbereitet werden. Dazu gehrt auch, dass man sich Gedanken über sein Äußeres macht. Denn 70% der Chefs legen Wert auf korrekte Kleidung, nämlich Anzug oder Kostüm. Beim Outfit wird auch auf Kleinigkeiten geachtet: Chefärzte klagten im Fragebogen über schmutzige Fingernägel und ungewaschene Hände der Stellenanwärter. 59% der Chefs wünschten sich Bewerber mit "persönlicher Note". Dabei ist vielleicht nicht unbedingt ausgefallene Kleidung gemeint. Denn ein Chefarzt verriet uns: "Zuviel Originalität ist schädlich, zuviel Dressing ungünstig."

 

Auftreten beim Bewerbungsgespräch

Sicher, aber nicht zu selbstsicher: Ehrlichkeit ist oberstes Gebot bei Vorstellungsgesprächen. Das hoben zahlreiche Chefärzte in unseren Fragebögen hervor. Sicheres Auftreten des Bewerbers wünschten sich 77% unserer Chefärzte. Dies wurde jedoch durch verschiedene Kommentare relativiert: "Zu selbstsicheres Auftreten schadet" oder "selbstsicher, aber bescheiden" oder "den Eindruck einer sicheren, aber keineswegs perfekten Gesamtpersönlichkeit vermitteln". Wie man diese Gratwanderung zwischen selbstsicherer Prahlerei und schüchterner Zurückhaltung überwindet, ist vielleicht eines der schwierigsten Probleme beim Vorstellungsgespräch. "Kommen Sie mit einem freundlichen Gesicht ins Zimmer", empfahl ein Chefarzt einer anästhesiologischen Abteilung. Als positiv wurde auch ein kräftiger Händedruck erwähnt, die Fähigkeit, dem Gegenüber in die Augen sehen zu können sowie ein "lebhaftes, offenes Auftreten". Einige Chefs schätzen auch Schlagfertigkeit und Begeisterungsfähigkeit.

 

Wichtig: klare Zielvorstellungen:

"Bewerber mit einem klaren beruflichen Ziel werden bevorzugt." "Der Bewerber sollte seine Langzeitperspektiven nennen können." Wenn man nicht ohnehin ein Ziel vor Augen hat, sollte man sich vor einem Bewerbungsgespräch überlegen, was man an dieser Stelle sagt. Rechnen Sie durchaus auch mit fachlichen Fragen. 77% aller Chefärzte werden Ihnen fachbezogene Fragen stellen. Nicht jeder Chef ist freilich der Ansicht, "der Bewerber sollte das jeweilige Lehrbuch für das Fach auswendig kennen." Unter fachbezogene Fragen fallen auch Fragen nach erlernten Untersuchungstechniken, besuchten Fortbildungskursen, der Doktorarbeit oder EDV-Kenntnissen. Fast genauso häufig (in 67%) werden Ihnen Fragen über Ihre Bereitschaft zu Überstunden und Wochenenddiensten gestellt werden. Über die Hälfte der Chefs wollen auch Ihre Einstellung zu wissenschaftlichem Engagement herausfinden. Man sollte aber nicht unbedingt "überdurchschnittliches Engagement zeigen" und zu sehr mit seiner Einsatzbereitschaft und Belastbarkeit prahlen, denn "Bewerber, die sich zu sehr selbst darstellen, haben es nötig und sind dann die größten Nieten". Fragen zum Zeitgeschehen oder zur persönlichen Einstellung zu § 218, Abtreibung und Sterbehilfe sind eher selten: nur 16% bzw. 37% der Chefs fanden diese Fragen wichtig. Auch nach Hobbys und persönlichen Interessen werden Sie nur rund ein Viertel (23%) aller Chefärzte fragen. Dennoch schrieben uns viele, wie wichtig sie "Interesse an Grenzgebieten wie Ethik und Philosophie" fänden, dass sie "Engagement in Jugendgruppen oder Studentenorganisationen" ebenso wie künstlerische Interessen zu schätzen wüssten. Vor allem Orthopäden scheinen Wert darauf zu legen, dass ihr künftiger Mitarbeiter Sport treibt, und ein Chef einer Abteilung für Innere Medizin meinte: "Sportler sind meist faire Mitarbeiter." Andererseits: Bewerber sollten "Freizeitaktivitäten bescheiden darstellen, nicht mit Auslandsaufenthalten protzen und keine politischen Zugehörigkeiten herausstreichen". Fragen nach der Familienplanung sind für 20% der Chefärzte wichtig. Frauen wird diese Frage jedoch wesentlich häufiger gestellt als Männern. Ein Pädiater schrieb uns, dass die "Einstellung von Frauen bekanntlich schwierig ist". Ein Kollege aus der Anästhesie bekannte, er habe vor kurzem dennoch einer "auffallend hübschen Assistenzärztin" eine Stelle gegeben, da sie zudem auch "tüchtig" gewesen sei.

 

Fragen, mit denen man rechnen muss

Es gibt noch mehr Fragen, mit denen man bei einem Vorstellungsgespräch rechnen muss. Dazu gehrt auch die Frage, warum man "der oder die Beste ist", die ein Chefarzt einer internistischen Abteilung gerne stellt. Andere Chefärzte möchten wissen, "warum man Medizin studiert hat" oder "was der Bewerber in die Klinik einbringen kann". Gemeint sind damit nicht nur fachliche Qualifikationen, sondern auch Kenntnisse in Statistik, Hygiene, EDV oder Betriebswirtschaftslehre. Ein Chef fragt gerne nach Schlüsselerlebnissen während des Studiums - und bedauert, selten eine Antwort zu erhalten.

 

Auch selbst Fragen stellen!

Viele Chefärzte schätzen es, wenn man im Vorstellungsgespräch selbst Fragen stellt. Besonders erwünscht sind Fragen zur Möglichkeit der Teilnahme an diagnostischen Funktionen. Über 80% der Chefärzte hielten diese Frage für angebracht. Auch Nachfragen zu Forschungsprojekten im Haus und der Perspektive für das eigene wissenschaftliche Arbeiten werden positiv aufgenommen. 62% der Chefärzte finden Erkundigungen über die Zahl der künftig zu betreuenden Patienten oder die Stationsbesetzung wichtig und sogar mehr als drei Viertel (76%) geben gerne über Rotationsmöglichkeiten zwischen den Abteilungen Auskunft. Auch die Frage nach der Übernahmemöglichkeit nach dem AiP halten 67% der Chefs für angebracht. Aber nur an einem Drittel aller Kliniken bestehen gute oder sehr gute Übernahmebedingungen für AiPler!

Verpönt ist allerdings, wenn sich der Stellenanwärter über die Bezahlung der Überstunden informieren will. Nur 35% der Chefs würden eine solche Frage tolerieren. Wer sich völlig unbeliebt machen will, kann sich auch nach der Höhe der Poolbeteiligung erkundigen: 58% der Chefärzte finden diese Frage unpassend.

 

Motivation zeigen!

Engagement und Motivation waren häufige Wörter in unserem Fragebogen. Einige Chefärzte nannten auch Möglichkeiten, wie man Motivation zeigen kann: mit der Bitte, durch die Abteilung geführt zu werden, oder der Frage, ob man einige Tage in der Klinik hospitieren darf.

Manche Chefs gaben uns zu verstehen, dass sie dies als Zeichen des "besonderen Interesses an einer Mitarbeit in ihrer Klinik" besonders schätzen. Andere Chefärzte bieten die Möglichkeit einer Hospitation auch von sich aus an. Eine kurzzeitige Hospitation hat für beide Seiten Vorteile: Der Bewerber kann die Klinik kennenlernen, und der Chef kann feststellen, ob sein Kandidat ins Team passt.

 

Zwischen Rotwein und Champagner

Der Vorhang fällt, die Pforten der Klinik schließen sich, die bangen Minuten des Vorstellungsgesprächs sind vorüber. In einigen Tagen wird man mehr wissen. Dann kann man den Champagner kalt stellen und einen Freudentanz aufführen - oder die Enttäuschung in zwei Flaschen Rotwein ertränken und in einer vorzugsweise dunklen Kneipe über den Sinn des Lebens philosophieren. Trotzdem keine Panik, keine Kurzschlussreaktionen, bitte: Denn immerhin 24% aller Chefärzte finden es schwierig, einen gut geeigneten AiP zu finden. Also geben Sie nicht auf! Sie wissen ja jetzt, wie das Spielchen funktioniert und haben Ihren Konkurrenten daher einiges voraus.

"Dran bleiben!" Wer trotz aller Versuche zunächst erfolglos ist, hat einige Möglichkeiten, seine Chancen zu verbessern. Je mehr Qualifikationen Sie sammeln, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie der Wunschkandidat in Ihrer Wunschklinik sind. Die Fortbildungen, die Sie besuchen, sollten natürlich auf Ihr Wunschfach abgestimmt sein. Psychiater wünschen sich beispielsweise Bewerber, die durch Teilnahme an einer Balint-Gruppe oder Gruppentherapiekursen ihr Interesse am Fach bekunden. Mehrere Orthopäden nannten Kurse in Manueller Medizin als zusätzliche Qualifikation. Immer gern gesehen ist der Fachkundenachweis Rettungswesen: Erfahrungen in Notfallmedizin kann man in fast jedem Fachgebiet einsetzen. Strahlenschutzkurse und Ultraschallkenntnisse sind ebenfalls erwünscht. Leider sind diese Kurse selten kostenlos, aber für arbeitslose Ärzte und Studenten oft deutlich billiger.

Alternativen zu fachlichen Qualifikationen sind beispielsweise Computerkurse und Fortbildungen über Hygiene oder Statistik. Nachtwachen oder Tätigkeit im Pflegedienst bieten die Möglichkeit eines eventuellen Kontakts zu Chefärzten und signalisieren Engagement für Patienten. Das Nachreichen des Zertifikats eines soeben absolvierten Kurses ist eine weitere Möglichkeit, sich dem Chef wieder in Erinnerung zu rufen. Und auf jeden Fall: "dran bleiben", "anhaltendes Interesse bekunden", "telefonische Nachfrage nach dem Stand der Bewerbung". Das empfehlen die Chefärzte in unserer Umfrage. Und Via medici wünscht viel Glück und viel Erfolg bei der Stellensuche!

 

Auserlesene Zitate der 475 Chefärzte:

  • Leistungswillig, krisenfest, bereit zu dienen, Fremdbestimmung ertragen können, seine Patienten lieben und sich von seinem Chef fachlich und menschlich führen lassen - dann ist man richtig!
  • Ellenbogentypen fallen durch. Menschliche Bewerber, die Ruhe ausstrahlen, haben bessere Chancen.
  • Mütter müssen sich in das Reglement der Abteilung einfügen. Sonderregelungen für Mütter führen bei anderen Mitarbeitern zu Aggressionen.
  • Die persönliche Vorstellung bedarf der Vorbereitung: Man sollte überlegen, welche persönlichen Fähigkeiten und Eigenschaften einen für die vorgesehene Aufgabe attraktiv machen, und schon vorher wissen, was man fragen möchte.
  • Mein eigenes Vorstellungsgespräch dauerte etwa zwei Minuten - und ich blieb fünfzehn Jahre.
  • Bei AssistenzanwärterInnen ist Vorstellung zusammen mit dem Ehepartner begrüßenswert.
  • Eure Rede sei "ja, ja" oder "nein, nein", alles darüber ist von übel.
  • Zuviel Interesse am Fach ist verdächtig!
  • Bewerbung um eine Medizinalassistentenstelle in der Gynäkologie 1964: Chef: "Schade, dass sie kein Mann sind!" Bewerberin: "Ich fürchte, ich kann's nicht mehr ändern."

 


 

Detaillierte Infos zum Thema Bewerbung gibt's im Infopaket Bewerbung!

 

 

Mein Studienort

Medizinstudenten berichten aus ihren Unistädten

Werde Lokalredakteur Die Unistädte auf Google Maps
Medizin im Ausland

Erfahrungsberichte und Tipps aus über 100 Ländern

Erfahrungsbericht schreiben Auslands-Infopakete

Via medici - das Fachmagazin

Cover Via medici 2.14
Aktuelle Ausgabe Kostenlos testen Via medici abonnieren

Die nächste Ausgabe erscheint am 23.05.2014